Seit Queen Victorias Tod vor nun genau hundert Jahren regiert in Großbritannien das Haus Sachsen- Coburg und Gotha. 1917 trennten sich die Engländer von ihren deutschen Verwandten und nannten sich "House of Windsor".

Draußen wurde es langsam dunkel, als sich die Familie am Sterbebett der Königin versammelte. Der älteste Sohn, der Prinz von Wales, kniete neben seiner Mutter, und der aus Deutschland angereiste Enkel stützte die Sterbende. Später wird Kaiser Wilhelm II. schreiben: "Nachdem die Königin in meinen Armen sanft hinübergeschlummert, war für mich der Vorhang über viele Jugenderinnerungen gefallen."

Queen Victoria starb am 22. Januar 1901 in Osborne auf der Isle of Wight vor der Südküste Englands. Sie stammte noch aus dem Haus Hannover, das in Großbritannien seit 1714 regierte. Als sie 1837 den Thron bestieg, endete zwar die Personalunion zwischen England und Hannover, nicht aber die Verbindung zu Deutschland. Die Königin, ohnehin eng verwandt mit der deutschen Hocharistokratie, heiratete 1840 ihren Vetter Prinz Albert aus dem herzoglichen Haus Sachsen-Coburg und Gotha. Die Coburger waren bekannt für eine Heiratspolitik, die sie auf zahlreiche Throne brachte; Bismarck nannte sie süffisant das "Gestüt Europas". 1858 heiratete "Vicky", die älteste Tochter der Queen, den Preußenprinzen Friedrich Wilhelm, den späteren 99-Tage-Kaiser Friedrich III.; erstes Kind dieser Ehe war Wilhelm II.

Königin Victoria überlebte nicht nur ihren Mann Albert um 40 Jahre, sondern in gewissem Sinne auch ihr eigenes Zeitalter, das viktorianische. Unter ihrem Zepter hatte sich das Inselreich zu einsamer Höhe aufgeschwungen, es war "Werkstatt der Welt" geworden, Inbegriff der "westlichen Zivilisation", Zentrum eines wahrlich globalen Empires; 1876 konnte Victoria ihren vielen Titeln auch noch den einer Kaiserin von Indien hinzufügen.

Mit ihrem Sohn Eduard VII. nun "übernahm" 1901 das Haus Sachsen-Coburg und Gotha den Thron und regiert dort bis heute - allerdings unter anderem Namen. Im Juli 1917 benannte sich das Königshaus in "Windsor" um, und seither wird über diesen Schritt gerätselt. War es der deutsche Bomber vom Typ Gotha, der im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurde und Eduards Nachfolger, Georg V., zum Namenswechsel bewog? Oder der im März 1917 erfolgte Ausschluss nicht deutscher Mitglieder des Coburger Herzogshauses von der Thronfolge in Coburg? Weder noch, das britische Königshaus geriet - wie Hartmut Pogge von Strandmann von der Universität Oxford unlängst in einem Aufsatz darlegte - in den "Sog des Nationalismus".

Kaiser Wilhelm II. nimmt sich des jungen Vetters an

Eine Tendenz zur Nationalisierung der europäischen Monarchien gab es bereits vor dem Weltkrieg, gerade der Konflikt um die Thronfolge in Coburg kann als Beispiel gelten. 1893 wurde der britische Herzog Alfred von Edinburgh regierender Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha und damit deutscher Bundesfürst. Alfred, Flottenadmiral der Royal Navy, war der zweite Sohn Königin Victorias; er folgte seinem kinderlos verstorbenen Onkel auf den Coburger Thron. Zuvor hatte es jedoch erste politische Auseinandersetzungen auf beiden Seiten der Nordsee gegeben, ob ein Engländer, der dem Oberhaus und dem Privy Council, dem Geheimen Staatsrat, angehörte, deutscher Fürst werden könne. Die Angelegenheit wurde gütlich beigelegt, auch setzte sich Wilhelm II. für seinen Onkel ein.

Nur sechs Jahre später, 1899, hatte sich das Blatt gewendet. Um die Gesundheit von Herzog Alfred stand es nicht zum Besten, und sein einziger Sohn war gerade verstorben. Nach dem Erbfolgerecht wäre nun der dritte Sohn von Königin Victoria an der Reihe, doch auch Herzog Arthur von Connaught diente in der britischen Armee. Wilhelm II. leistete unerwarteten Widerstand, er zeigte sich jetzt nicht mehr bereit, einen englischen Militär als deutschen Bundesfürsten zu akzeptieren. Der Kaiser forderte die Übersiedlung und eine deutsche Erziehung für Arthurs Sohn, aber der Herzog lehnte schließlich ab. Königin Victoria, ständig mit der Angelegenheit befasst, empörte die Einmischung des Kaisers, es ging ja um die Rechte ihres Hauses. Anfang Mai 1899 schrieb sie ihrer Tochter, Wilhelms Mutter, nach Deutschland: "This Coburg business makes me quite miserable" - "Diese Coburg-Sache macht mich noch ganz unglücklich." Und Wochen später beklagte sie sich bei ihrer Tochter, dass die Art, wie "Willie" ihre Regierung attackiere, "extremely impertinent" sei. Man einigte sich am Ende auf den Thronverzicht der beiden Connaughts zugunsten eines anderen Enkels der Königin, des Herzogs Carl Eduard von Albany.

Die Rivalität der beiden Mächte hatte sich im Zeichen der "Weltpolitik" mit den Jahren bedrohlich verschärft. Wilhelm selbst sprach damals die Samoakrise an, auch hatte er bereits dem Bau einer gegen England gerichteten Schlachtflotte zugestimmt. Es war der Kaiser, der noch zu Lebzeiten Victorias in der Coburg-Frage die Familientrennung als Druckmittel benutzte und das Nationalgefühl ins Spiel brachte. Ein Engländer, darüber waren sich alle Seiten mittlerweile im Klaren, konnte nicht mehr so ohne weiteres ein deutsches Herzogtum regieren; der neue Thronfolger Carl Eduard setzte daher seine Ausbildung im Reich fort.

Der Coburger Landtag vollzog im Frühjahr 1917 die Familientrennung. In England war dieses Gesetz noch nicht bekannt, als man eine Änderung des königlichen Namens und damit seinerseits die Trennung anstrebte. Mit dem Krieg war der Hass auf alles Deutsche ebenso groß geworden wie die Englandfeindschaft im Reich. Man strich die deutschen Fürsten aus Offizierslisten, entfernte deutsche Fahnen, anglisierte deutsche Namen von Angehörigen der königlichen Familie und bezichtigte Carl Eduard, den Duke of Albany, der als deutscher Fürst und Offizier gegen England kämpfte, im Parlament des Hochverrats. Selbst König Georg V., ebenfalls ein Enkel Victorias, geriet wegen seiner deutschen Abstammung unter Druck; der neue Familienname "Windsor", für den er sich im Sommer 1917 entschied, war ein Fantasieprodukt, denn eigentlich galt in England die väterliche Abstammung (Königin Victoria hatte noch 1894 darauf hingewiesen, dass sie zwar Welfin sei, ihre Nachkommen aber Coburger seien).