München, im Mai 1968: In der Stadt, auf die man aus den Hochburgen der Revolte gern ein bisschen herabschaut, sind die Studentinnen und Studenten der Akademie der Bildenden Künste in den Streik getreten. Unterstützt von ihrem Präsidenten, protestieren sie gegen die bevorstehende dritte Lesung der Notstandsgesetze. Statt Arbeitsmappen zu füllen, malen sie ebenso großflächige wie fantasievolle Transparente. Drei davon, diese allerdings von eher konventioneller Machart, finden in den nächsten Tagen ihren Platz in unmittelbarer Nachbarschaft der Akademie: über dem Siegestor in der Ludwigstraße. Während die mittlere Leinwand den Sachverhalt verkündet, sind rechts ein Hakenkreuz und die Worte "Noch einmal" zu sehen, links die Parole "Kein zweites 1933".

Die Installation ist mehr als eine sarkastische Spielerei. Sie verwandelt die Sichtachse, die das Siegestor mit der nur wenige hundert Meter südlich gelegenen Feldherrnhalle verbindet, in eine zeitgeschichtliche Deutungsachse: aus der Gegenwart der Bundesrepublik zurück bis in die Anfänge der Hitler-Bewegung.

Frankfurt am Main, Ende Mai 1968: Hans-Jürgen Krahl ist Mitglied im Bundesvorstand des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds - ein Mann ganz anderen Zuschnitts als die Münchner Kunststudenten. Aber auch der SDS-Stratege hantiert mit der Geschichte, als er auf dem Römerberg, wenige Tage vor der Verabschiedung der Notstandsgesetze durch die Große Koalition, noch einmal die Idee eines Generalstreiks beschwört: "Die Demokratie in Deutschland ist am Ende ... Wir müssen durch gemeinsame Aktionen eine breite kämpferische Basis des Widerstands gegen eine Entwicklung schaffen, an deren Ende sonst wieder Krieg und KZ stehen könnten ... Unser Kampf gegen den autoritär bevormundenden Staat von heute verhindert den Faschismus vom morgen."

Ende der Demokratie, Faschismus, Konzentrationslager, Krieg - es war ein düsteres Szenario, das damals überall im Land gezeichnet wurde, und eine gängige Abkürzung trieb die zeitgeschichtliche Analogie ins Groteske: "NS-Gesetze", NS wie Notstand und Nationalsozialismus. Woraus speiste sich diese Wahrnehmung? Wie hatte eine derart dramatisierte Perspektive auf die Bundesrepublik entstehen können? Welche Erfahrungen standen dahinter? In der gegenwärtigen Debatte wird gern ignoriert, dass "Achtundsechzig" einen langen Vorlauf hatte. Die Geschichte der Protestbewegung reicht weit hinter die Opposition gegen die Notstandsgesetze zurück, und auch wenn dies heute vielfach übersehen, ja bestritten wird - ein Katalysator ihrer Entwicklung war das Problem der "unbewältigten" Vergangenheit, das seit Ende der fünfziger Jahre rasch an Bedeutung gewann.

Eine Gesellschaft vertuschter Biografien

Hintergrund der wachsenden Kritikbereitschaft war in erster Linie eine sich verändernde Generationenkonstellation. Die Kriegs- und Nachkriegskinder begannen nun jene Fragen zu stellen, die der Generation der Flakhelfer und jungen Frontsoldaten kaum in den Sinn gekommen wären: weil sie die Antworten im Zweifelsfalle kannten und wussten, wie knapp sie selbst der Mitverantwortung entgangen waren - und weil sie sich entschieden hatten, den nahezu vollständig reinstallierten Funktionseliten in ihrer Übermacht pragmatisch zu begegnen. Das Kalkül der "skeptischen Generation" (Schelsky) war das der Aneignung der Demokratie

die nachfolgende Generation, die späteren "Achtundsechziger", drängten dagegen auf Veränderung.