Gibt es das noch - ein im Verborgenen blühendes Talent, das der oberflächliche und schnelllebige Literaturbetrieb mit arroganter Nichtachtung straft? Ja - und der folgende Textausschnitt liefert den Beleg dazu: "... mich, den mitternächtigen Vogel, der nun die Flügel unter die Achseln schiebt, vorsichtig, um sie nicht zu brechen, ausharrend in den Jahren der Mißachtung, noblen Jahren angesichts dessen, was ein früher, kaum erhoffter, stets auf einem Mißverständnis gründender und bald angefochtener Erfolg mit sich bringen kann, den Verlust der Unbefangenheit, den Bruch des eigenen Rhythmus ..." Das leise Eingeständnis des Scheiterns aus Jürgen Theobaldys Prosabuch In der Ferne zitternde Häuser hat Seltenheitswert in der deutschsprachigen Literaturszene, wo die Aufsteiger der jeweils neuesten Generation einander mit schrillen Effekten - oder einfach nur mit Hinweis auf ihre Jugend - zu überschreien versuchen. Der aus Heidelberg stammende Dichter Jürgen Theobaldy ging den umgekehrten Weg und zog sich nach seinem aufsehenerregenden Debüt in Berlin in aller Stille aus dem literarischen Wettbewerb zurück: in die Schweiz, wo er, wie einst Gottfried Keller und nach ihm Robert Walser, an den manche der hier versammelten Texte erinnern, als Amtsschreiber arbeitet.

Man könnte Jürgen Theobaldy als Seitenaussteiger bezeichnen oder, mit einem Wort von Hans Magnus Enzensberger, als Held des Rückzugs, der auf seinem Beobachtungsposten am Rand des Geschehens verharrt und von dort aus allerhand wahrnimmt, was den in Gladiatorenkämpfe verstrickten Protagonisten verschlossen bleibt, weil der in der Arena aufgewirbelte Staub ihnen die Augenlider verklebt. Seine Beobachtungen hat Theobaldy in zwei zeitgleich in Kleinverlagen veröffentlichten Büchern gesammelt, einem Lyrik- und einem Prosaband, beides Meisterwerke in ihrer Art, die viele überschätzte Poeten und wortreich auftrumpfende Romanciers alt aussehen lassen. Dies ist keine Gefälligkeitsrezension, die aus Sympathie für einen notorischen Außenseiter gültige Qualitätskriterien "ad acta" legt, im Gegenteil: Gemessen an den Maßstäben, die Theobaldy mit seinem von der Kritik hoch gelobten Lyrikband Der Nachtbildsammler selbst gesetzt hat, findet er in seinem neuen Buch zu einer fast klassisch zu nennenden Lakonie, wie im folgenden, Bei Thun betitelten Gedicht: "Der Brahmsbaum, eine schüttere Weide. / Drüben Kleists Insel, / vom Laubwerk verh ängt, / eingenebelt gar vom Grün. / Auf dem Uferstein verrenkte Kleider. / Vom Schwimmer nichts. / Der Himmel richtet lichte Flecken / auf den eisernen See. / Die Möwen schreien nach Weißbrot.

"Anklänge an Hölderlins Gedicht Mitte des Lebens sind ebenso unüberhörbar wie Anspielungen auf Robert Walsers Prosaminiatur Kleist in Thun. Bei all seiner Belesenheit aber hat Jürgen Theobaldy stets einen unverwechselbar eigenen Ton, der mit Begriffen wie Sprödigkeit oder Melancholie nur vage umschrieben ist: eine Sprachmelodie, die Musik nicht bloß nachzuempfinden, sondern träumerisch nachzuschaffen versteht wie in der Erzählung Von weitem: Schubert, der schönsten Geschichte dieses Buchs, dessen einzelne Beiträge sich lesen wie Bruchstücke eines unvollendet gebliebenen Romans. Zum Glück, möchte man sagen, denn der Reiz von Theobaldys Prosa liegt gerade in ihrem fragmentarischen Charakter, der es den Lesern ermöglicht, die Leerräume des Texts mit eigener Erfahrung zu füllen. Die scheinbare Schwerelosigkeit bestimmt auch das folgende Gedicht, mit dem der Autor nicht nur sein poetisches Schaffensprinzip, sondern auch seinen literarischen Rang verdeutlicht: "Arbeit mit Papier // Aus jedem Gedicht kannst du / eine Schwalbe machen. // Du mußt es aber richtig falten. // Aus jedem Gedicht, hörst du, / auch aus dem missglückten. // Nun denke dir den Himmel dazu."

Jürgen Theobaldy: In der Ferne zitternde Häuser

Prosa

Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2000

62 S., 26,- DM