Hättest du mich abgetrieben?Seite 9/16
zeit: Das ist ein entscheidender Punkt: Wer entscheidet über wen? Würden Sie zum Beispiel Frau Steinert einen Gentest verbieten wollen?
Judith: Wenn ihre Entscheidung auf mein Leben keinen Einfluss hätte, wäre die Antwort einfach. Doch die individuelle Entscheidung erzeugt gesellschaftlichen Druck. Und der wirkt auf mich zurück. Ich kann und will keiner Frau diese Entscheidung verbieten - aber ich kann versuchen, sie mit den Folgen zu konfrontieren. Stell dir mal vor, die Ärzte hätten meiner Mutter vor meiner Geburt die Frage gestellt: Wollen Sie wirklich ein Kind, das nicht laufen kann, mit dem Sie soundso oft zum Krankenhaus fahren müssen und so weiter ... Und sie hätte damals gesagt: Nein, das will ich nicht. Das würde bedeuten, ich wäre nicht hier.
Steinert: Ja.
Judith: Da sagst du einfach so fröhlich ja.
Steinert: Ja. Du wüsstest doch nichts davon.
Judith: Hast du das bedacht? Du redest gerade mit mir als jemandem, der potenziell, weil er nicht laufen kann, zur Disposition steht.
Steinert: Wenn du nicht da wärst, hättest du auch kein Empfinden davon, du wüsstest nichts von deiner Existenz. Ist ein Kind erst einmal auf der Welt - behindert oder nicht -, wird es meistens geliebt. Aber wenn ich als Mutter über ein zukünftiges Wesen entscheiden soll, das ich nie gesehen habe, dann ist das etwas anderes.







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