... denn sie leben wild und gefährlich

Nicht die Wölfin, nicht die Gänse: Heute ist Rom die Stadt der Katzen. Eine tierische Führung zwischen Miau und Liebesrufen

Eine Infektion am Innenohr hat den gestreiften Kater mit Namen Damocle zum Star gemacht: Weil er wegen der Krankheit immer den Kopf etwas schief hielt und deshalb so lieb aussah, wurde der Streuner zum Fotomodell. Ein großes Damocle-Poster hängt am Eingang von Roms Katzenkolonie am Torre Argentina. Please, help us, miaut der Kater dem Besucher entgegen.

Vergeblich, zumindest für ihn selbst - vor sechs Monaten ist Damocle an der Infektion gestorben. Doch sein Hilferuf ist immer noch aktuell: Roms Katzenkolonien leiden an chronischem Geldmangel. Deshalb haben die drei größten Katzenasyle für Rom eine neue Attraktion geschaffen: Sie entführen die Besucher in einer kostenlosen Tour an die Plätze, auf denen einst die römischen Imperatoren und heute die Katzen herrschen. Damit, sagt Silvia Viviani, früher Opernsängerin, heute Roms bekannteste Katzenmutter, wollen wir auf die Probleme der Katzen aufmerksam machen. Und natürlich hofft man, dass Damocles rührender Poster-Blick den Besuchern ein paar Tausend Lire als Spende aus der Tasche lockt.

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Rom ist bekannt für seinen Reichtum an Katzen. Über 300 000 leben in der Stadt, und wer genau hinhört, vernimmt allerorten zwischen Vespa-Getucker, Alarmanlagen und dem Geschrei der Souvenirverkäufer heftiges Miauen und Gekreische. Vor allem die historischen Ruinen haben sich die Tiere als Ruheplätze auserkoren: Dort ist es schattig, ruhig, und der Verkehr wird nicht zur tödlichen Gefahr. Vor sechs Jahren haben Silvia Viviani und andere Katzenliebhaber die erste Kolonie eingerichtet. Sie haben Käfige in einen feuchten Keller am Torre Argentina geschleppt, Zäune errichtet und freiwillige Helfer eingesammelt, die sich rund um die Uhr um das Wohl der gatti kümmern. Zunächst noch illegal, doch in diesem Jahr hat die Stadtverwaltung ihren Segen gegeben - und sogar eine Weltpremiere initiiert: Rom ist die erste Stadt mit einem eigenen Referat für die Rechte der Tiere.

Das Heilige Jahr war Anlass für Silvia Viviani, die Aufmerksamkeit der Touristen nicht nur auf den Petersplatz, sondern auch auf Roms miauende Einwohner zu richten. Die zweistündigen Führungen in italienischer, englischer oder deutscher Sprache sind eine amüsante Mischung aus historischen und tierischen Anekdoten. Die Besucher erfahren, dass der Name des Turms nichts mit Argentinien zu tun hat, sondern dem einstigen Zeremonienmeister des Papstes, Burckhardt von Straßburg (Argentinensis), gewidmet ist. Und Cäsar, erklärt die deutsche Stadtführerin den Touristen, sei nicht etwa im Senat von Brutus erstochen worden, sondern hier am Torre Argentina. Etwa an der Stelle, an der gerade eine dickleibige schwarze Katze ein trockenes Panino verspeist? Ob das dem angeblichen Katzenhasser Cäsar gefallen hätte?

Und während eine andere Katze mit abgeschnittenen Ohren um die Beine der 20 Touristen schnurrt, startet die Führerin einen kurzen Exkurs über die gatti in Rom. Größtes Problem der Katzenmütter sind die Krankheiten ihrer Schützlinge: Unter Hautinfektionen an den Ohren, Bronchitis oder dem so genannten Katzen-Aids FIV (Feline Immune Deficiency Virus) leiden viele der insgesamt 300 Katzen am Torre Argentina. Die Medikamente müssen allesamt aus Spenden finanziert werden, ebenso das Futter. 90 Kilogramm Fleisch und Haferflocken verspeisen die vierbeinigen Asylanten pro Woche. Bis zu 17 Neuzugänge gibt es am Tag. Die Katzen werden von entnervten Familien abgegeben oder nachts einfach in die historischen Gräben geworfen. Wir sind am Rande unserer Kapazität, sagt Signora Viviani, die jedes Tier im Computer registriert, kastrieren lässt und mit einem Namen versieht.

Doch trotz aller Sorgen macht sich Zufriedenheit breit auf dem Gesicht der schwarz gewandeten Frau: Eigentlich kann ich mir gar nicht vorstellen, ohne die Katzen zu leben. Und mit einem Lächeln guckt sie auf die Spendenschale, aus der die 1000-Lire-Scheine der Touristen hervorquellen. Damocle hat gute Arbeit geleistet.

Die römischen Katzen-Führungen finden an jedem Wochenende in italienischer, englischer und auf Anfrage auch in deutscher Sprache statt: Samstag von 15 bis 17 Uhr, Pyramide Cestia

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