D E U T S C H E     U N D     J U D E N Was ist noch kritisch?

Der Architekt Peter Eisenman über jüdische Identität, Demonstrationsfreiheit für Neonazis am Holocaust-Mahnmal und den Irrwitz eines neuen Berliner Schlosses

DIE ZEIT: Nach dem Düsseldorfer Anschlag hat Paul Spiegel gefragt, ob die in Deutschland lebenden Juden nicht darüber nachdenken sollten, das Land zu verlassen. Auch 56 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz gibt es keinen Anlass, von deutsch-jüdischer Normalität zu sprechen. Stellt sich Ihnen, als in New York lebendem Juden, dessen Eltern aus dem Elsass emigrierten, die Lage ähnlich dramatisch dar?

PETER EISENMAN: Nein. Für mich ist Deutschland das einzige Land neben den USA, in dem ich mir ein Leben vorstellen kann. Ich finde, die Juden sollten zurückkommen nach Deutschland. Denken Sie an den Status der jüdischen Existenz: Nicht die Heimat, sondern die Heimatlosigkeit definiert den Juden. Er lebt in der Diaspora, er bleibt ein irritierendes Moment in der Gesellschaft. In den USA bin ich irgendwie anders, und keiner kümmert sich darum. Hier in Deutschland wäre das nicht so, hier würde ich in der Tat als ein Anderer markiert werden. Das könnte interessant sein. Na ja, vielleicht in meinem nächsten Leben.

ZEIT: Und der Rechtsradikalismus? Am Holocaust-Mahnmal dürfte es Aufmärsche von Neonazis geben. Wäre ein Demonstrationsverbot, wie es die Regierung erwägt, nicht sinnvoll?

EISENMAN: Wenn es Rechtsradikalismus gibt, dann hat es keinen Zweck, ihn zu unterdrücken. Warum sollte das Holocaust-Mahnmal nicht der Ort sein, an dem diese Energie zum Ausdruck kommt und wo sie sichtbar wird? Ursprünglich hatte ich sogar vor, den Ort der Erinnerung in dem Goebbels-Bunker unterzubringen, der ja unter dem Mahnmals-Gelände liegt. Sofort wurde ich für verrückt erklärt. Ob ich denn einen Wallfahrtsort für Neonazis schaffen wollte, wurde ich gefragt. Meine Antwort war: Wenn die deutsche Gesellschaft diese Potenziale in sich trägt, dann kann und sollte man solche Demonstrationen nicht verhindern. Wir haben deswegen auch abgelehnt, dass auf die Stelen ein Anti-Graffiti-Mittel aufgebracht wird. Man kann doch keinen Stacheldraht um das Gelände ziehen und Wachtürme aufstellen. Soll das Mahnmal wie ein Konzentrationslager aussehen? Entweder es ist da, oder es ist nicht da.

ZEIT: Sie sehen also das Mahnmal als Katalysator gesellschaftlicher Konflikte?

EISENMAN: Ich wollte den Holocaust nicht darstellen oder veranschaulichen, sondern eine Erfahrung erzeugen, die verunsichernd wirkt. Die Besucher sollen sich fragen: Was ist das hier? Was bedeutet das? Wo befinde ich mich eigentlich? Genau dieses Gefühl will ich erzeugen, diese Verlorenheit, diese Orientierungslosigkeit, diese vergebliche Suche nach dem klaren Sinn. Die kognitive Erfahrung tritt hinter die affektive Erfahrung zurück.

ZEIT: Und doch gibt es ein großes Verlangen nach sinnstiftender Erfahrung und positiven Kontinuitäten. Gerade das Berliner Stadtschloss ist für manchen zum Symbolprojekt dieser Sehnsucht geworden. Brauchen die Deutschen das Schloss, um ihren öffentlichen Seelenhaushalt nicht völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen? Soll die irritierende Erfahrung des Mahnmals kompensiert werden?

EISENMAN: Ich kann dieses Bedürfnis überhaupt nicht verstehen. Die Vorstellung, dass es in Berlin einmal einen Originalzustand gegeben hat, den wir wieder herstellen oder kopieren könnten, ist nicht haltbar. Das wieder aufgebaute Schloss wäre Kitsch. Es wäre nichts als eine bildliche Kopie eines angeblichen Originals. Es sucht seinen Wert darin, Kopie zu sein. Viel interessanter wäre es, nicht die Kopie eines Originals zu sein, sondern das Singuläre zu bauen.

ZEIT: Eine Architektur, die singulär und kritisch ist, fordern Sie schon seit langem, nicht nur für Berlin. Was verstehen Sie darunter?

EISENMAN: Mir geht es um das Ethische in der Architektur. Dieses begründet sich für mich in ihrem Widerstand gegen die Vereinnahmung durch den Status quo. Wenn Architekten Notunterkünfte für Flüchtlinge bauen oder bizarre Bauskulpturen errichten, dann hat das noch lange nichts Kritisches an sich. Und auch das Neue hat heute die Qualität des Kritischen und des Widerständigen eingebüßt. Schließlich muss heute alles ständig neu sein. Das bedeutet, dass gar nichts mehr neu sein kann. In den sechziger und frühen siebziger Jahren war die architektonische Abstraktion eine Form des Widerstands. Aber auch diese Form wurde von der herrschenden Kultur und dem globalen Kapital vereinnahmt.

ZEIT: Hat sich damit das Prinzip der kritischen Architektur erschöpft?

EISENMAN: Nein, das glaube ich nicht. Zum einen müssen wir die Architektur aus allen herkömmlichen Ableitungs- und Begründungssystemen herauslösen. Zum anderen geht es um eine Architektur ohne vorausinterpretierte Bedeutung, eine Architektur der unmotivierten Zeichen, die allerdings immer noch Architektur bleibt. Diese beiden Ansätze bilden meines Erachtens heute den Kern des kritischen architektonischen Projektes.

ZEIT: Viele Architekten, unter ihnen Frank Gehry ebenso wie Rem Koolhaas, wollen sich explizit nicht als kritische Architekten verstehen. Und viele jüngere Architekten wie Greg Lynn oder auch Winy Maas lehnen die ganze Idee einer kritischen Architektur vehement ab.

EISENMAN: Deren These lautet: Wir brauchen heute keine kritischen Potenziale der Architektur mehr. Die Globalisierung wirkt schon als stärkste antimetaphysische und damit wohl auch kritische Kraft. Daher sagen mir die neuen Pragmatiker: Eisenman, du bist gar kein Radikaler mehr, du bist ein Konservativer. Heute gilt eher jemand wie Richard Rorty als radikal.

ZEIT: Sind Sie der letzte kritische Architekt?

EISENMAN: Es ist schon sehr seltsam, dass es offenbar bisher niemanden gibt, der meine Rolle übernehmen möchte. Tatsächlich glaube ich, dass Leute wie zum Beispiel Gehry, Meier, Hollein, Moneo und ich eine letzte Generation darstellen. Mit dieser Generation geht etwas zu Ende. Das hat nichts mit Moderne oder Postmoderne zu tun oder mit Stilfragen. Es hat etwas mit dem Ende des Originals zu tun. Unsere Signatur war immer noch eine Originalsignatur, kein simulacrum. Unsere Originalität stellte eine Form des Widerstands dar, war ein kritisches Moment. Heute ist auch das von der herrschenden Kultur längst vereinnahmt worden. Trotzdem glaube ich an die vitale Energie des Widerstandes. Und was mich freut, ist die Tatsache, dass ich immer noch eine beliebte Zielscheibe bin.

ZEIT: So gesehen ist das Mahnmal Ihr erfolgreichstes Projekt, noch bevor es überhaupt gebaut ist.

EISENMAN: Für mich ist es ein Beispiel kritischer Architektur. Und es wird sich nicht so leicht vereinnahmen lassen, wie manche vielleicht hoffen.

Das Gespräch führten Thomas Assheuer, Hanno Rauterberg, Ullrich Schwarz

 
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