K I N O Albträume vom Ende der Welt
"Audition" und "Dead or Alive", die wilden Filme des Japaners Takashi Miike
Takashi Miike arbeitet zu viel. In knapp zehn Jahren hat er mehr als dreißig Filme gedreht. Viele davon sind direkt für den japanischen Videomarkt entstanden. Für keinen gab es ein großes Budget. Deshalb musste immer alles ganz schnell gehen, die Vorbereitungen, die Dreharbeiten, oft gingen mehrere Werke parallel in Produktion. Miike, 1960 geboren, hat Genrefilme gedreht, meistens Gangsterfilme, aber auch mal einen Softporno oder einen Horrorthriller. Flüchtiges Kino: hektisch hergestellt, zügig ausgewertet, schnell vergessen. Damit war Miike auf Dauer unterfordert. Die ewig gleichen Bandengeschichten - vor knapp zwei Jahren muss er davon die Schnauze einmal gestrichen voll gehabt haben. Da hat er die Schnauze aufgerissen und ausgespuckt. So könnte Dead or Alive entstanden sein.
Dead or Alive ist einer von vier Kinofilmen, die Miike 1999 inszeniert hat. Wieder einmal geht es um Rivalitäten in der Unterwelt, die Yakuza bekämpft die Triaden, dazwischen stehen eine weitere Gang und ein eiskalter einzelgängerischer Polizist. Bevor jedoch die Kräfteverhältnisse Stück für Stück verständlich ins Bild gesetzt werden, wirft Miike erst mal sein gesamtes gewalttätiges Sortiment kurz in den Mixer, schreddert es energisch und wirft dann genug Genreschrot aus, um den Zuschauer gleich zu Beginn ins Sperrfeuer zu nehmen. Es wird exzessiv geballert, geblutet, gekotzt, gekokst, gefressen und aufgegeilt - zehn Minuten lang. Das beispiellose Schnipsel-Gewitter aus Sex and Crime, mit dem Dead or Alive losbricht, ist zugleich der Beweis für Miikes Virtuosität wie für seinen Unmut gegenüber der eigenen Genrearbeit. Er inszeniert zwar, nach dem stürmischen Auftakt, durchaus noch einmal ernsthaft dramatisch drauflos: Der coolste Killer ermöglicht mit den Mordgeschäften seinem braven Bruder das Studium - bis dieser etwas merkt; sein Gegenspieler bei der Polizei lässt sich auf illegale Machenschaften ein, um seiner Tochter eine Operation zu finanzieren; allen Gewaltverhältnissen gehen Familienverhältnisse voraus, über die nicht geredet werden darf.
Aber Miike achtet seine Story im Grunde gering. So hat er einen interessanten Zwitter geschaffen: einen Bandenkrimi, der sich insgeheim selbst wegpusten möchte, der Räuber und Gendarmen nur noch begleitet in der stillen Hoffnung, sie irgendwann komplett in die Luft jagen zu können. Die Macht des Regisseurs über den Selbstzerstörungsknopf macht es ein letztes Mal möglich, würdevoll die abgegrasten Niederungen des Gangsterkinos zu durchqueren. Dann wird es Miike doch zu langweilig mit dem Plot. Also donnert er ihn so weit auf, dass nicht nur die Killer explodieren, sondern deren Welt gleich mit. Im finalen shootout, scheint es, würde der Regisseur gern das ganze Genre begraben, dem er bisher so treu gedient hat. Selten hat Überdruss so bizarre Blüten getrieben.
Dead or Alive - der Filmtitel ist auch eine Art Selbstbefragung. Wie hält man sein Werk am Leben inmitten einer bald zu Tode gerittenen Konvention? Während Takeshi Kitano seine Yakuza-Variationen durch Coolness und Ironie ins Trockene zu bringen versucht, drückt Takashi Miike noch mal fett auf die Tube, geizt weder mit Pathos noch mit Blut und verabschiedet sich dann aus dem Schleudersitz. Wer Miike künftig an ein konventionelles Skript heranlässt, sollte wissen, was er riskiert. Der Regisseur könnte ihm im Verlauf der Aneignung das gesamte Koordinatensystem um die Ohren jagen.
Schwer zu sagen, wie weit Miike mit der Brandstiftung schon gegangen ist. Denn seine Filme sind in Deutschland bisher nicht zu sehen gewesen. Der Kölner REM-Verleih, seit Jahren heroisch um die Auswertung asiatischer Genrefilme bemüht, bringt nun gleich zwei seiner Werke aus dem Jahr 1999 ins Kino: Dead or Alive und Audition. Auch Audition ist nach einem fremden Drehbuch entstanden. Und wieder hat es Miike faszinierend gefleddert.
In der Wohnung liegt ein Sack, mannsgroß
Diesmal stehen sich allerdings keine verfeindeten Banden gegenüber, sondern Mann und Frau. Und während im Gangsterfilm der Graben zwischen Yakuza und Polizei immer schmaler wird, reißt er hier zwischen den Geschlechtern immer weiter auf. Audition handelt vom Terror der Einsamkeit. Ein einsamer Mann trifft eine einsame Frau. Sie könnten zusammenkommen. Aber hinter ihrer gemeinsamen Sehnsucht nach Nähe steckt ein fundamentaler Unterschied. Er ist, als Mann, im Leben zum Täter geworden; sie wurde, als Frau, schon früh zum Opfer gemacht. Weil beide, in aller Einsamkeit, diese Prägung verdrängen, verläuft ihre Begegnung fatal. Sie wird zur Täterin, er zum Opfer, und Miike macht aus seinem zunächst ruhigen Psychodrama einen der härtesten Horrorthriller der letzten Jahre.
Der japanische Schriftsteller und Filmregisseur Ryu Murakami, so wird berichtet, hatte zu Beginn der neunziger Jahre eine heftige Affäre mit Miho Nikaido, der Hauptdarstellerin seines Films Tokio Dekadenz. Die Affäre eskalierte, Nikaido soll aus Eifersucht zur Furie geworden sein. Murakami (nicht identisch mit dem auch hierzulande gefeierten Autor Haruki Murakami) hat seine damalige Erfahrung zu einem Buch verarbeitet. Darauf basiert Miikes Film. In Audition erscheint die Vorlage allerdings feministisch umgepolt. Auf Eifersucht wird verzichtet. Stattdessen stehen die Wunsch- und Angstfantasien des Mannes im Mittelpunkt - und seine Macht, die Auserwählte nach deren Bild zu formen.
Aoyama (Ryo Ishibashi) ist Witwer. Seit sieben Jahren lebt er allein mit Sohn und Hund. Jetzt möchte er wieder heiraten. Um eine Frau zu finden, arrangiert sein bester Freund vom Fernsehen eine "Audition", einen Vorsprechtermin. Dutzende Kandidatinnen kommen, weil sie sich für eine in Aussicht gestellte Hauptrolle in einem TV-Movie bewerben wollen. Aoyama und sein Freund fragen aus, taxieren, lassen vorspielen. Und der Witwer findet auch eine geeignete Bewerberin fürs eigene Leben: Asami (Eihi Shiina), die Zarteste von allen, "schön, vorzeigbar und gehorsam". Doch kurz bevor sein Traum mit ihr wahr wird, wird ein Albtraum daraus. Ausgerechnet in der ersten gemeinsamen Nacht verschwindet Asami plötzlich, und der Film fängt an zu halluzinieren. Dann taucht Asami wieder auf: als Racheengel.
Die Einsamkeit gebiert Ungeheuer. "Ganz Japan ist einsam", heißt es einmal zu Beginn des Films. Die strikte Trennung zwischen privater und öffentlicher Person in der japanischen Gesellschaft verschärft die Vereinzelung. Was muss man selbst, was mag der andere verbergen? Und wann beginnt inmitten der Verdrängung die Verrücktheit? Die zarte Frau ist womöglich in ihrer Kindheit brutal missbraucht worden; sie hat sich innerlich verschlossen und schlägt jetzt brutal zurück gegen jeden, der sie aufschließen will. Womöglich ist die Rächerin aber auch nur eine Angstfantasie des vereinsamten Mannes, der das Schlimmste befürchtet, nur um einer Enttäuschung zu entgehen. Der sich außerdem schuldig fühlt, weil er lügt und zur Verführung die eigene Machtposition benutzt. In Asamis Wohnung liegt ein Sack, mannsgroß. Der kann sich aufbäumen. Es steckt eine Mischung aus Mensch und wildem Tier darin. Oder ist auch das nur ein böser Traum: vom Unbewussten? Aoyama steht dem Sack urplötzlich gegenüber und erschrickt. Daraufhin erst öffnet sich das monströse Bündel, und auf allen vieren verlangt Es nach Nahrung. Hätte man es besser verschnürt halten sollen, oder braucht es mehr Auslauf? Audition lässt die Antwort offen und allen dunklen Ahnungen ihren Lauf.
Takashi Miike türmt Angst auf Lust auf Gewalt auf Sehnsucht auf Panik auf Hingabe. In der zweiten Hälfte macht er Audition zu einem Montage-Meisterwerk, wie es sich Wong Kar-wai nicht traumwandlerischer und David Lynch nicht wahnhafter vorstellen könnte. Frauen ändern ihre Gesichter im Takt des Begehrens, frühere Szenen werden wiederholt und dabei verwandelt, entfernte Orte und Zeiten sind plötzlich durch Schnitt und Bewegung verbunden, weil es das innere Delirium so befiehlt. Miike ist ein großer Entfesselungskünstler. In Dead or Alive hat er seinen Stoff zunächst in die Zentrifuge geworfen, um ihn schließlich in den Orbit zu schießen. In Audition verknotet er verschiedene Fantasien so elegant und elastisch, dass die Fantasie des Zuschauers daran ebenfalls in den Himmel wachsen kann. Mit Miike kommt vom derzeit innovativsten Kino-Kontinent Asien eine weitere furchtlose Entdeckernatur. An den Grenzen des Erzählbaren hat sie ein paar großartige Abenteuer bestanden. Die kann der Westen jetzt miterleben.
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