K R A N K H E I T S B I L D E R Was hab ich bloß?

Jeder zweite Patient, der in eine Arztpraxis kommt, leidet an Krankheiten, die sich nicht nachweisen lassen. Sind wir ein Volk von Hypochondern? Oder sind die Ärzte überfordert?

Der Anspruch ist wohl zu hoch. Wer ist schon alles auf einmal: geborgen in der Familie und glücklich im Beruf, zufrieden in der Liebe und zugleich noch kerngesund? Die Weltgesundheitsorganisation hat mit ihrer Definition von Gesundheit als "Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens" die Latte ziemlich hoch gelegt.

Ist Sebastian B. also krank? Er ist Anfang 40, verheiratet, hat einen Job an der Uni Konstanz und seit Jahren Schmerzen im Rücken. Sein voller Name soll hier nicht gedruckt stehen, von seinen Beschwerden "muss ja keiner wissen". Der Hausarzt konnte keine "organische Ursache" für die Schmerzen entdecken, überwies den Mann zum Orthopäden, später zum Radiologen. Zum Chiropraktiker ging Sebastian B. dann auf eigenen Wunsch. Keiner der Heilkundigen kam zu einem Befund, der - wie es in der Medizinersprache heißt - pathologisch gewesen wäre. Auch mit Physiotherapie und Thermalbädern hat Sebastian B. es versucht. Drei verschieden harte Matratzen hat er sich gekauft. "Das zahlt nur keine Kasse", sagt er resigniert, "denn vom Skelettsystem her ist ja angeblich alles in Ordnung." Nur dass er eben Schmerzen hat. Täglich. Chronisch. Um fünf Uhr früh wacht er auf. Wälzt sich hin und her, bis es Zeit fürs Frühstück ist: "Wir haben seit zwei Jahren getrennte Schlafzimmer." Ist Sebastian ein Hypochonder?

Die Leute werden gesünder, doch es geht ihnen schlechter

Und was ist mit Christina S., 32, aus München? Sie überfällt das Herzrasen. Einfach so - während ihrer Arbeit als Übersetzerin, abends in der Kneipe oder zu Hause auf dem Sofa. Manchmal ist es nur ein kurzes Stolpern. Plötzlich wird sie an ein Organ erinnert, das ansonsten unbemerkt seine Arbeit verrichtet. Belastungs-EKG, Herzultraschall und die anderen Untersuchungen beim Kardiologen waren unauffällig. Gefragt, ob sie Stress habe, reagiert Christina gereizt. Wer habe denn heutzutage keinen Stress, fragt sie. Es folgten autogenes Training, Meditation und andere Entspannungsübungen. Der Lebenswandel solle überprüft und gegebenenfalls umgestellt werden, so der medizinische Rat. "Wie?", fragt sie bitter. Soll sie mal eben ein anderer Mensch werden?

Die Menschen leiden. Einerseits. Andererseits steigt die Lebenserwartung kontinuierlich an. Viele Infektionskrankheiten sind besiegt, Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehen zurück. Nie war der gesundheitliche Zustand der Bevölkerung erfreulicher. Manche Wissenschaftler rechnen damit, dass die Menschen des 21. Jahrhunderts im Durchschnitt 100 Jahre alt werden könnten. Wir, in den wohlhabenden Staaten, werden gesünder und länger leben. Schöne Aussichten, möchte man meinen.

Und trotz alledem gibt es immer wieder Neues, was uns quält. Unbekannte Leiden und Beschwerden, die nicht so recht greifbar oder messbar sind. Oder werden sie heute nur anders wahrgenommen? Früher hießen diese Geißeln Neurasthenie, Ohnmacht, Bleichsucht oder Hysterie. Heute fühlen sich Unzählige als Opfer von Technik, Stress und Allergien. Diese Begriffe sind zu Schlagworten unserer Epoche geworden. Für manche Störung, die früher kaum beachtet wurde, hat man inzwischen beeindruckende Bezeichnungen geschaffen. Bestimmte Syndrome suchen plötzlich weite Teile der Bevölkerung heim. Wenn auch viele dieser Leiden nicht lebensgefährlich, die meisten nicht einmal objektivierbar sind, prägen sie doch unsere Wahrnehmung von krank und gesund.

Etwa die der Dietlind M. Die 78-Jährige lebt in einem kleinen Ort im Taunus. Auch ihr voller Name bleibt ungenannt - wie der der meisten, die unter Befindlichkeitsstörungen leiden. Zu groß ist der Verdruss über Unverständnis und Spott derer, die nicht betroffen sind.

Dietlind M. juckt es in den Beinen. Aber: "Nicht außen, sondern innen drin, am Knochen entlang." Sie hatte dieses Leiden schon, als sie ein junges Mädchen war, "es zuckt, meistens nachts, da ist dann so ein Kribbeln". Ins Theater oder zu anderen Veranstaltungen, wo sie lange sitzen muss, geht sie kaum noch. Und dann besorgt sie sich einen Platz am Rand, damit sie schnell raus kann. Dabei ist Frau M. gerne unter Menschen und kulturell vielseitig interessiert. Jede Nacht wacht sie zwischen drei und vier Uhr auf. Dann sortiert sie die Kommode, läuft herum, duscht sich die Beine kalt ab. Vor zwei, drei Jahren vermutete ein Arzt, dass sie wohl an "ruhelosen Beinen", dem Restless Legs Syndrome(RLS), leide. Da hörte sie den Begriff zum ersten Mal.

Was ist schuld - der Mond, die Verdauung, das Wetter?

Karin Stiasny, Ärztin am Zentrum für Nervenheilkunde der Universität Marburg, beschäftigt sich schon länger mit diesem Syndrom und hält es für eine vergessene Krankheit. Der englische Arzt Thomas Willis beschrieb das Leiden bereits im Jahre 1685, und sein schwedischer Kollege Karl Ekbom führte von 1945 bis 1970 zahlreiche Untersuchungen an Patienten mit ruhelosen Beinen durch. "In der Vergangenheit wurde der Erkrankung jedoch keine Beachtung geschenkt. Sie wurde mangels Wissen übersehen oder falsch diagnostiziert", sagt Stiasny. Dietlind M. wurde mit ihrem Leiden lange nicht recht ernst genommen. "Das ist halt so", "Das hat man eben", war die hilflose Antwort der Ärzte. So machte sie sich ihre eigenen Gedanken. Kam auf die Idee, der Mond, die Verdauung oder das Wetter hätte Einfluss auf ihre Symptome. Heute hat sie sich mit den unruhigen Füßen fast abgefunden, redet kaum noch darüber, wenn sie zum Arzt geht. Obwohl sie "manchmal weinen könnte vor Nervosität und Krämpfen".

Warum bekommt eine lange Zeit ignorierte Krankheit plötzlich einen neuen Stellenwert? Wieso heißt es plötzlich, dass von der "vergessenen Krankheit" RLS drei bis zehn Prozent der Bevölkerung betroffen sein sollen? Hat sich das Spektrum der Krankheiten verändert? Ist es die Wahrnehmung von und das Reden über Krankheit, das sich in den vergangenen Jahren gewandelt hat? "Es gibt keinerlei Hinweise dafür, dass das RLS heute wesentlich häufiger vorkommt als früher", sagt Karin Stiasny, "und um eine eingebildete Krankheit handelt es sich bei Zappelbeinen sicher nicht, hier liegt ein neurologisches Leiden vor, auch wenn wir den Mechanismus noch nicht genau kennen."

Der 7-Jährige nickt dauernd ein, und keiner hat eine Erklärung

Die moderne Medizin tut sich schwer mit diesen Symptomen, die weder organisch, infektiös noch biochemisch dingfest gemacht werden können. Mit Beschwerden, bei denen die vordergründigen Kausalitäten fehlen, für deren Auftauchen keine giftige Substanz und keine Veränderung in Körpersäften oder Geweben verantwortlich gemacht werden können. Messen herkömmliche Untersuchungsmethoden keine Abweichungen und klagen die Patienten dennoch, geraten sie schnell in den Ruf, sich Atteste oder Rentenansprüche erschleichen zu wollen oder sich alles nur einzubilden.

Es gibt Übel, zu denen Medizinern noch weniger einfällt als zum RLS. Anhaltende Erschöpfung und Abgeschlagenheit - unabhängig von der Jahreszeit - gehören beispielsweise dazu. Immer häufiger flüchten sich Ärzte seit den achtziger Jahren daher in die Diagnose des Chronic Fatigue Syndrome (CFS). Diverse Umwelteinflüsse werden als Auslöser der Ermüdung diskutiert, psychiatrische Leiden, aber auch virale Infektionen als Ursache vermutet. In den Vereinigten Staaten traten besonders bei Golfkriegsveteranen CFS-Beschwerden auf. Ob die Soldaten durch traumatische Kriegserlebnisse oder durch Kontaminierung mit Gift- und Kampfstoffen chronisch erschöpft wurden, ist ungewiss.

Da die Wurzeln der Qual unklar sind und es bis heute keine Wege zur Heilung gibt, ist die Einschätzung des CFS auch unter Medizinern eine Glaubensfrage. Manche bezweifeln sogar, dass es das Krankheitsbild überhaupt gibt. Sie halten die Patienten für Simulanten oder Hypochonder, die froh sind, endlich eine Krankheit - noch dazu mit kompliziertem Namen - für ihre Zipperlein reklamieren zu können.

Den meisten Kranken geschieht damit Unrecht. Etwa dem siebenjährigen Grundschüler, der plötzlich so ermattet war, dass er selbst tagsüber regelmäßig einnickte. Der Junge wurde im Abstand weniger Wochen mehrfach von Spezialisten untersucht. Kinderärzte und Psychologen versuchten das Rätsel seiner Schlafsucht zu lösen. Der einzige Befund: eine mehrere Monate zurückliegende Infektion mit dem Erreger der Ringelröteln. Ein Einzelfall, doch er spricht dafür, dass Viren am CFS beteiligt sind. Auch bei dem Fußballer Olaf Bodden, der nach einer Infektion mit dem Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers müde und schlapp blieb, wurde die Viruserkrankung als Auslöser für das CFS angenommen. Seit mehr als zwei Jahren kann der ehemalige Mittelstürmer des TSV 1860 München nicht mehr gegen den Ball treten. Wer möchte den immer Erschöpften unterstellen, ihre Beschwerden seien reine Fantasie? Und sind nicht auch eingebildete Symptome für die, die darunter leiden, echt? Die subjektive Realität der Kranken muss anerkannt werden, fordert Carl Scheidt, Oberarzt für Psychosomatik und Fachmann für das Erschöpfungssyndrom an der Freiburger Uniklinik. Sie sei Teil jedes Menschen. Beim einen sei es chronische Erschöpfung, beim anderen Hyperaktivität, beim nächsten eine Überempfindlichkeit.

Noch mehr als unter dem Vorwurf, sich eine Beschwerlichkeit einzubilden, leiden viele Betroffene unter vorschnellen Psychologisierungen. Dabei werden die Krankheitsfolgen - beispielsweise sozialer Rückzug oder Einschränkung der Alltagsaktivitäten - gern als Ursachen der Erkrankung angesehen. Hat Dietlind M. womöglich uneingestandene Angst vor einem Theaterbesuch und zieht sich deshalb in die Krankheit zurück? Ist es die Angst des Torjägers vor dem Elfmeter, die Olaf Bodden erschlaffen ließ? Solche Vulgärpsychologie müssen sich Menschen immer anhören, deren Beschwerden noch nicht bekannt sind oder sich einer schlichten Erklärung entziehen.

Früher ging man auch mit Parkinson-Kranken so um. Den Patienten mit Schüttellähmung wurde unterstellt, sie hätten "starre Gefühlsregungen" und ihre Krankheit sei die Folge unterdrückter Emotionen. Noch 1948 stellte ein amerikanischer Mediziner die Hypothese auf, Parkinson-Kranke seien zwanghaft und trügen eine Maske, mit der sie ihre aggressiven Impulse unterdrückten. Die Krankheit träte auf, wenn Frustrationen oder traumatische Erlebnisse das psychische Gleichgewicht - und damit die Maske - zerstörten. Inzwischen ist lange bekannt, dass die Parkinson-Krankheit auf einer Degeneration von Hirngewebe beruht, wodurch weniger von der Überträgersubstanz Dopamin gebildet wird.

Die Folge sind starre Bewegungen und das so genannte Maskengesicht. Jetzt, da ein stoffliches Substrat für die Krankheit gefunden ist, würde niemand mehr einem Parkinson-Kranken die "Flucht" in sein Leiden oder eine typische Persönlichkeitsstruktur unterstellen.

In der Geschichte der Medizin gibt es aber auch Beispiele für chronische Leiden und Störungen des Wohlbefindens, die mit Überforderung im Alltag, Angst vor technischen Entwicklungen oder anderen zeittypischen Irritationen erklärt wurden - und mit diesen auch wieder verschwanden. "Eisenbahnkrankheiten" etwa wurden vor über 100 Jahren zu einer populären Diagnose, da sie ein willkommenes Erklärungsmodell für diffuse Ängste und ihre körperlichen Erscheinungen im "Zeitalter der Nervosität" abgaben. Sie fanden sogar Eingang in die Lexika und Medizinbücher in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Im Brockhaus aus dem Jahr 1892 wird etwa beschrieben, dass "die äußern Einflüsse, denen das Maschinen- und Fahrpersonal der Eisenbahnen ausgesetzt ist, auf den Organismus in besonders ungünstiger Weise einwirken und verhältnismäßig frühzeitig Gebrechlichkeit und Dienstunfähigkeit herbeiführen. Infolge des Stehens auf der Maschine, des Dröhnens derselben und der fortgesetzt auf den Körper einwirkenden Erschütterungen zeigt sich nach längerer Dienstzeit vielfach dumpfer, anhaltender Schmerz in den Beinen."

Die Chlorose, volkstümlich Bleichsucht, betraf vor allem junge Mädchen aus unteren Schichten, die viel arbeiten mussten. Sie wurden schnell müde, schwindelig, ohnmächtig. Angeblich verfärbte sich ihre Haut gelblich grün. Anfang des 20. Jahrhunderts verschwand die Erkrankung, deren Symptome heute wohl am ehesten mit Blutarmut und niedrigem Blutdruck erklärt würden. Auch die "Kriegszitterer" kamen nur während des Ersten Weltkriegs vor: Sie klagten über nervöse Anspannung, motorische Unruhe und zitterten am ganzen Körper. Für diese Beschwerden ließ sich allerdings keine somatische Ursache finden. In späteren Kriegen reagierten Soldaten übrigens ganz anders auf traumatische Erfahrungen. Im Zweiten Weltkrieg trat das Kriegszittern nicht mehr auf, dafür häuften sich die Magengeschwüre so sehr, dass manche Abteilungen als Ulkus-Kompanien bezeichnet wurden.

Jede Zeit und jede Kultur hat passende Krankheitsbilder

Man mag über diese historischen Diagnosen schmunzeln. Doch verhält es sich mit unseren heutigen Leiden nicht anders. Kann die Angst vor Elektrosmog, die Überempfindlichkeit gegen Chemikalien und Umweltstoffe oder eben das Chronische Ermüdungssyndrom nicht auch als Gegenreaktion auf bestimmte Entwicklungen, als Angst vor Giften und Technik, als Pathologisierung unserer alltäglichen Überforderung verstanden werden? Wie soll unterschieden werden zwischen Phantom und ernster Krankheit?

Oder gibt es einen Wandel der Krankheiten? "Jede Zeit, jede Kultur bietet bestimmte Krankheitsbilder an", sagt der Medizinhistoriker Thomas Schlich, "und Menschen, die leiden, nehmen diese Angebote eben an oder nicht." So kann es sein, dass sich Überforderung, Unzufriedenheit und Nervosität vor 100 Jahren als "Eisenbahnkrankheit" manifestierten, später als Hysterie in Erscheinung traten und sich heute als Schwindel oder Herzstolpern bemerkbar machen. Was wir als "neue" Erkrankung wahrnehmen oder als Modewelle, ist das Ergebnis von Angebot und Akzeptanz. "Es gibt immer ein gewisses Maß an Leiden. Wie es schließlich seinen Ausdruck findet, ist stark kulturabhängig", sagt Schlich.

Auch die Medizin bringt Erklärungsmodelle auf, die von Patienten rasch "erlernt" werden und sich ihrer Plausibilität halber zügig verbreiten. "Wie man über Krankheit redet, denkt und sich dazu verhält, beeinflusst auch den Körper und die Krankheit selbst", sagt Schlich. Die Diagnose "Multiple Persönlichkeit" etwa war bis Mitte der siebziger Jahre eine Kuriosität, weniger als ein Dutzend Fälle war in der Fachliteratur beschrieben. Mitte der achtziger Jahre stieg die Diagnoserate exponentiell an. Anfang der neunziger Jahre waren Hunderte von "Multiplen" in jeder größeren Stadt der Vereinigten Staaten und Europas in Behandlung. Gab es plötzlich eine neue Form des Wahnsinns?

Als Ursache dieses psychiatrischen Leidens vermutete man traumatische Erfahrungen in der Kindheit, zumeist sexueller Art. Der kanadische Philosoph Ian Hacking hat nachgewiesen, dass die wachsende Aufmerksamkeit für sexuellen Missbrauch in der Kindheit während der achtziger und neunziger Jahre mit der Etablierung des multiplen Syndroms einherging. Vorgaben und Erklärungsmodelle, die von therapeutischer Seite kamen, passten sozusagen in den gesellschaftlichen Kontext: Eine Krankheit machte Karriere.

Kaum waren diese Zusammenhänge aufgedeckt und wurde das Erklärungsmodell für die Erkrankung immer stärker angezweifelt, nahm die Diagnosehäufigkeit ab und die Entwertung des Leidens zu. Im vergangenen Sommer druckte die taz schon scherzhaft als "Frage der Woche": Woher weiß eine Multiple Persönlichkeit eigentlich, welcher Teil gerade "dran" ist?

Selbst wenn bei Erkrankungen gewisse Konjunkturen nicht zu leugnen sind - die Menschen leiden daran und sind deshalb ernst zu nehmen. "Auch wenn das Chronische Erschöpfungssyndrom ein Sammelbecken für verschiedene Störungen sein mag, ist es falsch, dies als Modediagnose abzutun", sagt Carl Scheidt. Neu an diesem Leiden und verwandten Erkrankungen ist, dass es sich hierbei um "Störungsbilder aus der Selbstsicht der Patienten" handelt, so Scheidt.

Solch ein Störungsbild dürfte auch die Multiple chemische Sensitivität (MCS) oder das Sick Building Syndrome (SBS) sein. Hinter diesen Wortungetümen verbergen sich Leiden, deren Existenz von vielen Schulmedizinern bestritten wird. Sie sind klinisch nicht klar definiert und durch Studien nicht hinreichend belegt. Menschen mit Multipler chemischer Sensitivität klagen über Gelenk- und Muskelschmerzen, Kopfweh, Müdigkeit oder Ekzeme, die sie auf versteckte Chemikalien in Teppichen, Möbeln, Kleidung oder Elektrogeräten zurückführen. So entwickelte sich bei einem 48-jährigen Naturwissenschaftler eine so enorme Überempfindlichkeit gegen jede Sorte Bücher, dass er schon beim Vorbeigehen am Regal ein Brennen in Gesicht und Augen verspürte. Angesichts solcher Patientengeschichten drängt es sich auf, Symptome als Symbole zu deuten.

Beim Sick Building Syndrome ist nicht das Gebäude krank, sondern der darin befindliche Mensch. Gereizte Schleimhäute, trockene Augen, Hautausschlag oder Kopfschmerz sind die Bekümmernisse, die durch "Ausdünstungen" aus Mauern und Wänden erklärt werden. Niemand bezweifelt, dass Baustoffe, Reinigungsmittel, Lacke oder Farben gesundheitsschädlich sein können. Auch die ungesunde Atmosphäre schlecht gelüfteter, klimatisierter oder unzureichend beleuchteter Räume sind bekannt. Doch bei manchen Menschen treten schon Beschwerden auf, wenn die gemessene Schadstoffkonzentration am Arbeits- oder Wohnort weniger als ein Prozent des zulässigen Höchstwertes betrifft. "Die Betroffenen betreiben selbst Ursachenforschung und bieten daher auch ihre eigenen Deutungen an", meint Carl Scheidt über die ominösen Syndrome. "Diagnosen haben schließlich auch eine soziale Steuerungsfunktion." Individuell wirken sie entlastend, wenn endlich eine somatische Ursache gefunden wurde. Im sozialen Umfeld sind Rücksichtnahme oder Freistellung von unangenehmen Aufgaben die angenehmen Folgen.

Folgen gibt es auch innerhalb der Medizin. Da werden ganze Abteilungen neu eröffnet, wissenschaftliche Projekte initiiert. Was, es gibt eine neue Krankheit? Das muss erforscht werden. So entwickeln Krankheiten und ihre Deutungsmuster schnell eine Eigendynamik. Und nebenbei sind aus eingebildeten Kranken ausgebildete Kranke geworden. Im Internet und in den immer zahlreicher werdenden Selbsthilfegruppen diverser Leiden kursieren Ratschläge und Meinungen über Erkrankungen jenseits von Ärzten und medizinischen Fakultäten.

Scheidt gewinnt dieser Entwicklung positive Seiten ab, denn das Reden über Krankheit sei so demokratisiert worden: "Früher war der Diskurs über Krankheiten allein ein Privileg der Ärzte." Heute ist die Deutungsmacht über die Symptome aufgeteilt. Es gibt konkurrierende Modelle zur Erklärung einer Krankheit. Der Anspruch auf die alleinige Wahrheit ist der Medizin verloren gegangen.

Krankheit und die Suche nach ihren möglichen Ursachen sind nicht nur ein Privileg der akademischen Stadtteile. Auch außerhalb von Hamburg-Eppendorf, München-Schwabing oder Berlin-Dahlem wird nach je eigenem Gusto gelitten. Die Debatte um Amalgam zog sich quer durch die Republik, der Streit um die bösen Nebenwirkungen von Wasseradern, Elektrosmog und Impfungen ist keineswegs schichtenspezifisch. Wie lange soll gestillt werden, wann kann auf Antibiotika verzichtet werden - Fragen, die massenhaft Menschen bewegen. Zwar ist in Wohngegenden der vermeintlich Besserverstehenden die Maxime "Lieber ein Problem als gar kein Gesprächsstoff" besonders ausgeprägt, doch das Leiden am und mit dem Zeitgeist ist wahrlich kein Phänomen der behaglichen Quartiere.

Wolfgang Kilchling hat seit 15 Jahren eine Internistenpraxis in Freiburgs Stadtteil Wiehre. Hier sind die Grenzen zwischen Altlinken und Neureichen nicht mehr zu erkennen. Die Grünen kriegen 30 bis 40 Prozent. Kilchling beobachtet nun mehr und mehr, dass seine Patienten ein ausgeprägtes Erklärungsbedürfnis entwickeln und ihnen die Ausführungen des Arztes oft nicht ausreichen. Kilchling lächelt. Er weiß, dass einige seiner Kranken zusätzlich zu Homöopathen und Heilpraktikern gehen. "Sie lassen sich bei mir schulmedizinisch abklären. Wenn es nichts Ernstes ist, nehmen sie woanders noch ein paar Kügelchen." Einerseits die Sorge ums fragile Ich, andererseits naives Vertrauen in die Heilkraft der Natur führen bei manchen Patienten zu aberwitzigem Verhalten: "Sie ernähren sich gesund, achten auf jedes Detail, lassen sich aber nicht impfen und kommen dann mit schwersten Erkrankungen aus den Tropen zurück."

Nur schlechte Ärzte wissen alles besser als ihre Patienten

Schon heute hat in den Praxen der Mediziner fast die Hälfte aller Patienten so genannte funktionelle Beschwerden. Darunter werden eben chronische Leiden verstanden, bei denen nichts Krankhaftes festgestellt wird. Magen und Darm, Herz-Kreislauf-System und der Rücken sind am häufigsten betroffen. Der Umgang damit ist schwierig, weiß Kilchling: "Sage ich den Leuten, sie haben nichts, sind sie enttäuscht, sage ich ihnen, sie haben etwas, sind sie auch enttäuscht. Deshalb sage ich meistens: Wir finden keine Ursache, aber Sie haben trotzdem Beschwerden." Allerdings muss man sich fragen, wie weit die Diagnostik gehen und wie teuer die Behandlung werden soll und ab wann die Untersuchungen mehr schaden als die Beschwerden.

Florian Heinen leitet die Klinik für Kinderheilkunde und Jugendmedizin am Klinikum Duisburg. Hier wird soziale "Brennpunktmedizin" betrieben. Laut Heinen beschränkt sich die Vielfalt der Erklärungen für Krankheiten und Beschwerden keineswegs auf bestimmte soziale Schichten. "Medizin ist pluralistisch und multikulturell geworden", sagt Heinen, "wo früher ein Kommunikationsmodell ausreichte, müssen Ärzte heute vielseitiger sein. Sie sind stärker gefordert."

Mit dem Krankheitsbild des Patienten ändern sich auch die Ansprüche an den Arzt. Er soll erkennen, wo er Patienten abholen kann, ob die Kranken und ihre Angehörigen eine naturwissenschaftliche Erklärung ihrer Leiden, ein psychisches Deutungsmuster oder ein tradiertes Bezugssystem in der Auseinandersetzung mit der Krankheit akzeptieren. Ob sie an Gott, an Schicksal oder Fremdbeeinflussung glauben. "Das Gleichzeitige dieser unterschiedlichen Gesundheitswelten ist das Spannende", findet Heinen, "vom paternalistischen Bild des Arztes sollte man sich allerdings verabschieden: Wer Kinder behandelt, muss sich bücken können."

Eltern fordern heute mehr denn je einen gehörigen Faktor Zeit. Sie wollen auch ihre Sicht des Krankheitsprozesses darstellen, hat Heinen bemerkt. Gute Ärzte sind solche, die dieses Bedürfnis respektieren. Schlechte wissen alles besser. Thure von Uexküll, Begründer der Psychosomatik in Deutschland, hat schon vor Jahrzehnten erkannt, dass Patienten nur dann bereit sind, mit den Ärzten ein heilsames Bündnis einzugehen, wenn die Vorstellungen des Patienten über die Krankheit mit dem, was der Arzt sagt, übereinstimmen (siehe "Es gibt nur psychosomatische Krankheiten" auf Seite 14). Bevor die naturwissenschaftliche Medizin im 19. Jahrhundert ihren Siegeszug antrat, war dieses Arzt-Patient-Verhältnis normal: Die Erzählungen des Patienten waren im 18. Jahrhundert Grundlage jeder Behandlung. Allerdings gab es damals auch kaum physikalisch-chemische Untersuchungsmethoden. Heute nützt es weder Patienten noch Ärzten, wenn mit naturwissenschaftlichen Argumenten lieb gewonnene Mythen von "Entschlackung" oder "Entwässerungstees" zerstört werden. Auch wenn es keine physiologische Wirklichkeit der Entschlackung gibt, sich die Verengungen und Verkalkungen der Blutgefäße nicht entfernen lassen und eine "Reinigung" des Darms nicht möglich ist, dürfen diese Vorstellungen nicht ignoriert werden. Jedenfalls nicht, wenn eine Verständigungsebene zwischen Ärzten und Patienten angestrebt ist.

Der Griff zum Aerosolspray ersetzt gute Ratschläge

Schließlich verrät die Art und Weise, wie Beschwerden erklärt, welche Gründe als Krankheitsursachen gesucht und gefunden werden, etwas darüber, was die Menschen in ihrer Zeit beschäftigt, wovor sie Angst haben und wovon sie sich überfordert fühlen. Das Reden über Krankheit, das Ringen um die richtige Lebensführung und die beste Behandlung beleuchten den jeweiligen Glauben an heilsame Wirkungen, schädliche Einflüsse. Patienten mit und ohne Befund meinen zu wissen, warum sie gerade "anfällig" sind oder sich nicht "schützen" konnten. Werden sie nicht ernst genommen, suchen sie ihr Heil bei anderen Heilkundigen. Dabei wünschen sich die meisten Menschen keine Alternative zur Schulmedizin, sondern innerhalb der Schulmedizin.

Es gab und gibt außerdem eine sich ständig wandelnde Hierarchie der Erkrankungen: Fast vergessene Übel und moderne Symptome, aber auch neue Deutungsmuster altbekannter Leiden. Entwickeln sich Rückenschmerzen - zumindest bei Männern - wirklich, "wenn sie sich verheben"? Nimmt das Klingeln im Ohr zu, weil wir im hektischen Lärm des Alltags kaum noch Ruhe finden? Häufig werden Leiden mit Hektik und "Stress" begründet. "Der Körper wehrt sich", lautet ein beliebtes Erklärungsmuster. Die Leiden des "Zappelphilipps" werden neuerdings mit dem Wortungetüm "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung" bezeichnet. Und nicht nur der Begriff ist neu. Das Syndrom wird in letzter Zeit auch vermehrt Erwachsenen zugeschrieben. Kürzlich vermutete die Zeitschrift Time sogar, Bill Clinton sei davon betroffen.

Betrachtet man allerdings eingehend die Diagnosekriterien der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, wie sie immer wieder in Fachzeitschriften veröffentlicht werden ("Unterbricht andere", "Kann nur schwer warten, bis er an der Reihe ist" oder "Lässt sich öfter durch äußere Reize ablenken"), fragt man sich, wer heutzutage nicht - ob Kind, ob Erwachsener - Hyperaktivität oder Aufmerksamkeitsdefizite oder beides aufweist.

Auch der Fortschritt macht Beschwerden. In Zeiten, da 80 Prozent der Deutschen ihren Videorecorder nicht programmieren können, verstören drahtlose Telefone und sirrende Überlandleitungen. Die "Wellen" und "Strahlen" sind nicht zu sehen, gerade deshalb geraten sie immer wieder in Verdacht, Gefahrenquelle für die Gesundheit zu sein. Dass die "versteckten Gefahren" für die "Risikogesellschaft" charakteristisch sind, hat der Soziologe Ulrich Beck beschrieben. Dazu gehört, dass manche Risiken nur noch von Fachleuten wahrgenommen werden können. Außerdem unterliegen die verschiedenen Symptome und Syndrome einem ständigen Bewertungswandel. Wurden etwa bei der Entstehung des Asthmas lange Zeit psychosomatische Erklärungen bevorzugt, ist in den vergangenen Jahren das Modell des allergischen Asthmas in den Vordergrund getreten. Gleichzeitig kann die Krankheit mittlerweile gut behandelt werden. Durch beide Entwicklungen ist ihr symbolischer Wert gesunken. Nur noch selten wird Asthmatikern geraten, sie müssten sich "innerlich befreien". Der Griff zum Aerosolspray ist an die Stelle solcher Ratschläge getreten.

Magengeschwüre sind out, seit der Erreger bekannt ist

Nicht einmal der Herzinfarkt ist noch, was er einmal war. Als er seinerzeit als "Managerkrankheit" galt, war der Infarkt eine äußerst angesehene Diagnose. Heute wird er nicht mehr so hoch bewertet, da Arbeiter ihn häufiger erleiden als Führungskräfte. Aus dem ehedem hoch geachteten "Herzschlag" ist eine Krankheit derjenigen geworden, die sich falsch ernähren und den Fitness-Boom verschlafen haben. Auch das Magengeschwür, bevorzugtes Beschwerdebild der Empfindsamen, ist aus der Mode. Seit 1985 wird der Keim Helicobacter pylori als Ursache für die Mehrzahl der Magengeschwüre angesehen.

Mit dem Wandel der Krankheitsbilder steigen auch die Erwartungen an die Medizin. Zugleich sinkt die Bereitschaft, Leid und Entbehrung als Teil der Existenz wahrzunehmen. Die Medizin muss in diesem Prozess immer öfter die Pufferfunktion übernehmen. Doch ein Rundumsorglospaket wird es nie geben. Auch wenn wir eines Tages die genetischen Grundlagen des Lebens vollständig entschlüsselt haben sollten. Den Quellen unserer Befindlichkeit und ihrer Störungen werden wir nie auf den Grund gehen.

Der Autor ist Redakteur der Badischen Zeitung und Arzt

 
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