"Es gibt nur psychosomatische Krankheiten"
Der Mediziner Thure von Uexküll über den weit verbreiteten Irrtum, Körper und Seele getrennt zu betrachten
DIE ZEIT: Gibt es tatsächlich eingebildete Krankheiten?
THURE VON UEXKÜLL: Man muss diesen Begriff übersetzen. Eingebildete Krankheiten sind Anpassungsstörungen auf der psychosozialen Ebene.
ZEIT: Sind die Menschen demnach unangepasst, überfordert durch neue Techniken, den Fortschritt oder die Umwelt?
UEXKÜLL: Wenn es etwas Neues gibt, müssen die Menschen Anpassungsleistungen vollbringen. Manchmal gelingt dies, manchmal nicht. Und weil sich die Umwelt immer schneller ändert, müssen auf allen Ebenen immer mehr Anpassungsleistungen vollbracht werden.
ZEIT: Gibt es typische psychosomatische Krankheiten?
UEXKÜLL: Rein somatisch ist gar nichts. Es gibt nur psychosomatische Krankheiten.
ZEIT: Auch ein Sehnenriss oder ein Knochenbruch ist psychosomatisch?
UEXKÜLL: Auch da ist das Psychische am Werk, wenn auch sicher weniger als bei anderen Subsystemen wie beispielsweise Herz, Kreislauf oder dem Magen. Manche Menschen sind ja auf merkwürdige Weise anfällig für Unfälle - sie sind prone, wie man in den Vereinigten Staaten sagt. Im System von der psychosozialen Ebene bis hin zur Ebene der Organe und Zellen gibt es Auf- und Abwärtseffekte. Mal kommt die Störung von außen, zum Beispiel ein psychischer Schock, mal kommt sie von innen, aus dem Mikrosystem der Zellen.
ZEIT: Aber genau von diesem ganzheitlichen Bild bewegt sich die Medizin doch weg. Gerade in der Genetik spielt das Psychische keine Rolle mehr.
UEXKÜLL: Keiner macht sich klar, dass auch die Gene zu einem Zeichensystem gehören, das interpretiert werden muss. Was genetisch ausgedrückt wird, muss auch vom Körper akzeptiert werden: Die in den Genen vorgegebene Bauanleitung für ein bestimmtes Eiweiß garantierte noch lange nicht, dass dieses auch entsteht. Es hängt davon ab, in welcher Verfassung der Empfänger ist, welche Bedeutung er dem Zeichen erteilt. Gegenwärtig kommt wieder das mechanistische Menschenbild zum Vorschein, das verhindert, dass die Gegenseitigkeit der Zeichenprozesse anerkannt wird.
ZEIT: Nehmen die chronischen Befindlichkeitsstörungen in den modernen Zeiten zu?
UEXKÜLL: Einige Untersuchungen besagen, dass die Krankheiten, die mit dem engen mechanistischen Konzept der Schulmedizin erfasst werden können, nur ungefähr fünf Prozent ausmachen. Nur auf diese trifft das medizinische Modell zu, für diese ist es hilfreich.
ZEIT: Ist der Gesundheitsbegriff zu eng gefasst?
UEXKÜLL: Der vorherrschende Gesundheitsbegriff beschreibt das gute Funktionieren einer Maschine - einer sehr komplizierten Maschine, die man aber zerlegen kann in Teilmaschinchen. Die von der Weltgesundheitsorganisation angewendete Definition von Gesundheit (körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden) ist dagegen eine bunte Luftblase. Es fehlt der Medizin eine Definition des erlebenden Körpers. Eine Definition für Seele hat sie auch nicht, wenn beides getrennt formuliert wird. Das Menschenbild der Medizin ist technokratisch. Der biotechnisch nicht fassbare Inhalt geht verloren, um den kümmern sich die meisten Mediziner nicht.
ZEIT: Werden die Befindlichkeitsstörungen heute von Patienten und einigen Ärzten stärker wahrgenommen?
UEXKÜLL: Enthusiasmus und Fortschrittsoptimismus, die für den Beginn des 20. Jahrhunderts charakteristisch waren, sind nicht mehr da. Auch bei vielen Ärzten ist ein Unbehagen eingetreten. Das ist ein neues und auch weiter zunehmendes Phänomen. Eine erkenntnistheoretische Auseinandersetzung mit unserem Menschenbild könnte hier weiterhelfen. Für die Definition von Leben brauchen wir eine Definition von Erleben, von der Einheit von Körper und Seele: Bei Kindern ist das Leib-Seelische zunächst noch ganz auf die Mutter angewiesen, die vollkommen beschützt. Diese Abhängigkeit relativiert sich rasch, und dann ist es die Aufgabe der Mutter, das Leib-Seelische des Kindes mit wachsenden Frustrationen zu konfrontieren. So lernt es, aus einer nicht vollkommenen Umwelt eine vollkommene zu machen, sich also ein stimmiges Bild der Welt zu konstruieren.
ZEIT: Der Mensch strebt nach Harmonie mit sich und den anderen?
UEXKÜLL: Wir haben das Bestreben, dass die Umwelt zu unserem Organismus passt. Er ist auf eine passende Umwelt angewiesen. Wir brauchen eine genau zusammengesetzte Luft, wir brauchen einen festen Boden, um darauf stehen zu können. Überall ist die Gegenseitigkeit von Organismus und Umwelt ein Zeichen des Lebens, seine Voraussetzung.
ZEIT: Wie gelingt diese Gegenseitigkeit?
UEXKÜLL: Wir erliegen dem jahrtausendealten Missverständnis, dass uns eine Realität vorgegeben sei, die wir nur in unserem Körper abzubilden brauchten, der wir uns anpassen müssen, damit wir nicht zugrunde gehen. Der ganze Darwinismus beruht ja auf dieser Vorstellung. Aber es gibt keine vorgegebene Realität. Alle Realität ist von uns selbst konstruiert. Es gibt natürlich auch Fehlkonstruktionen. Und genau hier fängt die Krankheit an. Dies muss die Medizin beachten. Es ist höchste Zeit, dass wir das Physikum durch ein Philosophikum ersetzen.
ZEIT: Sind Erkrankungen wie das Chronische Erschöpfungssyndrom oder die Multiple Chemikalienunverträglichkeit tatsächlich neu?
UEXKÜLL: Das ist sehr zu bezweifeln. Wir müssen ja unsere Wirklichkeit passend konstruieren, und sie passt eben häufig nicht. Dann zeigen sich nicht nur Fehlkonstruktionen, sondern manchmal auch Versuche, etwas am untauglichen Objekt, zu konstruieren. Also: In einem völlig verseuchten Haus kann man es sich nicht gemütlich machen, auch wenn man es noch so sehr versucht. Wir sind ja dabei, die Natur zu ruinieren. Aber das Leben ist entstanden durch Ko-Evolution. Jetzt stellen wir - etwa mithilfe der Gentechnik - etwas Neues hin, was meiner Ansicht nach wieder nicht passt. Und die Folgen werden bald spürbar sein.
ZEIT: Ist das Reden über Krankheit stärker geworden, weil Fehlkonstruktionen häufiger vorkommen?
UEXKÜLL: Man nimmt sie ein bisschen ernster als früher. Einige Mediziner wissen inzwischen, dass es Anpassungsstörungen gibt, wobei es an beiden liegen kann, dem Menschen und dem, was gezwungenermaßen konstruiert wurde.
ZEIT: Was machen Sie, wenn Sie krank sind?
UEXKÜLL: Ich versuche, einen vernünftigen Arzt zu finden. Einige begabte und nachdenkliche Mediziner gibt es ja noch.
Die Fragen stellte Werner Bartens
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