O N L I N E - Z E I T U N G E N Die Letzte könnte die Erste sein
Das anspruchsvollste Internet-Angebot aller Zeitungen hat die "FAZ", trotz innerer Spannungen
Dreimal FAZ im Internet. Bei der Traditionszeitung macht sich eine barocke Fülle breit, wo bis vor einem Jahr die Minimalisten am Werk waren. Lange galt: Internet? Wir geben unsere Inhalte nicht umsonst her! Anders lässt sich nicht interpretieren, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf ihrer Startseite nur ein einziges Tauschgeschäft kannte: Artikel gegen Geld, zahlbar beim Archivar.
faz.com, faz.de und faz.net - nun also gleich drei Internet-Zeitungen mit Nachrichten, Analysen und Kommentaren. Zuerst verbreitete die faz.com eine ins Englische übersetzte Teilausgabe der "Zeitung für Deutschland", nun verständlich für die ganze Welt. Und im Januar gab es gleich eine zweifache Zugabe fürs Publikum: die faz.de als deutsche Auswahl von Printartikeln und die faz.net, in der 30 Redakteure eigene Artikel recherchieren und Material der Nachrichtenagenturen verarbeiten.
Wer allerdings einen harmonischen Dreiklang dieser Auftritte vermutet, der irrt. Die faz.net wurde als Projekt des Verlags gegen den anfänglichen Widerstand einiger Herausgeber gegründet und ist daher noch immer recht eigenständig. Nur das gemeinsame Logo über den Seiten eint die drei Angebote - und, ja, sie verweisen gelegentlich aufeinander.
Die eigenwillige Internet-Strategie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spiegelt die Schwierigkeiten der ganzen Branche wider: Sie kann das Internet nicht ignorieren. Zu eindeutig zeichnet sich ab, dass vor allem Stellen- und Kleinanzeigen dorthin abwandern und eine wichtige Erlösquelle bedroht ist - die Verlage müssen handeln. Gleichzeitig taucht die Frage auf: Haben Zeitungen eine publizistische Idee fürs Internet? Das Medium beeinflusst schon jetzt das tägliche Nachrichtengeschehen als neuer, schnellerer Konkurrent. Bisher reagierten die Tages- und Wochenzeitungen meist defensiv: Präsenz im Internet zeigen, Erfahrung sammeln und mit möglichst geringem Aufwand für die eigene Marke werben. Die faz.net hingegen versucht, ein eigenständiges Portal im Internet aufzubauen. Ein Risiko - aber am Ende könnte die Letzte im Netz die Erste sein.
Den Umgang deutscher Tages- und Wochenzeitungen mit dem Internet hat Christoph Neuberger von der Universität Eichstätt für seine Habilitation untersucht. "Wir haben auch nach den Motiven der Verlage gefragt: Die Online-Ausgabe dient demnach vor allem dazu, alte Leser zu binden und neue zu gewinnen." Einem Bericht der Fachzeitschrift werben & verkaufen zufolge hat die Süddeutsche Zeitung im vergangenen Jahr 2000 neue Abonnenten übers Internet gewonnen, und 9000 Surfer bestellten bei der Welt Online die gedruckte Ausgabe zur Probe.
Wie eigenständig der Online-Auftritt einer Zeitung ist, zeigen die Inhalte am besten. Neuberger hat 164 Zeitungen analysiert und herausgefunden, dass durchschnittlich 56 Prozent der online veröffentlichten Texte aus der Feder eines Printredakteurs stammen. 31 Prozent liefern Agenturen zu, und 5 Prozent beschaffen die Online-Redakteure aus anderen Quellen, wodurch ihnen selbst nicht viel Platz übrig bleibt. Gerade einmal 8 Prozent tragen sie zu den Inhalten ihres Mediums bei - den größten Teil des Tages verbringen sie damit, technische Arbeiten im Hintergrund zu erledigen.
Im "faz.net"-Dossier über 68 steht kein Link zur "FAZ"
Dagegen ist die faz.net ehrgeiziger. Im redaktionellen Kodex kündigt sie die "Bereitstellung eines generalistischen Informationsangebots" an, "frei von politischen oder wirtschaftlichen Interessen des eigenen Verlagshauses oder Dritter". Der Chefredakteur Frank Gaube erläutert, dass die faz.net nicht Nachrichten im Agenturstil liefere. "Wir suchen eigene Geschichten", zum Beispiel mit den Morgeninterviews. Außerdem bietet die faz.net Analysen und Kommentare. Politikchef Ralf Bartoleit schrieb zur Diskussion um Außenminister Joschka Fischer und die 68er am 17. Januar: "Einmal mehr wird darum gestritten, wem die Geschichte gehört und wer sie interpretieren darf. Dazu soll eine weichenstellende Epoche der Bundesrepublik teilweise denunziert werden." Das klingt schon ganz anders als die Artikel von Thomas Schmid, der in der FAZ Attacken gegen Joschka Fischer ritt.
An diesem Punkt zeigt sich ein grundsätzlicher Konflikt: Zeitungen sind Tendenzbetriebe, in denen der Besitzer die generelle Richtung bestimmt. Dies ist bei der FAZ nicht wie sonst üblich ein Verleger, sondern die fazit-Stiftung, vertreten durch die fünf Herausgeber. Die Gründer der FAZ übertrugen ihre Gesellschafteranteile an die Stiftung, damit die Journalisten das Geschick der Zeitung bestimmen. War die Stellung der Herausgeber zum Verlagsobjekt faz.net am Anfang noch unklar, sagt Günter Nonnenmacher, einer der beiden Politikherausgeber, nun: "Wir sind weisungsberechtigt." Was das im Alltag heißt, muss sich herausmendeln.
Drei Wochen nach dem Start deutet sich eine Arbeitsteilung an, die der Rivalität in der FAZ ein Ende bereiten soll. "Wir wollen neue Leser an den Verlag heranführen, bieten Radio-Streaming und einen Investorteil. Die faz.de ist der Internet-Auftritt der gedruckten Zeitung", sagt Gaube. Man verweise aufeinander, sei "komplementär". Noch ist davon nicht viel zu sehen. Wer das Dossier zur Debatte um Fischer und 1968 nutzt, wird keinen einzigen Link zu Artikeln der gedruckten Ausgabe finden. Während Gaube also Friedensangebote im internen Revierkampf macht, stellt sich die Frage, warum faz.de und faz.net nicht verschmelzen. Die bekannte Marke ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg im Internet, der Zuschnitt des Angebots ein zweiter. Die faz.net will ein "generalistisches Informationsangebot" etablieren. Aber faz.de und faz.net schwächen sich selbst, indem sie ihre exklusiven Inhalte nicht häufiger austauschen oder von vornherein vereinen. Nonnenmacher sagt dazu: "Klar ist doch, dass faz.net und die Printredakion immer stärker verzahnt werden."
Zu den internen Querelen gesellten sich in den ersten Tagen technische Pannen - der Server brach zusammen - und eine Diskussion um die Frage, wie das Angebot der faz.net finan- ziert werden darf. Internet-Zeitungen brauchen Einnahmen, denn die Massenentlassungen bei den Online-Ausgaben von CNN, NBC und der New York Times zeigen, dass Qualitätsjournalismus ohne entsprechende Umsätze nicht lange existieren kann. Die faz.net handelte und gewann noch vor dem Start die Deutsche Bank als langfristigen Sponsor für ihren Investor-Teil. Eine unsaubere Vermischung von Inhalt und Werbung? "Ich sehe darin kein Problem, wenn die Nutzer es akzeptieren", sagt Ossi Urchs, prominenter Trendbeobachter und Berater in Sachen Internet. "Alle Medien werden durch Werbung finanziert. Und außerdem sind im Internet aufgeklärte Nutzer unterwegs. Die bestrafen jeden mit Missachtung, der in den Verdacht kommt, die Inhalte könnten nicht nur gesponsert, sondern gekauft sein."
Internet-Unternehmen brauchen dringend neue Erlösquellen, weil die Surfer nicht für Inhalte bezahlen und die Umsätze aus Werbebannern dafür keinen Ausgleich bieten. "Wenn die großen Agenturen Werbeplätze einkaufen und den Mediamix festlegen, dann ist das Internet immer noch eine Randerscheinung", sagt Markus Willnauer, stellvertretender Geschäftsführer beim Internet-Vermarkter Doubleclick. Gerade für die großen Agenturen rechne es sich nicht, Kampagnen im Internet zu organisieren. Etwa 300 Millionen Mark, nicht einmal ein Prozent des Werbevolumens, wurden im vergangenen Jahr im Internet ausgegeben. 500 Millionen sollen es 2001 werden.
Viel schneller als das von der faz.net gewählte Sponsoring-Modell entwickelt sich zurzeit der Verkauf von Inhalten, auch Content Syndication genannt (ZEIT Nr. 31/00). "Wir haben 70 Partner, die unsere Texte und Datenbanken gegen Gebühr nutzen - von AOL über Shell bis zur Telekom", erzählt Christian Hellmann, Vorstandsvorsitzender der Tomorrow Internet AG. Er betreibt Internet-Seiten wie max.de oder cinema.de. Hellmann will 2001 sieben Millionen Mark mit der Zweitverwertung einnehmen.
Die faz.net demnächst als Inhaltelieferant für AOL oder die Deutsche Bank? Zuerst wird sie ihre Chance nutzen müssen, trotz der inneren Spannungen zu einem Online-Angebot mit eigenem Profil in der Nachrichtenlandschaft heranzuwachsen. Im Vergleich zu einigen Konkurrenten im Internet hat sie da deutliche Vorteile. Die Berliner Netzeitung, die seit November ausschließlich im Internet erscheint, bietet wenig eigene Texte und viel Agenturmaterial. Ähnlich geht es der Online-Redaktion der Süddeutschen Zeitung. Sie nutzt die Artikel der gedruckten Ausgabe und arbeitet über den Tag hinweg geschickt mit dem Material der Agenturen, aber an originären Texten fehlt es, weil Chefredakteur Patrick Illinger gerade einmal halb so viele Redakteure dirigiert wie sein Pendant Gaube.
Spiegel Online dagegen ist nach sechseinhalb Jahren dort angekommen, wo die faz.net noch hinwill: Es ist als eigenständige Stimme in der Internet-Nachrichtenlandschaft etabliert. Das Online-Magazin wird inzwischen sechs- bis achtmal im Monat von den Nachrichtenagenturen zitiert. Unter anderem meldete Spiegel Online zuerst, dass die Staatsanwaltschaft Karl-Heinz Schreiber in Kanada aufsuchen wollte, um ihn zur Panzer- und zur CDU-Spendenaffäre zu befragen. Hans-Dieter Degler, Vorstand der SpiegelNet AG, sieht die Konkurrenz für faz.net sowie Spiegel Online in Zukunft weniger bei den Internet-Ablegern der Printmedien: "Entscheidend sind Fernsehsender wie ntv oder die Kirchgruppe. Sobald die Breitbandtechnik kommt, haben sie durch ihre bewegten Bilder einen Vorteil." Spätestens dann, das ist für Degler klar, "wird das Internet zum Leitmedium".
- Datum
- Quelle
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







