Pillen für die Säue

Das geplante Verbot von Masthilfen könnte den Antibiotikaeinsatz im Stall noch fördern

Eine Prise Pulver macht aus Ferkelfutter Turbofraß. Leistungsförderer nennt die Futtermittelindustrie solche Wunderstoffe. Hinter dem kraftstrotzenden Namen verbergen sich Antibiotika: In geringen Dosen lassen sie Ferkel schneller wachsen, und gesund halten sie die Schweine auch. Das aufgepäppte Futter ist sogar billiger als herkömmliches, dafür nicht ohne Nebenwirkung. "Die Bakterien entwickeln Resistenzen gegen Antibiotika", sagt Franz Daschner, Direktor des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene an der Universität Freiburg. "Über Fleisch und Grundwasser können die resistenten Keime auch in den Menschen gelangen." Im schlimmsten Fall kann keine Therapie die Eindringlinge mehr vertreiben, die sich am Schweinefutter immunisiert haben. Deshalb soll mit der Pharmawürze im Futter jetzt Schluss sein.

Aufgescheucht von Funden illegaler Antibiotika bei deutschen und österreichischen Mästern, will EU-Landwirtschaftskommissar David Byrne alle Masthilfen verbieten. Bundesministerin Renate Künast dürfte sich freuen. Sie erwog den Bann schon vor Byrne - als Tribut an den Verbraucherschutz, der mit ihr ins Landwirtschaftsressort eingezogen ist.

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Doch trotz der eiligen Maßnahme werden Antibiotika nicht aus dem Stall verschwinden. Ein Verbot der bisher legalen Masthilfen kann die illegalen Kanäle kaum stopfen, durch die sich Landwirte mit Antibiotika aus Osteuropa und China versorgen. Und auch weiterhin dürfen Mäster Antibiotika ganz legal in den Schweinetrog schütten. Denn erlaubt bleibt eine tierärztliche Praxis, die sich mit dem hehren Namen Prophylaxe schmückt: Tierärzte verkaufen Antibiotika aus ihrem Apothekenköfferchen, um Vieh vor Infektionen zu schützen - etwa wenn Landwirte mit Ferkeln aus unterschiedlichen Ställen auch verschiedene Bazillen hinter Gitter pferchen. Das Verbot könnte dazu führen, dass die Gefahr durch die Arzneimittel gar noch wächst. Denn in den prophylaktischen Cocktail darf die Futterindustrie auch Mittel mischen, die der Mensch schluckt, wenn ihn Bakterien befallen haben.

Als Masthilfe dürfen die Hersteller bislang noch vier Präparate ins Futter mischen, Mittel, die schon lange kein Arzt mehr seinem Patienten verschreibt.

"Die Medizin hat inzwischen viel potentere Mittel", sagt Irene Lukassowitz vom Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin. Doch die veralteten Mittel selektieren auch Bakterien, die gegen moderne Medikamente mit gleichem Wirkprinzip immun sind. Infektiologen bezeichnen diesen bedrohlichen Vorgang als Kreuzresistenz. Schlimmer noch: Die Keime können Resistenzen untereinander austauschen und anhäufen. Solche so genannten Multiresistenzen lassen ganze Arsenale im Schrank der Mediziner versagen.

Wolfgang Witte vom Berliner Robert-Koch-Institut für Infektionskrankheiten berichtet von kreuzresistenten Erregern in Blutproben leukämiekranker Kinder.

Enterococcus faecium hatte die Kinder getötet. Gewöhnlich lebt das Bakterium harmlos im Darm vom Menschen. Unterdrückt aber ein Arzt das Immunsystem eines Patienten nach einer Organtransplantation oder bei einer Leukämiebehandlung, kann es das Blut seines Wirts vergiften. Auf der Suche nach der Quelle der Resistenz führte die Spur zu Hühner- und Schweineställen. Dort musste Enterococcus sich ständig gegen Virginiamycin, ein Antibiotikum der Masthilfe, wehren. Anschließend war es auch gegen Präparate immun, die Ärzte als Joker im Medikamentenschrank verwahren, wenn andere Antibiotika versagen.

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