In meiner Heimat Österreich streiten gelegentlich kluge Leute, was das Zeug hält. Aber das Zeug hält nicht, was es verspricht

es kommt bei den Streitereien derer, die unter dem Sammelnamen "Intellektuelle" antreten, wenig heraus. Natürlich verliert einmal der eine oder der andere in der Hitze der Gefechts sein Gesicht, aber ich bezweifle, dass das den nervenaufreibenden Aufwand lohnt. Das Polemische in der geistigen Welt kann man moralisierend forcieren oder ebenso moralisierend ablehnen. Wie schaut das aus, können die einen unangenehm berührt fragen, wenn intelligente Leute ihre Fassung verlieren und ausgerechnet einander die Meinung sagen!? Andere meinen, gerade im Polemischen käme zum Vorschein, was geistige Tätigkeit überhaupt ausmacht, nämlich "die Negation", zumal die "bestimmte", ohne die man niemals konkret werden kann.

Das Ethos der Polemik ist vermutlich weniger interessant als die Logik, der sie ihre Existenz, ihre (scheinbare) Unausweichlichkeit verdankt. "Oft heißt es einfach", schreibt der Klagenfurter Philosophieprofessor Josef Mitterer in dem Fischer-Taschenbuch Die Flucht aus der Beliebigkeit, "dass die übrigen Problemlösungsvorschläge bloß behaupten, dass sie die Probleme lösen, sie in Wirklichkeit aber nicht lösen. Dagegen würden die eigenen Vorschläge die Probleme auch tatsächlich lösen."

Über diese Ordnung des Diskurses ist der Streit der Philosophien in Gang gehalten worden: Immer neue Lösungsvorschläge, die auch immer mehr an die alten zu erinnern begannen, wurden vorgetragen. Das Pathos dieses Vortrags, seine erwünschte Überzeugungskraft wurden daraus bezogen, dass man andere Lösungsvorschläge als die falschen definierte, während man die eigenen als die richtigen präsentierte. Das half vor allem den Problemen sehr: "Die Probleme haben also ihre Lösungsversuche überdauert."

Mitterers Denkweise - ich glaube, man nennt sie "konstruktivistisch" - ist mir fremd. Aber ich kann mich mit seinem Buch befassen, und ich habe das Gefühl, ich muss es, weil mir sein Problem einleuchtet: Das blühende Leben der Philosophie entsteht, weil in jedem Seminarraum andere Positionen eingeübt werden. Da sind die Existenzialisten, dort die Positivisten, ein kritischer Rationalist schaut vorbei, ein Phänomenologe geht ihm aus dem Weg, ein Realist trifft auf einen Hegelianer, der gerade Nietzsche gelesen hat und sehr unzufrieden ist. Wenn so vorgebildete Leute miteinander in Konflikte geraten, dann verabsolutieren sie ihre Standpunkte. Aber diese Standpunkte, so Mitterer, sind das Gegenteil von absolut, sie sind beliebig

sie rühren nämlich daher, dass man bestimmte Dualismen für wahr nimmt und jeweils einer Seite der Dualität gegenüber der anderen Recht gibt.

Beliebt ist die Gegenüberstellung von Sprache und Wirklichkeit: Die einen geben der Sprache den Vorzug, in ihr sei die Wirklichkeit trefflich abgebildet. Die anderen sind für die Wirklichkeit und skeptisch gegenüber jeder Abbildung. Mit Mitterer kann man sagen, dass diese Standpunkte gewiss schön sind und sehr beeindruckend. Sie sind nur beliebig, denn hätten ihre Vertreter etwa in einer anderen Stadt studiert, wer weiß, ob sie nicht dann an der Seite ihrer derzeitigen Gegner stünden. Überhaupt ironisiert Mitterer "die Wahrheit": "Auffassungen sind wahr, weil und solange wir sie vertreten, und sie sind falsch, solange wir sie nicht vertreten." So ist es - und das gibt den Polemikern jede Chance.