Mörderische Volksmusik
Wie die ARD eine Qualitätssendung im Nachtprogramm versteckt
Wenn die deutschen Fußballclubs nach der Winterpause wieder im Uefa-Pokal antreten, wird Heribert Blondiau den Gegnern die Daumen drücken. Blondiau ist kein Feind des deutschen Fußballs - aber jeder Sieg einer deutschen Mannschaft ist eine Niederlage für den WDR-Fernsehredakteur und seine Dokumentarfilme. Denn immer wieder donnerstags bringt der Fußball das Programm der ARD durcheinander: Für den quotenträchtigen Sport verlegt das Erste seine teuren Dokumentationen ins Nachtprogramm.
Aber selbst nationale Pokalspiele und Volksmusik sind der ARD offensichtlich wichtiger als preisverdächtige Dokumentarfilme. Bestes Beispiel dafür: die WDR-Reihe Politische Morde. Drei der vier Folgen verschwanden innerhalb von zwei Wochen in der nächtlichen Bedeutungslosigkeit. "Unsere Programmplätze sind Verschiebebahnhöfe", sagt Blondiau. Wenn er die Verspätungen im November zusammenzählt, kommt er auf eine stolze Summe: Vier Stunden und 15 Minuten mussten die Zuschauer auf die Politischen Morde warten.
"Eigentlich hatten wir gute Plätze: zweimal mittwochs um 23 Uhr, zweimal donnerstags um 21.45 Uhr", erzählt Blondiau, der die Reihe als stellvertretender Leiter der Programmgruppe Ausland betreut. Doch schon die erste Folge, Mord im Kolonialstil, wurde ein Opfer der Quotenhörigkeit der ARD-Programmplaner: Weil der 1. FC Magdeburg dem FC Bayern München im DFB-Pokal ein Elfmeterschießen abtrotzte, begann der für den Grimme-Preis nominierte Film über den Tod des kongolesischen Premierministers Patrice Lumumba im Jahr 1961 erst um 0.32 Uhr statt um 23 Uhr. Einen Tag später erwischte es Folge zwei, Tod eines amerikanischen Traums: Die ARD löste mit den Großen Drei der Volksmusik Schunkelalarm aus und verschob die Sendung über Robert Kennedy von 21.45 Uhr auf 23.06 Uhr. Eine Woche später erlitt der vierte Teil, Tod in Rom, ein ähnliches Schicksal: Diesmal erhielt das Uefa-Pokalspiel FC Kaiserslautern gegen Iraklis Saloniki den Vorzug.
ARD-Programmkoordinator Günter Struve streitet jede Absicht ab. Beharrlich nennt er die Dokumentationen das "Gewinner-Genre des Jahres 2000". Dabei räumt er ein, im November habe es "einige Ungerechtigkeiten" gegeben. Dennoch gehe es der Dokumentationssparte in der ARD so gut wie nie zuvor. "Wir haben als einziger deutscher Sender einen Unterhaltungsplatz geschlachtet und dafür am Donnerstag um 21.45 Uhr einen festen Termin für Dokumentarfilme eingerichtet." Damit wäre Blondiau sehr zufrieden - wenn die Filme tatsächlich pünktlich gesendet würden. "Aber der Donnerstagabend ist extrem gefährdet. So nützt uns dieser Programmplatz nichts", sagt er.
Struve fordert Verständnis für aktuelle Programmänderungen. "Solche Events wie Pokalspiele müssen wir übertragen", sagt er. Und wenn sieben deutsche Vereine in die drittletzte Runde des Uefa-Pokals einzögen, sei das eben Pech.
"Als wir den Platz festgelegt haben, spielte gerade einmal Duisburg gegen Gent."
Außerdem habe der DFB-Pokalkrimi der WDR-Serie sogar Quote gebracht: "Die hatten nachts um halb eins noch 11,4 Prozent. 50 000 Zuschauer sind nach dem Elfmeterschießen in Magdeburg drangeblieben." Dass es zu einer besseren Sendezeit in absoluten Zahlen mehr gewesen wären, muss Struve allerdings zugeben. Aber: "Die Absolutheit ist im Wettbewerb mit den Privaten aus unseren Hirnen gewichen. Wir haben uns auf relative Werte zurückgezogen."
- Datum 08.02.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07/2001
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