E N T S C H E I D E N War alles eine Eselei?

Keineswegs, meint unser Autor. Auf einem Stückchen Land sich selbst versorgen lohnt den Versuch immer wieder. Nur Geld verdient man besser anders

Sie war dünn und blass, wie sie halt ist, ihre Augenringe noch dunkler als sonst wegen einer Grippe, die sie vor lauter Arbeit nicht auskurieren kann, Arbeit, die sie vor allem wegen der vielen, teils hochkarätigen Musikveranstaltungen im Gasthof Post hat, dem neulich erst Fairport Convention die Ehre gaben. Ziemlich krank also saß Rita am Stammtisch, aber dennoch freundlich, zugewandt, von innen her strahlend, wie sie halt so ist.

Die Bauern redeten über BSE. Die Krise. Die komische neue Ministerin. Über Schröders Attacken gegen Agrarfabriken und seine Forderung nach ökologischer Umorientierung der Landwirtschaft. »Rita, jetz sag i da was«, sagte einer der schweren Männer, die sie umgaben, »woaßt, was i da sag, Rita, jetz wartst a paar Jahr, dann hamma mia bei uns wieder lauter kloane Bauernhöf, des sag i da, Rita, magst wettn?«

Klein sein und doch existieren dürfen?

Wetten mochte die Wirtin nicht - schon deshalb nicht, weil ja sowieso fast alle Bauernhöfe rundherum im hügeligen Voralpenland ziemlich »kloa« sind, das müssen sie nicht erst werden. Rita verstand aber, was der Mann sagte und wie er es meinte. Nämlich optimistisch. Voll Hoffnung, dass die gnadenlose agrarpolitische Regel »Wachsen oder weichen«, die auch in Obing Jahr für Jahr Bauern zum Aufgeben zwingt, womöglich umkehrbar sein könnte.

»Klein sein und doch existieren dürfen«: Macht der BSE-Schock es möglich? Zurück zur Scholle? So wie wir damals, wir romantischen Spinner, wir Landkommunarden?

Der Sepp von Honau, einem Weiler oberhalb von Obing, der hätte was dazu sagen können. Bauer Sepp hat vergangenes Jahr seine kleine Landwirtschaft auf biologisch umgestellt. Hat seinen Anbindestall zum Laufstall umgebaut, die Spalten im Betonboden zugemacht und dick Stroh darauf gestreut, er hat seine 14 Kühe völlig damit überrascht, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben ins Freie durften, die Sonne spüren, die Erde begehen, gemeinsam, tatsächlich gemeinsam mit ihren Kälbern, die an den Eutern, man denke, an den Zitzen der Mütter saugen und saufen konnten, wann und so viel sie wollten. Nix »Milchaustauscher« mehr. Nix Tiermehl und Kadaverfett in Flüssigform, verabreicht aus dem Blecheimer an Einzelhäftlinge in winziger Kälberbox. Der Sepp erzählt begeistert von dieser Umstellung. Er ist stolz darauf, wie gut es seinen Viechern geht, stolz auf die schönen Kartoffeln und Karotten und roten Rüben, den Dinkel und den Weizen, die ihm schon im ersten Jahr auf seinen Feldern »biologisch« gewachsen sind ohne Giftspritze und Kunstdünger.

Bloß, beim Stammtisch ist der Sepp nicht da. Der Sepp jobbt zurzeit. Auswärts, in Polen. Der Bauer muss als Messebauer Geld verdienen. Was die Landwirtschaft einbringt, reicht hinten und vorne nicht. Gute Preise für ihr Biogemüse kriegen Sepp und seine Frau Gerti frühestens zwei Jahre nach der Umstellung. Rindfleisch verkaufen? Ist sowieso kein Thema zur Zeit. 220 Mark verlangt der Schlachthof allein für den BSE-Test und zahlt ganze 2,93 Mark fürs Kilo Fleisch.

»Weißt du übrigens, warum bloß die weiblichen Rinder getestet werden?«, hat Bäuerin Gerti gefragt, als ich sie dieser Tage auf ihrem Hof in Honau besuchte. »Weil Männer Schweine sind, deswegen kriegen sie kein BSE.«

Bäuerin Gerti, breit, 38, vier Kinder, erzählt außer Witzchen aber auch ziemlich realistisch von der Mehrarbeit auf dem neuerdings ökologisch bewirtschafteten Gemüseacker. Das endlose Unkrauthacken. Das mühsame Ernten. »Im Regen magst nicht, in der Sonne bist nach drei Stunden erledigt. Einmal bin ich direkt vom Feld abgehauen zum Baden. Die Bohnen sind verfault, das Weißkraut auch.«

Und woran erinnert uns das jetzt, Rita? Klar. Ans Leben in der Landkommune. Es war schon irre damals, »echt irre«, wie du zu sagen pflegtest. Auf zwei Hektar Grund, der Fläche etwa zweier Fußballfelder, haben wir uns ziemlich gut selbst versorgt, Brotgetreide angebaut, Kartoffeln, Gemüse und Obst in Massen, wir haben zwei Kühe, zwei Geißen und vier Milchschafe gehalten, Butter und Käs fabriziert, die Wolle versponnen, Saft und Most gekeltert, wir haben gepflügt (mit einem winzigen Traktor), gesät (mit der Hand wie im Bilderbuch), geheut (mit Sense, Rechen, Gabel).

Und gemolken - die Arbeit war mir immer die liebste. In den gemütlichen kleinen Stall gehen, sich zur Kuh setzen, neben der das Kälbchen alberte, das Euter streicheln, spüren, wie die Zitzen schwellen. Und strippstrappstrull, drücken, öffnen, drücken, öffnen, Melodie und Rhythmus, zu denen sich unter meinen Händen der Milcheimer schäumend füllte, habe ich heute noch im Ohr. Die Erinnerung macht mich lächeln. Das Kitschige daran geniert mich kein bisschen.

Vom Stall zurück in die Küche, in jeder Hand einen vollen Eimer: das war immer ein starker Auftritt, besonders wenn Besuch da war. Viele, viele haben damals bei uns vorbeigeschaut (mehr Frauen als Männer fallen mir ein), alle auf der Suche nach dem alternativen Leben, nach dem richtigen im falschen, es waren, hey, die siebziger Jahre! Die Utopie lebte! Die Joints kreisten! Und die Milch wurde manchmal sauer, ich gebe es zu. Manchmal haben wir sie weggeschüttet. Manchmal waren unsere Käse nicht sehr köstlich.

Die Kühe? Abgeschafft! Geblieben sind sechs Schafe

Drei Jahre lang bin ich in unserer freiwillig armen und trotzdem genussfrohen Selbstversorgerkommune geblieben. Ich war glücklich, darf ich sagen. Ich hatte eine heftig ersehnte Transformation geschafft: vom großstädtischen Kopfarbeiter zum selbstbewusst barfüßigen Landmann, vom Bürostuhl zum Melkschemel.

Dann wurde mir ein bisschen langweilig. Landwirtschaft verlangt eine Beständigkeit, eine Geduld, eine ideelle Selbstbescheidung, die ich auf die Dauer nicht aufbrachte. Ich ging auf Wanderschaft in die Berge. Arbeitete als Hirt und Käser auf Schweizer Almen, jahrelang, aber naturgemäß immer nur für die Sommermonate; das kam meiner Unbeständigkeit entgegen. Dann: eine Liebe, ein Kind, Familie. Es begann eine andere Geschichte. Und die Landkommune? Gibt es sie noch, im niederbayerischen Bschaid? Vergangene Woche bin ich hingefahren, von Obing ist es bloß eine Stunde mit dem Auto. Kalte Wintersonne über gefrorener Landschaft. Erster Eindruck bei der Näherung an den abgelegenen kleinen Hof: Zeitsprung in die Hippie-Ära. Fünf, sechs bemalte Bau- und Zirkuswagen stehen ums alte Bauernhaus herum, Hütten und Anbauten überall, Rauch aus vielen Ofenrohren.

Und da geht Christoph, der gute, beständige Christoph, der seinen Fünfzigsten auch schon hinter sich haben muss, da geht er wie einst mit einem Eimer Wasser hinauf zur Schafweide. Ein Esel kommt ihm schreiend entgegen, den gab's nicht zu meiner Zeit.

Christoph, habt ihr die Kühe nicht mehr? Nein. Abgeschafft. Auch die Ziegen. Auch den Getreideacker. Geblieben sind sechs Schafe (die nicht gemolken werden). Geblieben ist der große Gemüsegarten, geblieben sind die Sandmieten voller Rüben und Karotten, die Vorratsräume voller Kartoffeln, Äpfel, Birnen, Nüsse, die Fässer voller Sauerkraut und Most. Geblieben ist in Bschaid auch etwas vom Kommunegeist, von der Offenheit für Gleichgesinnte auf der Suche nach einem Platz: Zurzeit leben hier sieben Erwachsene und drei Kinder, die Beziehungen sind im Fluss.

Aber die Landwirtschaft, was soll man sagen? Man hat es probiert, Christoph am geduldigsten, vor ein paar Jahren sogar im größeren Stil: sechs Milchkühe, zugekauftes Futter, feldmäßiger Möhrenanbau. Es hat sich, ökonomisch, nicht rentiert. Gewaltiger Arbeitsaufwand, und doch kein Geldertrag unterm Strich. Als Handwerker, Handyman, Hilfslehrer jobbend, hat noch jeder Bschaider sein Geld leichter verdient.

War also alles bloß eine Eselei? Die ganze Idee vom Gruppenleben auf einem Selbstversorger-Bauernhof? Nicht doch. Man hat viel gelernt, über sich selbst speziell und über das Leben im Allgemeinen. Man hat viel Spaß gehabt und noch mehr Freiheit. Man hat sich ausprobiert: Das war keine Eselei. Irre war es, »echt irre«. Andere werden es wieder versuchen, da bin ich mir sicher.

 
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