100 Jahre, kein bisschen tot

Siegfried Zepfs Freud-Lektüre eröffnet neue Perspektiven

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, streckte die Zunge heraus. Und unter dem Bild stand die Schlagzeile: "Freud pas mort!" Mit dieser Fotomontage kommentierte im Sommer 2000 das französische Nachrichtenmagazin L'Express den seit 100 Jahren immer wieder neu - und immer wieder falsch - prophezeiten Tod der Psychoanalyse. So viel gallische Ironie musste teutonischen Humor provozieren. Also erschien ein paar Wochen später auf dem Titelblatt eines Hamburger Nachrichtenmagazins Gretchen, den Kopf voller Schrauben, die Augen erwartungsvoll gen Himmel gerichtet, vor ihr ein Seelenklempner mit unpassendem Schraubenschlüssel, ratlos. Und wer den Spiegel (Nr. 36/2000) aufschlug, erfuhr, warum "der Mensch sich nicht therapieren, erziehen und beeinflussen läßt" und allerlei sonstige "Mythen, Lügen und Irrtümer" der Psychotherapie.

Kein Grund zum Klagen. Der Himmel hilft auch Patienten von Primärkassen, die länger als andere auf einen Psychotherapieplatz warten und während dieser Wartezeiten teure somatische Fehlbehandlungen und die Chronifizierung ihrer psychischen Leiden in Kauf nehmen müssen, weil für ihre Psychotherapiestunden - entgegen höchstrichterlichem Spruch, wonach 145,- DM zu vergüten wären - noch immer Honorare gezahlt werden, für die kein Frisör zum Kamm, geschweige denn ein Klempner zum Schraubenschlüssel greifen würde.

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Das zeigen die Ergebnisse einer Untersuchung, die unlängst im Saarland abgeschlossen worden ist. Siegfried Zepf, Direktor des Instituts für Psychoanalyse, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin der Universität des Saarlandes und Leiter der Studie, versteht Psychotherapie denn auch nicht als elitäres Gut, vielmehr als ein Angebot, das bei Bedarf jedem psychisch Kranken ausreichend zur Verfügung stehen sollte. Der Zeitgeist ist offenbar nicht dieser Auffassung, um von jenen Kassenvertretern und Ärztefunktionären ganz zu schweigen, die für die finanzielle Austrocknung der Psychotherapie verantwortlich sind.

Immer nur Papa und Mama, nichts Gesellschaftliches?

Das kritische Lehrbuch, das Zepf zur Allgemeinen psychoanalytischen Neurosenlehre, Psychosomatik und Sozialpsychologie soeben vorgelegt hat, bedient diesen Zeitgeist noch weniger. Freud als modernen Autor zu lesen, anstatt ihn als verstaubten Klassiker zur Seite zu legen, widerspricht nun einmal dem Freud-Bashing, das seit Jahren in den USA Konjunktur hat und deshalb auch in den Feuilletons hierzulande beliebt ist. Zepf widerspricht aber auch dem psychoanalytischen Zunftgeist, der Freuds Schriften wie Bibeltexte verehrt, um sie sodann unter einem Berg von Kommentaren zu begraben. Darunter zieht Zepf Freud wieder hervor, nicht ohne eine stattliche Anzahl solcher Kommentare in seine systematische Freud-Lektüre einzubeziehen, die zeigt, wie viel Potenzial die psychoanalytische Theorie und Praxis enthält.

Liest man die Freudsche Theorie mit Zepf in der Tradition Lorenzers sprachkritisch und als Theorie der Interaktionsformen, so offenbart sie ihre Anschlussfähigkeit auch für den interdisziplinären Dialog. Und entlässt man die Psychoanalyse erst einmal aus dem Ghetto der Zunftwächter, so widersprechen ihre Konsequenzen auch jenen Beschränkungen, die ihr von den Psychoanalytikern auferlegt werden, die in der Seele des Menschen - ob in einer Sklavenhaltergesellschaft oder in einem Staat mit demokratischer Verfassung - immer nur das eine, nämlich Papa und Mama und niemals das andere, also "nichts Gesellschaftliches", finden.

Diesen wilden Soziologen, die sich als reine Psychoanalytiker gerieren, widerspricht Zepf besonders deutlich im letzten Teil seines Buches, in dem er an eine Tradition anknüpft, die vor 1933 die Linksfreudianer innerhalb der Psychoanalyse und nach 1945 vor allem die Autoren der Frankfurter Schule außerhalb, wenngleich in kritischer Verbundenheit mit der Psychoanalyse, vertraten. Dazwischen lag die Zeit der Verfolgung, die für die in Deutschland zurückgebliebenen Psychoanalytiker auch zu einer Zeit der Anpassung wurde.

Sie arbeiteten damals unter anderem an der Entwicklung "effektiver", das heißt, dem NS-Staat nützlich erscheinender (Kurz-)Therapien mit. Kritiker nannten das damals "Gleichschaltungsbestrebungen".

Heute hingegen wird in einem Organ der psychoanalytischen Leitkultur (Psyche Nr. 11/2000) von einer "professionellen Modernisierungsbewegung" gesprochen und "deutschen Psychoanalytikern" nahe gelegt, "das Göring-Institut in eine sachlichere Perspektive" zu rücken. Solchen und anderen Borniertheiten widerspricht der Geist, den das Erbe Freuds auszeichnet. In diesem Sinne ist auch Zepfs brillantes Buch eine Anleitung zum Nachdenken des Vorgedachten.

Indem es dem Vorgedachten Respekt zollt, räumt es dem Nachdenken jede Freiheit der Kritik ein.

* Siegfried Zepf: Allgemeine psychoanalytische Neurosenlehre, Psychosomatik und Sozialpsychologie

Psychosozial-Verlag, Gießen 2000

790 S., 99,- DM

 
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