Listen ohne Wert
Wettbewerb zwischen Schulen ist sinnvoll - aber schwierig
Wie misst man die Leistung unserer Schulen? Gar nicht, hieß hierzulande lange Zeit die Antwort. Doch seitdem das deutsche Bildungswesen in internationalen Vergleichsstudien schlechte Noten bekam, wird auch von hiesigen Lehranstalten Auskunft über den Ertrag ihrer Arbeit verlangt.
In welch unterschiedlicher Form das geschehen kann, zeigt sich dieser Tage in Sachsen und Brandenburg. Mit viel Tamtam ("Das wird bundesweit Schule machen") veröffentlichte der sächsische Kultusminister Matthias Rößler (CDU) eine Rangliste der Gymnasien des Freistaates, geordnet nach den Ergebnissen des Abiturs. An der Tabellenspitze stehen die Schulen mit der höchsten Quote bestandener Abiturprüfungen im Jahr 2000, am Ende der Tabelle jene mit der höchsten Durchfallquote. Auch die Durchschnittsnoten der Abschlussprüfungen wurden offen gelegt. Ein solcher Vergleich ist in Sachsen möglich, da sich alle Oberstufenschüler des Landes - wie etwa auch in Bayern oder Baden-Württemberg - einer zentralen Abiturprüfung stellen müssen.
Zwar erklärt der Minister in einem Brief an die Eltern der sächsischen Schüler, dass auch andere Kriterien für einen Leistungsvergleich nötig seien: pädagogische oder thematische Schwerpunkte einer Schule oder die Beteiligung an Wettbewerben wie "Jugend forscht". Solche Stärken und Schwächen sucht man im Bericht jedoch vergeblich.
Mit der Veröffentlichung der nackten Abiturdaten hat Rößler bewusst ein Tabu gebrochen - der Protest war ihm sicher. Denn bislang war man sich hierzulande einig, dass Schulrankings schädlich sind. Selbst Befürworter von mehr Wettbewerb im Bildungswesen wenden sich dagegen, die Qualität einer Schule anhand isolierter Einzelkriterien zu messen. Zudem, argumentieren die Gegner, verstärken öffentliche Ranglisten soziale Ungerechtigkeiten: Eltern, die ihre Kinder zur Schule kutschieren oder sich den Umzug in eine feinere Gegend leisten können, würden ihren Nachwuchs auf die vermeintlich besseren Schulen schicken. Die Folge wäre eine Abwärtsspirale: Schulen am Tabellenende würden noch schlechter.
Dass diese Skepsis gegenüber Leistungslisten angebracht ist, belegt die Studie, die Rößlers brandenburgischer Amtskollege Steffen Reiche (SPD) vorgelegt hat. Bildungsforscher der Berliner Humboldt-Universität haben die Qualität des Mathematikunterrichts in Brandenburg untersucht. Eines der Ergebnisse lautet: Gute Leistungen der Schüler gehen nur zum Teil aufs Konto der Schule; auch das Bildungsniveau der Eltern spielt eine Rolle. Das war zu vermuten - jetzt weiß man es. Eine Schule also, die Arbeiterkinder zu annehmbaren Leistungen führt, kann demnach besser sein als eine andere Schule, die aus privilegierten Kindern Einserschüler macht. Simple Ranglisten aufgrund von Abschlussnoten lassen solche unterschiedlichen Startbedingungen außer Acht. Sie sind unfair und demotivierend - ein Argument gegen jede Art von Rankings sind sie dennoch nicht.
Vielmehr muss man von Bildungspolitikern Rankings verlangen, die Informationen über die Ausgangslage der Schulen liefern. Das ist zwar viel schwieriger als das sächsische Spektakel, aber unumgänglich. Denn ungerechte Ranglisten bieten den Eltern keine Information - und munitionieren die Gegner jeglicher Leistungsvergleiche.
Wenn nämlich die Fairness gewahrt wird, gibt es keinen Grund, vor öffentlichen Schulvergleichen zurückzuschrecken. Denn auch das hat die Brandenburger Studie nachgewiesen: Schulen mit einer vergleichbaren Schülerschaft führen ihre Zöglinge ebenso zu unterschiedlichen Mathematikleistungen. Vermutlich, sagen die Forscher, haben die besseren Ergebnisse ihre Ursache in einem besseren Unterricht, in engagierteren Lehrern. Welche Schule bei gleichen Voraussetzungen mehr leistet, das zu wissen, haben die Eltern und Steuerzahler einen Anspruch.
Dass eine schlechte Platzierung in einem solchen Ranking demotivierend wirkt, ist nicht ausgemacht. Sie kann im Gegenteil Ansporn sein, sich anzustrengen, um in der Tabelle nach oben zu klettern. Das muss das Ziel jedes öffentlichen Leistungsvergleichs sein: schlechte Schulen, wenn es sein muss mit äußerer Hilfe, besser zu machen.
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