Mit einer Meldung des Online-Magazins Inside.com am 9. Januar fing alles an. Der Wissenschaftsverlag Harvard Business School Press habe dem Erfinder Dean Kamen 250 000 Dollar vorausgezahlt für ein Buch über dessen nächste Erfindung, die im Jahr 2002 auf den Markt geworfen werden soll: einen Apparat mit dem Decknamen IT, zu deutsch ES. Eine viertel Million - für einen akademischen Verlag eine stolze Summe, sogar für amerikanische Verhältnisse.

Besonders prickelnd: Der Verlag zahlte diese Summe, ohne zu wissen, was ES überhaupt sein würde. An die Öffentlichkeit gelangten außerdem Auszüge aus dem Exposé des Buchprojekts. Und das hatte es in sich.

Denn darin verbürgten sich, den Insider-Informationen von Inside zufolge, immerhin Apple-Erfinder Steve Jobs und Amazon-Gründer Jeff Bezos für die epochale Bedeutung des ominösen ES: Mindestens so folgenreich wie der Personal Computer könnte ES sein, wurde Steve Jobs zitiert ganze Städte müssten deswegen neu konzipiert werden. Milliardenschwere Industrien würden verschwinden, neue entstehen einer Berechnung des ES-Investors Credit Suisse First Boston zufolge würde Dean Kamen, der Erfinder, innerhalb von fünf Jahren reicher werden als Bill Gates.

Die Möglichkeit, dass ES vielleicht ein verfrühter Aprilscherz sein könnte oder eine schlau inszenierte Karikatur der Exzesse der New Economy - mit solchen Bedenken hielt sich die weltweite Technophilen-Gemeinde nicht lange auf. Zusätzlich angestachelt von der grassierenden ES-Hysterie aller großen US-Fernsehsender, stürzte man sich mit Begeisterung in ein riesiges Ratespiel: Was ist ES?

Das eilig installierte Diskussionsforum www.theitquestion.com (zu deutsch: die ES-Frage) wurde innerhalb der ersten 24 Stunden von 100 000 Miterfindern überrannt, die virale Wirkung der Grundidee infizierte schnell Hunderte weiterer Chatrooms. Die Mutmaßungen schossen sich immer mehr auf ein revolutionäres Fortbewegungsmittel ein. Die Indizien: Kamens letzte große Erfindung war ein für holpriges Gelände geeigneter Rollstuhl namens iBot, mit dem auch Treppen erklommen werden können. In seinem Buchkonzept versprach Kamen einen Apparat, der eine Alternative sein werde für Produkte, die schmutzig, teuer, manchmal gefährlich und oft frustrierend sind, besonders für Bewohner von Städten. In Verbindung mit dem Hinweis auf die milliardenschweren Industrien ist es unvermeidlich, hier an einen Ersatz fürs Auto zu denken: ein Minihubschrauber vielleicht, oder gleich ein Anti-Schwerkraft-Anzug, oder, der wahrscheinlichste Kandidat - eine Art Tretroller mit neuartigem, ökologischem Antrieb.

Sogar einen kräftigen Dämpfer von Dean Kamen selbst überstand die ES-Euphorie unbeschadet. In einer Presseerklärung am 14. Januar teilte er mit: IT ist eine wichtige Erfindung, aber nicht annähernd so weltbewegend, wie derzeit spekuliert wird. Zitate wurden aus dem Zusammenhang gerissen.

Ja, ja, klar. Dieses Understatement wurde Internet-weit aber auch nur als weiterer genialer PR-Schachzug des Erfindergenies gewertet den Spaß am Spekulieren ließ man sich davon jedenfalls nicht vermiesen.

Während die meisten Online-Diskussionen zum Thema IT bisher versucht haben, aus den spärlichen Indizien zu erraten, was denn nun genau hinter IT stehen könnte, haben wir die Frage etwas ausgeweitet: Welche Erfindung wäre so wunderbar, dass sie diese ganze Aufregung um das ES wirklich wert wäre?

EIN COMPUTER, DER MICH VERSTEHT.

Gerade bin ich von einer Reise aus Brasilien zurückgekommen, dort wurden in der Sendung Globo TV schon Modelle dieser wundersamen Erfindung von Dean Kamen präsentiert: ein Koffer mit ausklappbaren Rädern, Motor, Lenker und kleinem Sitz. Was daran revolutionär sein soll, weiß ich nicht. So einen Koffer haben wir in der Knoff-Hoff-Show bereits vor sieben Jahren gezeigt.

Auch vom Antriebsmotor erwarte ich nichts Neues: ein schadstoffarmer Elektro- oder Stirlingmotor vielleicht - alles bekannt.

Eine Erfindung, die ich für uns alle viel sinnvoller fände, wäre ein funktionierendes Spracherkennungssystem. Man brauchte keine Tastatur mehr, sondern würde sagen: Anschalten, Schreibprogramm! oder E-Mail, und diktierte dann seinen Text. Die vorhandenen Spracherkennungssysteme haben eine sehr hohe Fehlerquote, man muss alle Hintergrundgeräusche ausschalten und die korrekte Aussprache jedes Wortes trainieren. Das Problem im Deutschen ist, dass unsere Wörter so konsonantenreich sind und außerdem oft aus ganz ähnlichen Silben zusammengesetzt sind, die aber eine völlig gegensätzliche Bedeutung haben. Man brauchte also ein hoch entwickeltes Backup-Programmm, das den Sinnzusammenhang prüft.

JOACHIM BUBLATH.

Wissenschaftsautor und ZDF-Moderator (Knoff-Hoff-Show).

KOMMUNIKATIONSKOMPRIMIERER.

Um dem erhöhten Informationsbedarf gerecht zu werden, müsste man viel mehr Wissen aufnehmen können. Die meisten Leute sind zu schlecht informiert.

Maschinen, die die Wissensaufnahme erleichtern, fände ich deshalb revolutionär. Ich denke an einen multifunktionalen Gerätekomplex. Zunächst eine Kommunikations-Kompressions-Dekompressionsmaschine, die es ermöglicht, schneller als in Echtzeit zu kommunizieren. Bei einem Gespräch warte ich, bis der andere seinen Satz beendet hat - das dauert -, dann sage ich etwas und so weiter. Kommunikationsprozesse werden gerade im Job manchmal endlos. Diese Maschine könnte Diskussionen abkürzen, ohne die Qualität zu beeinträchtigen.

Man würde schneller auf den Punkt kommen und die gesparte Zeit für andere Dinge nutzen können. Komplementär zu diesem Apparat würde die Hochgeschwindigkeits-Lernmaschine arbeiten: Man stöpselt sein Gehirn daran an, wählt ein Buch aus, zum Beispiel Thomas Manns Zauberberg, und, schwupp, hat man den Inhalt intus - und kann dann seinen eigenen Interpretationen mehr Zeit widmen. Die Krönung wäre die Entscheidungsmaschine, die mir zwei mögliche Szenarien aufzeigt. Die Maschine entwirft beide Varianten so realistisch, dass man sich gleich entscheiden kann, was man lieber erleben will. Wie diese Maschinen aussehen? Auf jeden Fall nicht wie herkömmliche Computer, keine Hardware, nicht menügesteuert. Es wäre eine Frauenstimme, die auf Wunsch im Raum holographisch projiziert wird.

TANJA DIEZMANN.

Professorin für Interface an der FH Dessau und Chefin der Design-Firma pReview.

GEDANKENLESER.

Ein Computer, den ich per Gedankenübertragung steuern kann - das wär's! Ich denke: Ich schreibe jetzt einen Brief, und der macht das. Das Spannende dabei wäre natürlich, auf welche Art mein Gehirn mit dem Computer verbunden sein könnte. Kabel - auf keinen Fall! Ein implantierter Chip wäre gewöhnungsbedüftig, aber wahrscheinlich läuft es darauf hinaus. Der Chip misst meine Gedankenströme und übermittelt sie dem Computer. Der versteht alles, lernt mich und meine Gewohnheiten mit der Zeit immer besser kennen.

Ich müsste nicht mehr an der Tastatur Befehle in Ja/Nein teilen, sondern könnte assoziativ denken.

ANTON ZEILINGER.

Quantenphysiker an der Universität Wien.

HUNDERT MEGABIT FÜR ALLE.

Ich stelle mir vor, wie in naher Zukunft alle Menschen weltweit mit einem kleinen Gerät ausgerüstet sind, das mit Hunderten Megabit pro Sekunde Daten überträgt. Man kann sich mit jedem Menschen auf der Welt unterhalten, ihn sehen, Bilder und Filme austauschen. Das erhöht die Lebensqualität, man muss nirgendwo mehr hinfahren, lästige Erledigungen funktionieren blitzschnell beim Spaziergang.

SASCHA SEBASTIAN HAENLE.

Sieger des Jugend-forscht-Wettbewerbs 2000.

SOCKEN-REUNIONATOR.

Ich brauchte dringend ein Gerät, das verlorene zweite Socken wiederfindet.

Wer kennt dieses Phänomen nicht: Man wäscht Socken als Paare - und heraus kommen sie als Einzelstück. Ich vermute, irgendwo gibt es einen Ort, nennen wir ihn den Planeten der Socken, wo es einen riesigen Stapel aus Milliarden Socken gibt, die seit der Erfindung der Waschmaschine dorthin katapultiert wurden.

Der Socken-Reunionator nutzt Methoden der Quantenmechanik und der DNA-Analyse und hat große Ähnlichkeit mit einer alten Küchenwaage, links ein Teller, rechts eine Glocke. Auf die linke Seite, das ist der Analysator, legt man die vorhandene Socke, deren Socken-DNA überprüft wird. Das ist nötig, um aus dem großen Stapel den passenden Partner herauszufischen. Findet der Sockenreunionator die richtige Socke, wird sie per Quantensprung in unsere Realität zurückgeholt und unter der Glocke materialisiert.

HELGE HAAS.

Moderator des ARD-Wissenschaftsquiz Kopfball.

FERNWIRKUNG.

Eine Erfindung, die ich mir wünsche, wäre ein Gerät zur Umsetzung der so genannten Fernwirkung. Das ist ein Begriff, den Einstein prägte, allerdings als eine utopische, abwegige Idee. Er sagte, eine Fernwirkung ohne Medium wäre gespenstisch. Wenn es zum Beispiel möglich wäre, dass ich hier in Karlsruhe sitze und Ihnen in Berlin auf die Schulter klopfe. Wie sollte das gehen? Dazu müsste man Photonen, also subatomare Teilchen in einen Quantenzustand versetzen. Das funktioniert momentan nur im Mikrobereich: Es ist möglich, in einem isolierten Raum mit einem Laser ein Photon in zwei identische Teilchen zu spalten. Und zwischen diesen einzelnen Teilchen besteht dann eine telepathische Verbindung, die Fernwirkung: Verändert sich das eine, verändert sich auch das andere. Wenn das auch im richtigen Leben funktionieren würde, würden die Grenzen von Raum und Zeit aufgehoben. Dann wäre übrigens auch Beamen möglich.

PETER WEIBEL.

Chef des Zentrums für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe.