Die anstrengendsten Tage des Jahres haben begonnen. Es ist wieder Berlinale, und ich arbeite als Fotoreporter - bereits zum 15. Mal. Gestern habe ich im Gedrängel der Premierenfeier fotografiert für die Berliner Zeitung, es war brechend voll wie immer. Heute, DONNERSTAG, beginnt für mich die Routine: Morgens um zehn Uhr schaue ich im Pressezentrum vorbei, im Keller des Stella-Musical-Theaters am Potsdamer Platz. Vielleicht hat sich ja noch ein Star angekündigt, von dem ich nichts weiß vielleicht gibt es noch einen Fototermin.

Es ist nämlich nicht so, dass wir Fotografen den Prominenten einfach auflauern. Wir sprechen uns mit den Presseagenten ab. Dann bekommen wir zehn Minuten, vielleicht eine Viertelstunde irgendwo in einem Hotelzimmer. Viele dieser Termine ergeben sich kurzfristig. Heute abend gehe ich zur Premierenparty des Films Traffic, in dem auch Michael Douglas spielt. Es heißt, er werde nicht zur Berlinale kommen, aber man weiß ja nie. Falls er mir zufällig vor die Kamera liefe, würde ich natürlich auf den Auslöser drücken. Wo die Party stattfindet, darf ich leider nicht verraten.

FREITAG ist die Premiere des Films Malèna. Die Hauptdarstellerin Monica Bellucci will ich unbedingt fotografieren, den Regisseur Giuseppe Tornatore auch. Schöne junge Frauen sehen die Leser immer gerne, aber ich mag auch ältere Leute sie haben die interessanteren Gesichter. Schauspieler sind leichter zu fotografieren als Regisseure, sie bieten auch mal einen besonderen Gesichtsausdruck an. Manche Regisseure sagen: Ich bin lieber beim Zahnarzt als beim Fotografen.

Am SAMSTAG wird es wahrscheinlich die Gelegenheit geben, Johnny Depp und Juliette Binoche zu treffen. Falls nicht, gehe ich zur großen Pressekonferenz für einen Kopfschuss. Ich werde ganz schön drängeln müssen, um in eine der ersten Stuhlreihen zu kommen. Dort warten die Fotografen, und bei jeder interessanten Geste geht ein Blitzlichtgewitter los. Richtig gute Fotos kommen dabei natürlich nicht heraus. Johnny Depp habe ich vor ein paar Jahren schon mal fotografiert. Er hatte Angst, wie ein Teeniestar abgelichtet zu werden. Das wollte ich ohnehin nicht. Er lehnte sich an eine Wand, spielte mit seiner Mütze, sehr lässig. Man wartet immer auf einen kleinen Moment der Abwesenheit. Leute, die brav in die Kamera lächeln, sehen langweilig aus.

Ein großes Problem für uns Fotografen sind die Hotelzimmer, in denen wir die Stars treffen. Wie soll man dort unverwechselbare Bilder machen? Manche Räume haben hässliche Tapeten, an den Wänden hängen furchtbare Bilder es stehen immer Kaffeetassen und Mineralwasserflaschen herum. Als Fotograf braucht man eine freie Fläche, damit der Blick nicht zu sehr abgelenkt wird. Schwierig ist die Arbeit im Kempinski, dort ist das Licht schlecht, die Zimmer sind klein.

Was ich am SONNTAG tun werde, weiß ich noch nicht genau. Es ist ein Arbeitstag wie jeder andere: um acht aufstehen, Bilder machen, nachmittags in die Redaktion, dann vielleicht ein kleines Nickerchen und abends wieder los bis spät in die Nacht. Ich bleibe immer lange auf - es könnte ja doch noch der entscheidende Anruf kommen für einen Termin bei Kate Winslet oder Joaquin Phoenix. Es kann einem auch passieren, dass man irgendwo herumsitzt, und es läuft zufällig jemand vorbei, dessen Bild man gerne hätte. In solch einem Fall frage ich den Agenten, der immer dabei ist. Auf einen Star zustürzen wie ein Paparazzo würde ich nie.

Vielleicht bekomme ich am MONTAG Anthony Hopkins vor die Kamera, er stellt seinen Film Hannibal vor. Einen Charakterschauspieler wie ihn fotografiere ich allemal lieber als, sagen wir mal, Tom Hanks. Am DIENSTAG möchte ich mir einen Traum erfüllen: In der Panorama-Reihe wird der Film Chop Suey des berühmten Fotografen Bruce Weber gezeigt. Ihn würde ich auch gerne ablichten.