Erst wellt sich das Land, dann marschieren rechts und links der Straße hohe, finstere Fichten auf, dann muss man in Oberpirk den richtigen Abzweig nach Unterpirk erwischen. Und dann ist man da: am Mittelpunkt der Erde. Er sitzt im Vogtland, genauer: in der kleinen, weithin unbekannten Stadt Pausa.

Eingezwängt zwischen Bayern und Thüringen, in einem westlichen Zipfel Sachsens. Dass der Besucher hier richtig ist, sieht er am gläsernen Globus auf dem Rathausdach, bekommt aber seine Zweifel, als er die Klinke zum Hotel Stadt Pausa drücken will: abgeschlossen. Mittags sollte laut Schild eigentlich das Hotelrestaurant öffnen.

Zwei Frauen mit Einkaufstüten laufen hilfsbereit mit mir in die Sparkasse nebenan, um die Frau am Schalter nach dem Hotel zu fragen. Die zuckt die Schultern: Kürzlich hatte es noch offen. Aber um die Ecke gibt's die Pension Globus mit der Wirtin Isabella. Dort riecht's nach kaltem Rauch und Spiegelei. Und das Bett ist in frischem Hellblau bezogen. Was machense denn in Bausa, wenn ich frachen darf?, fragt Isabella. - Ich will zum Mittelpunkt der Erde, sage ich. - Viel mehr gibt's bei uns auch net.

Obwohl, mir haben ein wunderschönes Freibad. Und der Friedhold hat auch viel für die Stadt getan. Der Friedhold, das weiß ich aus dem Internet, wo ich auf der Website Pausa der 365. Besucher war, das ist der Bürgermeister Schwabe. Die Wirtin schiebt die Scheibengardine beiseite, zeigt auf den Audi vor dem Rathaus. Ja, er ist da. Da gönnse mit ihm reden.

Peepshow in Pausa: Blick auf die Achse für eine Mark

Der Herr des Erdmittelpunktes, ganz im grünen Trachtenlook, lässt Kaffee bringen. So genau, gibt er zu, weiß es niemand, wann, wer und warum behauptet hat, der von rund 4300 Vogtländern bewohnte Ort sei es, um den sich die Welt dreht. Hauptsache, es wird behauptet! Entschlossen zur Legendenbildung waren viele, die sich Publikum wünschten: Betreiber eines Moorheilbades im 19. Jahrhundert. Likörfabrikanten, Lokalpatrioten, Spaßvögel. Und Kommunalpolitiker wie Friedhold Schwabe.

Hinter den Spitzengardinen des Bürgermeisterzimmers zieht flammendes Abendrot auf. Und drinnen kommen die Geschichten zur Sprache, um die sich das Leben hier dreht. Wie der Schwimmmeister der Stadt, einst Stickmeister in der Bekleidungsbranche, Bürgermeister wurde. Als Stickmeister hat Friedhold Schwabe 1980 dem VEB Spitze Bekleidung gekündigt, weil er den Betrug auf dem Papier nicht ertragen hat. Er zeigt, wie's ging: nimmt einen Hundertmarkschein aus der einen Tasche seiner Trachtenjacke und schiebt ihn in die andere wieder hinein. Und dann hieß es, mir ham hundert Mark verdient!

Drum hat er 20 Sommer eigensinnig im Schwimmbad überlebt. Und da saß er immer noch, als seine Welt sich andersherum zu drehen begann, und dachte: Was soll nun aus unserm Pausa werden? Dann schrieb er 50 Einladungen an tapfere Frauen und Männer aus seinem Bekanntenkreis. 47 kamen in die Turnhalle, drei fehlten entschuldigt. Und am Ende hatte sich die Freie Wählergemeinschaft gegründet, die bei der ersten Kommunalwahl 1990 von rund 75 Prozent der Pausaer gewählt wurde. Friedhold Schwabe lacht: Das war wie früher.

98 Prozent kamen zur Wahl! Aber diesmal wollten sie wirklich. Seither regiert er mit absoluter Mehrheit. Er hat nämlich als Erster die Nerven verloren. Nachdem vier Wochen lang keiner der 26 frisch gewählten Stadträte das Amt wollte, hat er gesagt: Na gut, ich mach's. Was der Stadt einen Gewerbepark einbrachte, in dem produziert und nicht nur verkauft wird, einen Wohnpark, wo der Quadratmeter Bauland 99 Mark kostet, eine neue Feuerwehr, viele neue Straßen, zwei neue Betriebe und ein noch neueres Schwimmbad. Mir jammern nischt, sagt Schwabe.

An ihrem Mittelpunkt ist die Erde auffallend gesittet. Friedlich und freundlich. In der Stadtbibliothek nutzt das Volk gern die Vorzüge des Internet. Aber mit dem Harry-Potter-Fieber ist hier niemand infiziert. Keine Nachfrage, sagt Bibliothekarin Birgit Ölsner. Hier lesen die Kinder noch Kästner. Zum Kaffee in der Konditorei Knauer gibt es Vogtländer Mandelstollen. Der Frisör deckt sein Haus mit echten Schieferschindeln, wie es früher üblich war. 40 Jahre wurden sie meist durch Pappe ersetzt. Vorbei.

Wenn das Geld reicht.

Die Erdachsendeckelscharnierschmiernippelkommission tagt abends. Dort, wo bei anderen der Ratskeller ist, haben sie hier die Schmierstub'. Peepshow in Pausa: Gegen eine Mark, die in einen Schlitz zu stecken ist, verschwindet die Holzklappe vor dem Guckloch, und man kann die ruhige, stetige Rotation der Erdachse eine Minute lang beobachten. Sie ist aus blankem Edelstahl und lugt aus Felsgestein hervor. Die drei Abgesandten des zwölfköpfigen eingetragenen Vereins tragen Zylinder und weiße Handschuhe. Joachim Dietzsch, pensionierter Textilingenieur, erklärt den verantwortlichen Dienst an der Welt: Jeden Vollmond steigen wir aufs Rathausdach und schauen nach, ob der Globus noch richtig rotiert. Dann schmieren wir die Erdachse mit Öl und Schmiere. Das sind zwei Kräuterschnäpse, ein heller, ein dunkler, die vor allem die Kehlen der Kommissionsmitglieder und ihrer Gäste ölen. Man drehe das randvolle Gläschen in einem weiten Kreis dreimal zum Herzen hin, dann - kipp und schluck. Danach drehe man das geleerte Gläschen wieder auswärts. Das mindert die alkoholische Wirkung und mehrt das Gefühl fürs Feierliche.

Nachgespült wird mit Rotkäppchen-Sekt. Und so kommt es, dass unterm Rathaus um Mitternacht noch immer dieselben Geschichten kreisen, die oben alle bewegen: Wie sie hier eine Welt verloren und eine neue gefunden haben. Die mächtige Textilindustrie ist über Nacht gestorben. Gewohnheiten mit ihr. Aber nicht die Tradition, der Stolz, gerade aus dieser Stadt zu sein.

Bürgermeister Schwabe hat noch eine alte Stickmaschine zu Hause, ein neun Meter langes, ratterndes Ungetüm, auf dem er seit seinem 13. Lebensjahr mit Hunderten von Nadeln die berühmte Plauener Spitze gestickt hat. Seit 150 Jahren gehörten Stickmaschinen in Pausa zu den Haushalten wie Pfeifkessel und Küchenuhr. Plauen, die 16 Kilometer entfernte Vogtlandhauptstadt, hat Pausa mitbeschäftigt. Jetzt arbeiten die Pausaer bei den Neuansiedlungen von zwei Betrieben aus Bayern, stellen Tuben und Autozubehör her. Andere nähen bei der Wäsche-Union, dem einzigen Pausaer Überlebenden des Firmensterbens. Viele junge Fachkräfte pendeln nach Oberfranken. Zu viele sind abgewandert: Unsre Leut' nehmen sie woanners mit geschmatzten Händen, hat der Bürgermeister erklärt. Traurig und stolz.

Als die Bürger ihr Rathaus vor zehn Jahren übernahmen, war der Keller voller Gerümpel, sodass die Erdachse erst nach umfangreichen Aufräumarbeiten zutage trat, erklärt Kommissionsmitglied Dietzsch. Vielleicht war es aber auch so: Dann erst war der Platz frei, im Keller wie im Kopf, das Symbol für den Weltenlauf zwecks Besichtigung zu installieren? Schweigen, Grinsen.

Ernsthafte Lust auf Spaß war jedenfalls mit dem Entrümpeln so viel freigelegt, dass man eine Schnapsfabrik ausfindig machte, die seither Öl und Schmiere für die Achse mischt. Dreimal hat die Kommission getagt und verkostet, bis man sich auf das Rezept einigen konnte. Die Flasche kostet 17,17 Mark.

Die letzten 10 Jahre sind hier wie 20 verflogen. Die Erdachse hat im Zeitraffer rotiert. Und der Rest der Welt hat nichts gemerkt. Aber der Taumel ist vorüber. Die Abwanderung ist gestoppt. Die Arbeitslosenquote ist mit unter 13 Prozent die niedrigste in Sachsen. Der neu gegründete Heimatverein hat über 40 Mitglieder, und die Pausaer Turner reisen zu siegreichen Kämpfen.

Vor dem Plus-Markt stehen die Leute und schwatzen, ehe sie ihre Einkäufe wegtragen oder in die Kofferräume laden.

Im weiteren Kreis um den Erdmittelpunkt finden sich Zeugen früherer Erdrunden. 80 Kilometer Spazierwege hat der Wanderverein ausgeschildert.

Neuerdings ein wenig behindert von den neuen Waldbesitzern. Aber das kann Peter Stolzenberger, den obersten Wanderfreund, nicht beirren: Der Vogtländer ist ein sturer Nischel. Der lässt sich net groß beeinflussen.

Über knackendes Geäst und nasses Buchenlaub stapfen wir zur Reinhardtsquelle, wo mineralhaltiges, klares Wasser aus dem Boden sprudelt. Seit dem 15. Jahrhundert sind hier Mineralqellen bekannt. Und ab 1850 war Pausa für ein paar Jahrzehnte Bad Pausa. Nie mondän, nicht berühmt. Ein Grund für die Entdeckung der Erdachse: Bäderpromotion. Die Pausaer Badbetreiber haben frechen Hype betrieben, lange bevor der Begriff bekannt war. Allerdings wähnte man den Achsenaustritt damals noch an einem anderen Punkt: Im Boden des Wirtshauses Zum Thüringer war ein Deckel eingelassen, und gegen Entrichtung einer Mark - für die Armen der Stadt - durfte man hineinsehen in den Mittelpunkt der Erde.

Der Pausaer als solcher ist sehr eigenwillig

Vom Katzenstein aus sieht man Pausa gut gebettet in grün gewölbten Feldern liegen. Die dreistöckigen, schmucklosen Häuser blinken frisch in der milchigen Sonne. Ihre grauen Dächer glänzen feucht. Eine Schutzburg aus dem 12. Jahrhundert hat mit Erdwall und Wassergrabenresten Spuren hinterlassen - ein Zufluchtsort der Germanen im Kampf mit den Slawen, denen der Mittelpunkt der Erde eindeutig zuerst gehörte.

Geschichte hat's in Pausa gut. Sie wird gesammelt, erzählt und geschrieben.

Wie es Leute eben tun, die ihre Verantwortung für den Weltenlauf annehmen.

Drum musste auch die Triangulierungssäule Nummer 155, mit der das Königreich Sachsen 1876 ausgemessen werden sollte, wieder an ihren angestammten Platz.

Ein Bagger hatte sie in den sechziger Jahren beim Kiesabbau gerammt. Die roten Porphyrreste lagen 30 Jahre lang in den Brennnesseln. Bis der Heimatverein die Aufgabe erkannte und Dutzende Anwohner hier heraufholte, die die Säule noch im Stehen gekannt hatten. Jeder sollte einen Pflock einschlagen, da, wo er sie zuletzt gesehen hatte. Aber das Fundament der Säule blieb verschwunden. Bis eines Tages wieder einmal Landvermesser des Wegs kamen, um Sachsen zu vermessen - und die hatten einen guten Draht zum Weltraum. Per Satellit wurde der alte Punkt gefunden, ein Spatenstich - und da knirschte es, das Fundament. Nun steht die Säule wieder. Ordnungsgemäß und lehrreich.

Wie ihre Welt auszusehen hat, davon haben die Pausaer eigene Vorstellungen.

Die fast 40 Jahre, in denen Pausa von der Staatsmacht zum thüringischen Bezirk Gera geschlagen wurde, haben daran nichts geändert. Die im Rathaus haben regiert, aber wir haben bestimmt, wo's langgeht. Die Leut' in den Vereinen, die Sportler, Sänger, Wanderer. Ohne uns lief nischt. Das wussten die ganz genau. Jüngster Beweis für erfolgreichen Vogtländer Eigensinn: der Sachsenkrieg anno 1992. Nachdem Friedhold Schwabe sein Volk befragt hatte und 99 Prozent wieder zu Sachsen gehören wollten, tat sich erst mal gar nichts.

Zentrale Verwaltungen verschätzen sich oft in Herzensangelegenheiten der Untertanen. Und so wurde Bürgermeister Schwabe drastisch. Zusammen mit Amtskollegen umliegender Gemeinden charterte er einen Bus. Sie fuhren nach Erfurt und besetzten den Thüringer Landtag. Bis der Innenminister kam und die Sache durchstellte.

Im neu gegründeten sächsischen Vogtlandkreis hat Pausa allerdings Randlage.

Und die einzige sachliche Erklärung für den Erdmittelpunkt in Pausa ist nur noch auf sehr alten Karten erkennbar. Das Vogtland war einst viel größer: Es gab das bayerische, das sächsische, das thüringische und das böhmische Vogtland. Genau in der Mitte lag eben das Städtchen Pausa. So einfach ist das: Wenn dem Vogtländer sein Land die Welt ist, ist Pausa deren Mittelpunkt.

Hinter Pausa hat das Vogtland Reize, die keiner Deutung bedürfen: Die Wälder werden dichter, die Berge höher, die Gaststätten häufiger. Erdbraun und grasgrün die Flächen, schiefergrau die Kirchturmspitzen. Im Göltzschtal erscheint in einer unscheinbaren Straßenbiegung ein Viadukt, mächtig, aus vier Etagen steinerner Rundbögen, überspannt er das Tal, und hoch oben bewegt sich der Zug nach Oberfranken. Vom Aschberg in Klingenthal aus gehen 100 Kilometer Kammloipe ins Land. Aus Morgenröthe-Rautenkranz, rund sechs Kilometer weiter, stammt Sigmund Jähn - der erste Deutsche, der die Umdrehungen der Welt von oben sah, war Vogtländer. Markneukirchen, woher seit Jahrhunderten Musikinstrumente für die besten Orchester der Welt stammen, zeigt in einem barocken Bürgerhaus Instrumente aus aller Welt. Bröckel und Brösel sind überall zurückgedrängt. Besonders in Bad Elster, wo sich eine feine Pension an die andere reiht, unterbrochen von Konditoreien, Theater und Andenkenläden. Auf dem Weg hinauf zur Hohen Reuth, einem Fasttausender, kündigen Wanderer mit Stöcken und Pudelmützen ein touristisches Epizentrum an. Das Beste ist gratis: der Blick ins Land hinein. Die Abendsonne überwindet eine Wolkenbank, schickt lange Finger in die Landschaft. Es ist so still, dass man es hören kann. Weit unten ahnt man das Getümmel der Welt und mittendrin die fischelanten Pausaer mit dem Talent, aus jeder Erdumrehung das Beste zu machen. Der Vogtländer Tourismusverein bietet Wanderungen an: In sieben Tagen zum Mittelpunkt der Erde.

Information

Anreise: Per Auto aus Richtung Norden: auf der A 9 bis Schleizer Dreieck, weiter auf der E 49 bis Oberpirk, restliche Strecke Landstraße

Übernachtung: Pension Globus, Zeulenrodaer Straße 4, Tel. 037432/202 96, Fax 202 99. EZ/DZ 50 bis 90 Mark. Sehr schlichtes Ambiente, dennoch beste Unterkunft am Ort, Stadtmitte, gegenüber dem Mittelpunkt

Restaurant: Grünes Tal, Am Plaueschen Tor 10, Tel. 037432/226 96. Gute deutsche Hausmannskost, preiswert

De Erdachs: Neumarkt 1, seitlicher Rathauseingang. Für eine Mark zuschauen, wie sich die Achse dreht

Aktivitäten: 85 Kilometer gut ausgebautes Wanderwegenetz. Vom Tourismusverband Vogtland (Friedrich-Ebert-Straße 21 a, 08209 Auerbach, Tel.

03744/188 60, Fax 188 86 59) stammt das Arrangement In 7 Tagen zum Mittelpunkt der Erde: 6 Übernachtungen, Gepäcktransfer, Karte, Schmierstunde (Erdachse schmieren mit Kräuterschnaps!) für rund 480 Mark

Auskunft: Stadtverwaltung, Neumarkt 1, 07952 Pausa, Tel. 037432/603 10, Fax 603 55, www.stadt-pausa.de

Für Kinder: Nach dem Erdachs-Gucken ins Freibad (Am Butterberg 10). Geöffnet Mitte Mai bis September täglich zwischen 9 und 20 Uhr