Es war nicht der Winterschlussverkauf, der vergangene Woche eine Ansammlung von Menschen vor dem Württembergischen Kunstverein mit den Füßen scharren ließ, sondern die Stuttgarter Antiquariatsmesse. Verkauft wurde an den vier Messetagen nur an den Ständen, und da war Tempo angesagt. Wer selbst nicht kommen konnte, schickte angeheuerte "Läufer" ins Rennen. Bereits 15 Sekunden nach der Eröffnung war so ein Großfolio mit 47 Tafeln über Schmetterlinge von Maria Sibylla Merian für 140 000 Mark beim Stuttgarter Antiquariat verkauft. Der informative, früh erschienene Katalog führte den Interessenten wie in vielen anderen Fällen auf die richtige Spur.

Vor 40 Jahren hatten sich vier Stuttgarter Antiquare zusammengetan, um nach europäischem Vorbild die erste deutsche Publikumsmesse für Bücher-, Grafik- und Autografenliebhaber ins Leben zu rufen. Drei von ihnen sind heute noch dabei: Max Neidhardt in zweiter Generation, Frieder Kocher-Benzing sowie Jürgen Voerster. Was damals mit 21 Ausstellern begann, versammelte im Jubiläumsjahr nun 79 Aussteller aus Deutschland, England, Frankreich, Israel, den Niederlanden, Österreich, der Schweiz und den USA mit allein im Katalog angebotener Ware im Wert von über zehn Millionen Mark.

Die Messe hat sich in den 40 Jahren ihres Bestehens als eine der wichtigen in Europa etabliert, eine Fundgrube für Experten, ambitionierte Sammler und Flaneure, in diesem Jahr gab es rund 9 000 Besucher. Das Angebot reichte von zoologischen, topografischen und botanischen Werken bis hin zu Reiseberichten, technischen, literarischen und musikalischen Manuskripten, Sonderausgaben und grafischen Blättern.

Das Prunkstück, ein romanisches Missale aus der Pfarrkirche von Orlach um 1100 zum Preis von 1,37 Millionen Mark, blieb unverkauft, brachte aber den Hamburger Antiquar Jörn Günther in ein ernsthaftes Gespräch mit einem deutschen Museum. Eine 12 000 Bände aus fünf Jahrhunderten umfassende Lexikasammlung bei Inlibris, Wien, für 460 000 DM fand einen privaten Abnehmer.

Am besten verkauften sich Objekte bis zu 150 000 DM. Bei Franz Deuticke, Wien, war es ein dreibändiges Werk des Astronomen Johannes Hevelius von 1687 über das Firmamentum für 110 000 DM und bei Erwin & Rolf Kistner aus Nürnberg die erste deutsche Ausgabe der Schedelschen Weltchronik von 1493 für 125 000 DM. Hellmut Schumann aus Zürich reüssierte mit der Inkunabel von Hermann Nischewitz, Novum Beatae Mariae Virginis Psalterium vor 1496, für 150 000 Mark.

Unter den Autografen war ein Brief des kaiserlichen Generalissimus im Dreißigjährigen Krieg, Albrecht von Wallenstein, an den späteren Feldmarschall Hans Georg von Arnim aus dem Jahr 1627 bei Stargardt, Berlin, für 12 000 DM schnell verkauft, ebenso der eigenhändige Entwurf für ein Oktett für Bläser und Streicher (1957-58) des Komponisten Paul Hindemith bei Erasmushaus, Basel, für 56 000 DM.

Den Liebhabern ohne großes Portemonnaie bot die 40. Stuttgarter Antiquariatsmesse Objekte ab 200 Mark. Erschwinglich eine Erstausgabe Melancholie mit Gedichten von Christian Morgenstern, 1906 bei Cassirer erschienen, für 400 DM bei Knut Ahnert, Berlin, oder 6 Songs for Democracy von Ernst Busch mit drei Schellackplatten aus dem Jahr 1940 bei Frank Albrecht, Schriesheim, für 900 Mark. Die Publikation On the Safety Lamp for Coal Miners with some Researches on Flame von Sir Humphrey Davys, 1818 - immerhin ein Exemplar aus dem Besitz des Prinzen von Wales und ein Klassiker experimenteller Chemie und praktischer Technologie -, gab es für 20 000 Mark bei Simon Finch Rare Books aus London. C. G. Boerner, Düsseldorf, bot eine lichtdurchflutete Radierung der Villa di Mecenate in Tivoli (um 1769) von Giovanni Battista Piranesi für 7 200 DM an, Hartmut Erlemann aus Amsterdam ein Konvolut von 78 Briefen und einem Manuskript von Martin Buber für 26 500 DM an.