Schöne Grüße

Lily Brett aus New York

Es macht mir Probleme, so weit von meinem Vater entfernt zu leben. Der Flug von New York nach Australien dauert fast 30 Stunden. Man kann nicht von heute auf morgen beschließen, hinzufahren, und ihn mit einem Besuch zu überraschen.

Er fehlt mir. Jedesmal wenn ich ihn wiedersehe, suche ich sein Gesicht und seinen Gang und seine Haltung nach Alterserscheinungen ab. Ich mache mir Sorgen, dass er in Australien einsam sein könnte. Er ist 82. Die meisten seiner Freunde sind schon tot.

Ich bemühe mich, ihn nicht dann anzurufen, wenn es bei ihm früher Morgen ist. Manchmal nimmt er ein Schlafmittel, und wenn ich ihn in halb bewusstem, halb wachem Zustand erwische, macht mir das Angst.

Er war immer so munter. Und ich habe mich immer davor gefürchtet, dass er diese Munterkeit verlieren könnte. Er hat sich selbst davor gefürchtet. Würde ich ihn regelmäßig sehen, würde sein halb wacher Zustand mich nicht so erschrecken.

Hin und wieder gebe ich mich Hirngespinsten hin, ihn nach New York zu holen. Es wäre ein kostspieliger Umzug. Und mit zusätzlichen Komplikationen verbunden.

Viele haben die gleichen Probleme wie ich. Wir leben in einer viel mobileren Welt als früher. Viele von uns wohnen von Eltern und Kindern weit entfernt.

In New York betrachtet man alte Eltern oft genug unter dem Aspekt der Lagerhaltung. Wohin mit den alten Leuten?, das ist eine viel diskutierte Frage, die von Anwälten und Bankern mittleren Alters und von anderen Söhnen und Töchtern ständig erörtert wird. Was tun mit den alten Leuten?, das ist eine Frage, vor der sich eine ganze Generation fürchtet.

Wahrscheinlich ist es für New Yorker besonders schwer, mit ihren alten Eltern zurechtzukommen. In New York sind die Leute meistens nicht mehr jung, wenn sie Kinder bekommen. Es kann ihnen passieren, dass sie sich gleichzeitig um ihre Kinder und um ihre Eltern kümmern müssen. Und die Eltern sind zu alt, um als Babysitter infrage zu kommen.

In der Immobilienbranche hat man dieses Problem vorausgesehen. An der Upper East Side gibt es Apartments, wo man seine Eltern abgeben kann und sich keine Sorgen machen muss. Diese Wohnungen sind rund um die Uhr beaufsichtigt, medizinisch betreut und bieten ausgewählte soziale Aktivitäten.

Die Eltern werden beschäftigt wie im Kindergarten. Und wie in den besten Kindergärten sind die Aufnahmegebühren hoch.

Die meisten Leute können sich diese Unterbringung nicht leisten. Was für viele Eltern vielleicht ein Glück ist. Oder auch nicht. Vielleicht kann man in diesen kostenintensiven Einrichtungen der Altersbetreuung ganz hervorragend leben.

In gewisser Hinsicht kann die Ferne wohltuend sein. Mein Vater und ich müssen die Übellaunigkeit und Gereiztheit und Unstimmigkeiten, die nun einmal zum Alltag gehören, beim anderen nicht miterleben. Unsere Telefonate und Besuche sind immer etwas Besonderes. Die Entfernung spornt uns an, unser Bestes zu geben.

Dieser Vorteil wiegt die Nachteile nicht auf. Den Verzicht auf die Nähe zum anderen, auf die kleinen Alltagsdinge. Es ist nicht leicht.

Hin und wieder leide ich fürchterlich darunter, dass mein Vater nicht mit uns zusammenlebt. Wenn er bei uns wohnen könnte, wäre der Umzug nach New York letzten Endes weniger kostspielig.

Wenn er bei uns wohnte, bei uns einzöge, wäre das auch nicht leicht. Wir wären zu eng beieinander. Für meinen Geschmack jedenfalls. Unsere weniger schönen Seiten würden prominenter zutage treten, wenn wir unter dem gleichen Dach lebten.

Manchmal denke ich, dass die Kosten, die Versorgungsprobleme und die Einreiseschwierigkeiten mir als Hindernisse ganz gelegen kommen.

Ich liebe meinen Vater. Ich liebe ihn sehr. Aber wenn er mit mir zusammenwohnte, würde er mich wahnsinnig machen. Und ich ihn.

Ich arbeite zu Hause. Mit meinem Vater in der Wohnung könnte ich mich nicht mehr konzentrieren.

»Würde Grandpa dich wirklich stören?«, fragte mich meine jüngere Tochter, die es toll fände, wenn ihr Großvater in New York lebte. »Er würde mich umgehend klapsmühlenreif machen«, sagte ich.

Ich schwieg einen Moment. »Ich will dich auf keinen Fall jemals so über mich sprechen hören«, sagte ich zu ihr. - »Das wirst du nicht«, sagte sie, »ich werde es nur außerhalb deiner Hörweite tun.«

Übersetzung: Melanie Walz

 
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