K U L T U R P R O G R A M M E Fernsehen für Idioten

Vom Glanz und Elend öffentlich-rechtlicher Kultursendungen

Waschmaschinen haben, wie Fernseher, vorn eine Glasscheibe. Die lässt sich, anders als beim Fernseher, öffnen, und was dahinter ist, kann man anfassen - in gewisser Weise ist die Waschmaschine also das interaktivere Medium. Das Komplizierte am Fernsehen ist: Um zu verstehen, was man auf der Scheibe sieht und was eigentlich dahinter stattfindet, muss man nachdenken. Normalerweise braucht man das beim Fernsehen natürlich nicht. Die Arbeit des medialen Wäschewaschens der Wirklichkeit erledigt, wie bei der Waschmaschine, ein vollautomatisches Programm. Im Idealfall läuft es reibungslos, ist glatt, fließend, unterhaltsam. Bis - schlimmer noch als jeder Werbeblock! - ein Kulturprogramm einsetzt. Ende mit dem Wellenreiten. Denn die plötzliche Unterbrechung verlangt eine andere Form der Aufmerksamkeit. Deshalb darf man, wenn man Erfolg im Fernsehen haben will, nie, wirklich absolut nie Vorschläge für eine Kultursendung machen. Mag noch so viel Einsatz im Fernsehen, also hinter der Scheibe, erforderlich sein - davor muss Schluss damit sein. Warum eigentlich? Die übliche Antwort darauf ist eine alte Fernsehregel: Wer für die Kultur anschaffen geht, muss jederzeit mit einer Quotenrazzia rechnen. Zufrieden mit der Antwort? Nein?

Zu Recht. Denn tatsächlich ist es kaum verständlich, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten, ausgestattet sowohl mit einem juristischen als auch mit einem ideellen Auftrag - nämlich zu bilden -, derart wenig damit Ernst machen, dass wir uns auf eine Wissens- und Informationsgesellschaft zubewegen. Sind die Analysen der Wirtschaft, der Soziologie, selbst der Politik und auch der Kulturwissenschaften über die Strukturen globaler Marktwirtschaft auch nur annäherungsweise zutreffend, dann ist völlig klar: Der einzige verbleibende Rohstoff, der uns im Exportwettbewerb langfristig konkurrenzfähig macht, ist unser Know-how - das Wissen, die gute, umfassend-solide Bildung und die Informiertheit.

Bildung ist ein Rohstoff, den das Fernsehen ignoriert

Was vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen dafür getan wird, ist erbärmlich. Dabei beweist der unglaubliche Erfolg von Wer wird Millionär?, das nichts anderes ist als ein unterhaltsam gemachter Multiple-Choice-Test, also ein Bildungstrainer, dass durchaus eine Bildungsnachfrage besteht. Die breite Quizshow-Nachfrage ist nur die Spitze eines kollektiven Informations- und Bildungsbedürfnisses, getragen von Ängsten um die Kinder, die Jugendlichen und die Jobs der Zukunft. Denn die Zukunft erfordert immer flexiblere Menschen mit vielseitigen Eigenschaften und breiterer Bildung, sosehr man den Terror der Globalisierung auch verurteilen mag.

Die Konsequenz daraus wird bislang nicht gezogen: Nämlich ein tägliches Wissenschaftsmagazin, ein umfassendes, tägliches Kultur- und Bildungsmagazin in den großen öffentlich-rechtlichen Programmen zu installieren. Ein Programm, das weiterbringt, weil es informiert und zum Denken verführt statt zum Abschalten. Allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz, die letztlich alle darauf hinauslaufen, einem weiszumachen, dass auch Volksmusik im Fernsehen eine Kultursendung sei: Zurzeit wird der Abbau von Kulturprogrammen organisiert und betrieben, jedenfalls dort, wo diese Programme sich ungeschminkt als das ausgeben, was sie sind, statt sich als Show zu tarnen.

Sehr schnell rücken die Entscheider in öffentlich-rechtlichen Anstalten von Fernsehprodukten der informativen Art ab, die nicht auf Anhieb die Quotenvorgaben erreichen. Dabei haben die Privaten vorexerziert, wie gerade Kontinuität, also Geduld, Quote schafft. Wer lange genug sendet (und dazu bedarf es des Mutes der Verantwortlichen), wird auch irgendwann wahrgenommen. Eines der schlimmsten Übel sind inzwischen die auch bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten in Mode gekommenen "Screenings" durch Testgruppen - eine Art von pseudowissenschaftlichem Dr.-Best-Zahnbürstentest für die Tomaten, die auf Sendung gehen. Faktisch entledigen sich die Entscheider ihrer ureigenen Verantwortung als Manager, indem sie - scheinbar demokratisch und objektiv - den Markt abnicken lassen, statt selber den Mut zu haben, zu einer nach langem Prüfen getroffenen Entscheidung (lange genug) zu stehen. Statt den Bildungsauftrag auch dem Markt gegenüber wahrzunehmen, also den Markt selbst aktiv zu bilden und umzuformen, laufen die öffentlichen Anstalten den ästhetischen und inhaltlichen Trends häufig hinterher.

Beliebt ist auch die Abdrängung von "diesem ganzen theoretischen Zeug" wie Philosophie, Ethik, Wissenschaft oder Kulturtheorie - also von Orientierungswissen - in die Spartenkanäle Arte und 3sat. Dort droht aber zunehmend die finanzielle Aushungerung. Wie soll interessante Programmflächenfüllung bei verringerter Kalorienzufuhr funktionieren? Auch Arte arbeitet daran, "populärer" zu werden - denn es geht mit den Marktanteilen um die Kohle der Zukunft, die die KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten) zuteilt.

Nun soll bekanntlich jemand, der hinter der Glasscheibe sitzt, also sozusagen im Glashaus (denn nichts in unserer Welt wird mehr beobachtet, bemerkt und von allen so kompetent beurteilt wie das Fernsehen), lieber nicht mit Steinen werfen. Kultur im Fernsehen muss aber in gewisser Weise mit Steinen werfen. Mit absehbaren und sogar erwünschten Folgen: damit die High-Tech-Scheibe einen Sprung bekommt. Was dazu führt, dass die Glasscheibe wieder als das wahrgenommen wird, was sie ist: eine einfache zweidimensionale Glaswand, auf die eine zunehmend komplexe dreidimensionale Welt projiziert wird. Wie bei jeder Übersetzung von Energie oder Kommunikation geht auch bei diesem Prozess etwas verloren. Die flächige Welt des Fernsehens ist eine an Komplexität ärmere, reduzierte Version der Wirklichkeit. Der Ärger mit Kultursendungen besteht darin, dass sie präzise diesen Prozess wieder ins Bewusstsein bringen, selbst wenn sie ihn nicht direkt thematisieren. Auch deshalb gilt Kultur im TV als Lust- und Quotenkiller.

Die Welt des TV funktioniert wie ein selbstreferenzielles System und kommt mit Akteuren aus den eigenen Reihen aus. TV ist bereits TV total. Literatur-, aber auch Kultursendungen stellen in diesem System einen störenden Fremdkörper dar. Im Fall von Literatursendungen holen sie eine letztlich nur reflexiv einholbare Wirklichkeit, die nur als Nichtfernsehmedium angeeignet werden kann (die des im Lesen verarbeiteten Buches) in das Fernsehmedium zurück und brechen es auf diese Weise. Die Scheibe bekommt einen Sprung. Und da wir Fernsehzuschauer im Verhältnis zur Welt wieder Vorsokratiker geworden sind (die Welt ist flach), stört die Dosis an nachsokratischer Erkenntnis, Aufklärung und Bildung empfindlich.

Eine Schlussfolgerung liegt klar auf der Hand: Die Zukunft des Kulturfernsehens ist der Hörfunk. Der erste Schritt dorthin ist bereits getan. Das immer konsequentere Sparen bei den wenigen noch nicht abgeschafften TV-Literaturmagazinen zwingt zum endlosen Recyceln, immer öfter wird auf Archivmaterial, also bereits Durchgedrehtes, zurückgegriffen. Genau das aber kritisieren Fernsehkritiker zu Recht. Bildlich seien Kultursendungen zu schlapp, zu wenig innovativ, zu selten gebe es interessant gemachte Beiträge mit eigener Ästhetik und Handschrift. Stattdessen herrsche ein multipel verwendbarer, also austauschbarer Bilderteppich vor.

Folgt Schritt zwei: der offene Übergang des Kulturfernsehens zum Hörfunk. Denn die radikalste Form des Spar-Fern-Sehens ist doch das Fern-Hören. Übrig bleibt der Ton. Das ist nicht nur billiger als Kulturbeiträge mit Bild, sondern erfüllt zusätzlich auch noch die Quotenvorgabe. Wie jeder Fernsehmacher weiß, erhöht kaum etwas die Quote besser als eine richtig fette Panne, etwa wenn man Schwarzbild sendet. Da stört dann auch ein akustisch aufwändig gemachter, in Qualität, Denktiefe und Thema völlig massenuntauglicher Ton nicht mehr, im Gegenteil. Fazit: Fernsehen ohne Bild, Hörfunk also, ist der kleinste gemeinsame Nenner aus Quotensteigerung und Sparmaßnahme für TV-Literatursendungen.

Erwähnt sei noch, dass nicht nur Literatur-, sondern ganz allgemein Kultursendungen zunehmend auf so genannte Übernahmen angewiesen sind, also darauf, bereits produzierte Filme aus anderen Programmen neuerlich zu senden. Damit laufen sie Gefahr, ihr verbliebenes Publikum systematisch zu langweilen und zu unterfordern: Hat doch das so genannte interessierte "Zielpublikum" die Beiträge per Kabel bereits im vergleichbaren Programm eines anderen Senders gesehen.

Der Reiz der Millionenfrage liegt in der Überforderung

Fazit: Wer hauptsächlich von Übernahmen lebt, riskiert, sein eigenes, klar auszumachendes Profil restlos zu verlieren. Dabei heraus kommt eine Sendung, die in allen Sendern ähnlich und ähnlich schlecht geschaltet ist. Freilich gibt es Stimmen, die behaupten, genau das sei das erklärte Ziel - eine einheitliche Literatursendung für alle ARD-Programme. Es würde ja auch alle Vorurteile über den Haufen werfen, wenn es plötzlich eine auf dem Stand des Mediums produzierte, aufwändige und inhaltlich interessante Literatur- oder Kultursendung mitten im Hauptprogramm zu einer guten Sendezeit geben würde! Und was sollte man dann mit den teuren Unterhaltungskonserven machen? Noch schlimmer wäre für die Verantwortlichen freilich die Erkenntnis, dass sich das Publikum gern von einem gut gemachten Produkt ein wenig fordern, manchmal sogar überfordern ließe! Wer das kategorisch ausschließt, sollte sich einmal klarmachen, dass der Reiz der Millionen-Mark-Frage genau darin besteht, dass nicht jeder gleich eine Antwort parat hat.

Wo wir gerade dabei waren, doch noch ein Wort zur Quote - auch auf die Gefahr hin, mich damit endgültig dem Verdacht auszusetzen, nur die eigene Quotenarmut rechtfertigen zu wollen, denn auch die Quote von Kulturzeit wäre für andere ein Grund zum rituellen TV-Selbstmord. Bislang gab es, um Kulturzeit als Beispiel zu nehmen, lediglich zwei qualitative Ted-Quotenuntersuchungen. Beide ergaben statt der von der GfK ausgewiesenen Tagesquoten von jeweils etwa 100 000 Zuschauern eine ermittelte Zuschauerzahl von rund 500 000. Dass die GfK allen Beteuerungen zum Trotz untauglich ist, qualifizierte Minderheiten zu erfassen oder "Randprodukte" genau zu messen, deren Marktanteil unter einem Prozent liegt (Sender wie Arte, 3sat, MTV, Viva et cetera), ist bekannt. Nur, was folgt daraus? Nichts. Denn ein Wissenschaftler, der wie manche Programmmacher auf die Idee kommen würde, seine Forschungsprogramme aufgrund von statistischen Daten, die eindeutig im Messfehlerbereich liegen, einer Dauerreform zu unterziehen, würde für verrückt gehalten werden.

Wie kann man "rational" urteilen aufgrund von Daten, die ungenauer sind als der zu erwartende Fehler? Das wäre etwa so, als würde eine Pharmaanstalt Medikamente nur deshalb einführen, weil sie keinerlei verlässlich messbare Wirkungen aufweisen. Es ist kein Geheimnis, dass in vielen Redaktionen der Öffentlich-Rechtlichen vermutet wird, hinter der zuweilen nur scheinbar begründeten, letztlich also pseudorationalen Programmplanung stehe eine willkürliche Programmpolitik, deren Ziel es ist, bereits vorgegebene Ideen durchzuziehen.

Jetzt könnte die Hochkultur noch einwenden, dass Kultur im Fernsehen eh der Untergang sei. Da sitzen Massenmedien und Massentourismus im selben defekten Boot: Sie ruinieren jede Form authentischer Kultur. Doch auch die ist nicht minder Schein als die Medien selbst, mögen sich Authentiker auch noch so aufregen darüber. Denn die Suche nach authentischen Erfahrungen führt ihrerseits nur wieder in kulturbewusste, und das heißt in inszenierte Welten. Aus den von den Massenmedien angebotenen Realitätskonstruktionen gibt es kein Entrinnen. Erstaunlich ist das nicht. Denn Gesellschaft ist nicht ohne Kommunikation zu denken - und umgekehrt. Insofern ist die betonte Werbung damit, endlich eine "politische" Kultursendung zu machen, systemtheoretischer Nonsens: Kultur ist per se auf Politik (und Wirtschaft, Alltag, Wissenschaft und vieles andere) bezogen - und umgekehrt. Das Problem setzt vielmehr da an, wo sich entscheidet, ob es gelingt, die massenmedialen Realitätskonstruktionen offen zu halten. Das ist nur dann der Fall, wenn Fernsehen auf eine unbekannte, nicht nur von Quoten- und Wirtschaftsinteressen determinierte Zukunft zusteuert, wenn also die Offenheit für andere Möglichkeiten und damit für Freiheit gewahrt bleibt.

Mein Plädoyer gilt schließlich der richtigen Verwendung des Wortes "Idiot". Im Griechischen bedeutet idiotäs nicht nur Laie und Stümper, sondern in erster Linie Privatmann. Wenn Privatfernsehen Massenware ist, dann ist das wahre Privatfernsehen das der Quoten-Idioten, etwa von Arte und 3sat: Nur sie leisten sich ein Fernsehen, das so privaten, weil für das Leben entscheidenden Dingen wie Bildung, Wissen und Information Bedeutung zumisst. Kultur hat damit zu tun, wie wir miteinander umgehen und umgehen sollten, was wir pflegen sollten. Kulturfernsehen versucht dem zu entsprechen. Nur das ist wahrhaft idiotisch.

 
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