M I L I T A N Z Runter mit dem Zeigefinger

Die 68er fühlen sich noch heute über Kritik erhaben. Sie sollten sich ihrer Geschichte stellen

Berlin

Es war ja zu erwarten, dass mit dem Aufruf der causa Fischer noch einmal 68 auf die Tagesordnung kommen würde. Die Lust am Rückfall, das wütende Wedeln mit längst vergilbten offenen Rechnungen - das konnte nicht wirklich überraschen. Aber aus Wiederholung wurde Wiederholungszwang. Republikanische Nüchternheit? Fehlanzeige! Ein geschichtsverschlingender Sog zieht die Parteien in die 70er Jahre. Diese Obsessionen lassen 1989 mitsamt der DDR-Vergangenheit verblassen wie eine abgehakte Vorgeschichte. Und die bedrückenden Symbolfiguren am Rand! Der Angeklagte Hans-Joachim Klein, der tonlos erklärt, er habe für zehn Minuten "revolutionärer Gewalt" sein Leben verspielt; Bettina Röhl, die Tochter von Ulrike Meinhof, die ihre verlorene Kindheit am Außenminister Fischer rächen will und schon verloren hat. Seltsam: unsere Gesellschaft versucht doch, Opfer zu privilegieren und zur moralischen Instanz zu machen; aber die Opfer von 68 erscheinen schrecklich verloren und stumm.

Und die intellektuellen Kontrahenten? Ist es nicht paranoid, wenn Konrad Adam in der Welt jetzt den "zweiten Sieg" der 68er beklagt? Damals hätten sie durch unverständliche Schlagworte und Parolen die "politische Tagesordnung erobert", und nun haben sie sich auch noch "die Deutungshoheit über ein wichtiges Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte angeeignet". Muss man sich so verbittert geschlagen geben? Was ist das Unerledigte, Unbewältigte von 68? Warum ist auch das eine Vergangenheit, die nicht vergehen will?

Der Politiker Fischer ist da nicht zu tadeln. Er hat schnell die Tat bekannt, sich entschuldigt, sich von seinem Tun und Denken in jener Frankfurter Putzgruppenzeit der 70er Jahre distanziert. Zu Recht kann er sich auf seine öffentliche Ablehnung der RAF und seine Warnung vor der "Gewaltfalle" berufen. Ein solcher Appell war damals leider die Ausnahme und bewies wirklichen Mut. Der ehemalige Terrorist Karl-Heinz Book erzählte jetzt, dass die RAF seinerzeit durchaus überlegte, solche "Spontihäuptlinge" wie Fischer zu ermorden. Außerdem muss man den Außenminister schon ziemlich hassen, um die angestrengte Selbstprüfung in seinen Interviews zu überhören. Aber er spielt auch den Historiker in eigener Sache, der zu viel redet. Sein Satz - "Ich war militant" - verrät den damaligen Avantgarde-Anspruch in der "Aktionsstrategie". Wird er jetzt auch noch bei einer öffentlichen Lüge ertappt, droht der Rücktritt. So sind die Spielregeln.

Nicht so sehr "Erbarmungslosigkeit" (Schröder) zeigten die rüden Angriffe der CDU in der aktuellen Stunde, sondern eher Ohnmacht. In ihrer Empörung über Fischer erscheint sie grau und hässlich. Geradezu subaltern verlangt Angela Merkel Einblick in sein "tiefstes Innerstes" und "Buße", subaltern werden ihm seine hohen moralischen Maßstäbe vorgehalten. Woher kommt das? Warum wirkt seine selbstkritische Zerknirschung dennoch triumphierend und seine Angegriffenheit unangreifbar? Ihn imprägniert da etwas: eine Unangreifbarkeit der 68er-Generation. Viele Gründe gibt es für diese geheime historische Immunität. Fischer ist nicht nur der rare Star unserer wenig inspirierenden politischen Klasse. Er verkörpert auch eine Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, ihre Durchlässigkeit und Integrationskraft. Die Vision von 68 als einer zweiten, nachholenden Gründung der Nachkriegsdemokratie hat sich durchgesetzt. Sie ist eben weitaus angenehmer als die bittere Wahrheit, dass es die Siegermäche waren, die die Demokratie ins besiegte Deutschland brachten. Bis 68 stand über der neuen deutschen Demokratie ein Fragezeichen. Danach ist es erloschen.

Über allem aber schwebt der große Mythos 68, der unangreifbar macht - der einzigartige Geschichtserfolg jener kleinen radikalen Minderheit von einst. Wer damals dabei war, hatte später einen wachsenden Lebensvorteil. Die Gnade der frühen (Nachkriegs-)Geburt. Aber da sich nun die Geschichte wiederholt und wieder über die große Revolte gestritten wird, sollte die - vielleicht letzte - Chance der 68er-Linken gesehen werden, endlich offen in den Spiegel zu schauen. Sie sollte sich nicht wieder hinter ihrer historischen Ungreifbarkeit verstecken. Auch wenn jetzt die publizistischen Erinnyen der CDU die alten Reflexe der Solidarität provozieren, ist es peinlich, wie die rot-grüne Parlamentsmehrheit das abgestandene Spiel vom "ihr" und "wir" prompt mitmacht - euer Polizist mit den Brandwunden, unser Ohnesorg; eure Notstandsgesetze, unsere Steine.

Die Protestbewegung liebte das Spiel mit der Militanz

Denn es lässt sich nicht wegreden: Das Spiel mit der Gewalt stand 68 im Zentrum. Das ist der wunde Punkt. Gewiss, gewiss, die guten Gründe dafür sind immer wieder genannt worden: die Stickluft der Adenauer-Zeit, die Verzweiflung über die Unangreifbarkeit der Altnazis als Richter, Professoren und Amtsträger, der Horror überhaupt, dass die postfaschistische Gesellschaft auch noch die Zukunft beherrschen könne. Aber es ist schwer zu ertragen, wenn die Rechtfertigungen von einst zum tausendsten Mal und im selben Tonfall wiederkehren. Der Marsch in die Gewalt seit 1967 war eben nicht bloß eine Reaktion, er war auch gewollt und wurde lustvoll betrieben.

Der Mythos 68 hat das verwischt. Wenn Ralf Dahrendorf heute Rudi Dutschke im Gegensatz zu den RAF-Terroristen als verschrobenen Revolutionsidealisten in Schutz nimmt, verharmlost er. Der war auch Agitator der Aktionsstrategie. Mit der Idee bewaffneter illegaler Gruppen wurde längst vor der grauenhaften Groteske der "Baader-Befreiung" gespielt, mit der die RAF begann. Die "revolutionären Massen" sollten lernen, die Grenze der Legalität zu überschreiten und der Strafverfolgung zu entgehen. Die Militanten jener Zeit waren allemal Routiniers eigener Straffreiheit. Man darf unterstellen, dass Fischer heute davon profitiert.

Die Ziele der 68er? Überprüfbare, verhandelbare Ziele - vom Kampf gegen die Ordinarienuniversität bis hin zum "Widerstand gegen den Notstandsstaat - waren nur Formeln für die fantasierten revolutionären Etappen. Das oberste Ziel, die Revolution, bedeutet Verzicht auf Ziele, auf Reformismus. Den Anfang der sozialliberalen Koalition und von Willy Brandts "mehr Demokratie wagen" verstand die Protestgeneration als Bedrohung und Verschleierung des tendenziell (das wunderbare Wort tendenziell!) faschistischen Staates.

Die fatale Korrespondenz zwischen dem revolutionären Gewalttraum und -trauma jener Zeit und der faschistischen Bewegung der 30er Jahre zeigt sich ausgerechnet im Verhältnis zur real existierenden Demokratie. Das waren nicht nur Phrasen: der "Kampf" gegen die "demokratischen Spielregeln", gegen die "formale Demokratie"; das oft zynische Ausnützen des Rechtsstaates bei gleichzeitiger Denunziation desselben; der Furor der emanzipierenden Aktion und das Verwerfen aller zivilen Werte als bloß bürgerlich. Auch in der Sprache vom "Kampf" der "Bewegung" gegen das "System" rumorte die nazistische Vergangenheit. Linke jüdische Emigranten, die es damals in die Teach-ins verschlug, schauderten denn auch, aber warnten vergebens.

Die Linke sollte endlich darüber reden, wenn heute Rechtsradikale das Vokabular und die Kampfmethoden der Außerparlamentarischen Opposition adaptieren. Man kann gewiss keine direkte Linie zwischen den hochintellektuellen Barrikadenkämpfern damals und den glatzköpfigen Schlagetots heute ziehen. Aber die Linke hat nach 68 erfolgreich ihre Geschichte geschönt. Als vor einigen Jahren Daniel Cohn-Bendit sich selbstkritisch mit der Warnung vor einem "linken Faschismus" identifizierte, die Jürgen Habermas 1967 aussprach, da wurde er von Habermas selbst empört zurechtgewiesen. Der nannte seine Kritik von damals seinen größten Fehler.

Die wirklichen Erfolge der 68er-Generation werden von ihren Geschichtsretuschen nicht berührt. Sie hat den Demokratisierungsschub erzwungen - nicht weil sie ein so demokratisches Vorbild war, sondern allein deswegen, weil sie als vitale und radikale Opposition die Nachkriegsdemokratie wirklich auf die Probe stellte. Das Paradox gilt, auch wenn jetzt die CDU wieder darüber schäumt: Aus der Gewalt der Straße kam Vitalität für die Demokratie. Das Desinteresse der 68er an der Zivilgesellschaft hat zugleich das Missverhältnis zwischen stabiler Demokratie und der Armut an Zivilcourage befördert.

Für die Erfolge der 68er-"Bewegung" gilt überhaupt: Sie waren möglich, weil sie in ihren Zielen scheiterte. Der "Kampf gegen den Staatsapparat" führte entweder in den Untergrund und den Untergang in Stammheim oder auf dem Weg der Kompromisse in das moderne, demokratische und stabile Staatswesen. Die Generation der Revolte kann sich rühmen, dass durch ihren Druck das deutsche obrigkeitshörige Berufsbeamtentum zerbrach - die vielleicht größte historische Leistung. Aber gerade deswegen machen die ewige Apologie der 68er und der Mythos von der schönen Revolte so wütend: Die Paradoxie des Erfolges heißt ja, dass es eine Geschichte der Kompromisse gab.

Die Feindschaft zwischen links und rechts wurde gepflegt, und dennoch kam man zusammen. Die 68er-Generation und ihre Nachfolger haben sich nie richtig der Verantwortung für ihre Erfolge gestellt. Sie haben nie den Anspruch gefühlt und sich dafür stark gemacht, politische Brücken zu schlagen und von links her das Lagerdenken zu beenden. Der Einzige, der bei dieser späten Wiederkehr jener Jahre den Graben verließ, war der alt-böse Feind, der Bild-Chef Peter Boehnisch. Die 68er hatten - von der intellektuellen Potenz und dem vitalen Engagement her - alle Voraussetzungen, sich als neue politische Elite zu integrieren. Dass so wenige diese Chance entdeckten, und so spät, hat allen geschadet. Das Niveau der aktuellen Stunde zur Person Fischers im Bundestag demonstrierte wieder einmal, wie sehr der politischen Klasse von heute die intellektuelle Arroganz und dialektische Schärfe der 68er von einst fehlt.

Aber die "Bewegung" hat leider auch die Opferrolle, mit der sie früher so erfolgreich die Gewalt auf der Straße rechtfertigte, fortgesetzt und eine linke Minderheitskultur etabliert, die den chronischen Kampf gegen den immer währenden Rechtsruck der Gesellschaft inszenierte, bis endlich Rot-Grün an der Macht war. So blüht unser Gemeinwesen mit einer Art Mehrheit von Minderheiten, Betroffenen, Ausgegrenzten, die alle ihre Rechte und Interessen kennen. Nur die selbstbewussten und selbstständigen Bürger der Zivilgesellschaft werden noch immer dringend gesucht.

Die Unangreifbarkeit der 68er hinterlässt daher einen schlechten Geschmack. Da wurde nicht nur mit der Gewalt gespielt, sondern auch mit der Rechtfertigung vom "anderen Deutschland". Die Linke beanspruchte, im Namen der besseren Deutschen, die Hitler vertrieben und vernichtet hatten, zu handeln. Als bessere Deutsche kultivierten sie den moralischen Vorbehalt gegenüber dem Land und den Traum von der "anderen Republik". Der erhobene Zeigefinger der Selbstgerechtigkeit, das ist ihr Markenzeichen.

Erst als 1989 die Vereinigung drohte, warf die Linke die "andere Republik" blitzschnell weg und identifizierte sich summarisch mit der alten Bundesrepublik. Sie gab da eine Aufgabe, eine zweite Chance preis: das Engagement für Demokratie und Zivilisierung der ehemaligen DDR und ihrer Gleichheitskultur. Sie stand nicht an der Seite der DDR-Opposition, sondern beschwor die nationalistische Gefahr. So muss sie mitverantworten, dass aus dem glücklichen Gelingen der Einheit in Freiheit keine tragfähige Tradition entstand.

Die Konsequenzen? Nein, kein finales Bußritual wird verlangt. Aber Antje Vollmer hat Recht, wenn sie die 68er vom "Sockel" holen will, auch weil sie "als Bleilast" die nachfolgenden Generationen bedrücken. Der erhobene Zeigefinger sollte eingezogen werden. Auch Fischers Zeigefinger. Er sollte sich auf seine Verteidigung als Politiker beschränken und nicht den Zeitgeschichtler in eigener Sache, den Agitator mit der Deutungshoheit spielen, auch nicht den besten Außenminister seit Stresemann. Es reicht, wenn er Außenminister ist. Als solcher sollte er die selbstgerechte Pose vermeiden, wonach Deutschland vor allem durch Europa erlöst werden muss, weil die rechte Gefahr droht. Es reicht, deutsche Interessen erfolgreich zu vertreten.

Zur Klarstellung: Ich gehörte in jener Zeit zum Berliner SDS und machte später in der Roten Hilfe mit, einer Organisation, in der man sich einbildete, man solle das staatliche Gewaltmonopol angreifen. Heute bin ich froh, dass aus Phrasen keine Wirklichkeit wurde.

 
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