E N T S C H E I D E N Lecters Lektionen

Wollen wir das wirklich sehen? Einen Film wie »Hannibal«, der zeigt, wie der Kannibale seine Opfer isst? Einige Überlegungen zu Gewalt und Grausamkeit, die Sie lesen sollten, bevor Sie ins Kino gehen

Hannibal, die Verfilmung des wahrhaft gewaltkranken Romans von Thomas Harris und Fortsetzung des grandios makabren Psychothrillers Das Schweigen der Lämmer , wird, obwohl insgesamt eher zurückhaltend inszeniert, eine alte Frage wieder aufwerfen: Wie viel Gewalt wollen, dürfen und können wir sehen? Wo ist die Grenze der Bilder von Ekel und Sadismus in unserer populären Kultur?

Unsere Geschichte, wir wissen es nur zu gut, ist voller Gewalt. Und unsere Kultur ist voll von Bildern der Gewalt. 101 Theorien sind darüber entwickelt worden, ohne daß wir etwas davon in den Griff bekommen hätten. Am schlimmsten verhält es sich dabei mit der Frage, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt. Ist das Bild der Gewalt im zivilisatorischen Prozess ein Fortschritt, insofern als es uns ein Bewusstsein von unseren Schandtaten gibt, oder eine ungefährliche Ersatzlösung archaischer Impulse? Dann wäre Hannibal Lecter ein seltsamer Heiliger der medialen Sublimation. Oder verurteilen uns die Gewaltbilder zu ewigem Kreislauf barbarischer Rückfälle? Dann wäre er ein schrecklicher, virtueller Verführer, den wir nur auf einem ebenso virtuellen Scheiterhaufen opfern müssten. Natürlich ist er beides - und noch vieles mehr.

Was also macht das Gewaltbild? Hilft es uns, unsere Angst vor der realen Gewalt zu bewältigen? Stiftet es uns zur Nachahmung an? Stumpft es uns ab, gegenüber der realen Gewalt auf den Straßen und in den Familien? Macht es uns stumpf gegenüber den schönen und schöpferischen Dingen, zu denen wir, hoffentlich, auch befähigt wären?

Nachahmung, Bewältigung, Sublimation, Abstumpfung - vielleicht kommt es, was die Wirkung des Gewaltbildes anbelangt, fatalerweise nicht nur auf dieses, sondern auch auf unsere eigene Verfassung an. Womit jede verbindliche Bildermoral erst mal beim Teufel wäre. Aber hinter den Bildern von Gewalt und Ekel steckt ja noch mehr. Sehr selten geht es um Gewalt oder Ekel an sich. Und das ist in gewisser Weise noch eine der harmlosesten Formen: die Geisterbahn. Wie viel hälst du aus? Wann schreist du? (Und, die netteste Variante: Wann sind schreckliche Bilder genügend Vorwand, um uns tröstend zusammenzukuscheln? Es gibt glücklicherweise Monster, denen man diese geheime Absicht gleich ansieht.) Eine rituelle Mutprobe, ins Mediale verschoben. Wer sich mit 16 Jahren nicht für die »verbotenen Bilder« interessiert, mit dem stimmt etwas nicht. Wer es freilich vier, fünf Jahre später immer noch tut, mit dem ist vielleicht auch nicht alles in Ordnung.

Das Monster: Ein guter Grund zum Kuscheln

Aber in der Regel geht es noch um etwas anderes, und je mehr die Bilder in die Mitte der Gesellschaft, in den Mainstream, zielen, umso deutlicher wird es. Es geht um eine Bewertung der Gewalt, ihre ideologische Legitimation. Wir sehen zum Beispiel Gewalt als das, was jemandem angetan wird, bis der zum noch brutaleren Gegenschlag ausholt. Das ist komisch und durchschaubar (aber eben nicht: harmlos) bei Laurel & Hardy. Und es ist furchtbar, wenn uns narzisstisch gekränkten Medienmenschen auf diese Weise die Fronten in Kriegen und Bürgerkriegen erklärt werden. Das Schrecklichste, was man von Hannibal Lecter sagen kann, ist, dass er in Wahrheit ein verkappter Moralist ist, der gerade Menschen tötet, die es »verdient« haben.

Das Zweite, was uns Bilder von Gewalt und unwillkürlicher Körperlichkeit vermitteln, ist eine Art der verlorenen Erfahrung. Wir müssen ja auch in der Wirklichkeit, so scheint's, den Körper schon quälen, um ihn noch zu spüren (siehe Piercing). In den Bildern der Gewalt rekonstruiert sich jener Körper, der durch den Verlust der Arbeit (zumindest im traditionellen Sinn) seine Würde verloren hat. Natürlich scheint es auf den ersten Blick absurd, das ausgerechnet durch solche so offensichtlich würdelosen Bilder bewerkstelligen zu wollen. Aber dann sehen wir genauer hin und erkennen in der Gewalt auf der Leinwand, im Bild des Grauens, auch das ästhetische Arrangement, die Passion des geschundenen Körpers. Hannibal macht aus den Körpern Kunstwerke.

Zudem gibt es allerlei offene und geheime Verbindungen zwischen den beiden Generallinien des verbotenen Bildes, zwischen der Gewalt und der Sexualität. Hannibal wäre nicht halb so faszinierend ohne die bizarre Liebesgeschichte, die ihn mit der jungen FBI-Agentin Clarice Starling verbindet. Im Gewaltbild kann man etwas davon unterbringen, was im Bild der Liebe nicht zu zeigen ist. Die Verbindungen sind, sexuelle Aufklärung hin oder her, im offenen Diskurs nicht zu klären. Wir haben nur Bilder dafür. Und einmal mehr können wir nicht recht sagen, was grauenvoller ist, jene »heiße« Gewalt, die ihren sexuellen Urgrund offenbart, oder jene »kalte« Gewalt des Maschinellen. Hannibal, das »altmodische« Böse, interessiert sich nicht für das Maschinelle, er interessiert sich für das Fleisch.

Und noch etwas anderem ist das Gewaltbild auf der Spur: dem Bösen. Das Monster erklärt uns in der unübersichtlichen Welt, was das Böse sei. Ist Hannibal Lecter nicht einfach eine neue Variante des altbösen Feindes, das päpstlich beglaubigte Paradox des Bösen, das zugleich absolut und personal sein mag? Wir mehr oder weniger christlichen AbendländerInnen haben eine bewegte, widerspruchsvolle Geschichte des Teufels und seiner Funktionen hinter uns. Und viele unserer Gewaltbilder sind auch verkappte Teufelsbilder, die wiederum, vielleicht, ein schwarzer Umweg zur Suche nach dem anderen, dem Göttlichen, dem Erlösenden sind. Hannibal ist der Verführer, der alle bestraft, die ihm nicht widerstehen, und er ist verliebt in die, die es tun. Das kennen wir von Mephisto, dass er das Böse will und das Gute schafft. Nur muss uns das heutzutage drastischer vor Augen geführt werden.

Am Ende ist das Bild der Gewalt und des Ekelhaften (des Körpers ohne Kultur und ohne gesellschaftliche Kontrolle) auch das letzte Echo der schwarzen Pädagogik. Der schwarze Mann, der unsere Kindheit überschattete - oder nicht. Ganze Serien von Gewaltfilmen liefern dazu letzte Desillusionierung: Der schwarze Mann, das ist Daddy selbst. Der Missbraucher, aber auch der Versager. Der Gewaltdialog, den Hannibal und Clarice führen, hat tief im Inneren damit zu tun. Die beiden, beständig die Rollen von Jäger und Gejagtem tauschend, umkreisen das manische Tabu. Der Kannibalismus ist die äußerste Form des Inzests.

Da sitzen wir nun vor der Frage: Wenn wir die Bilder des Grauens verbieten oder nur gedankenlos ablehnen, so werden wir einen ganzen Teil von uns selbst und von unserer Kultur nicht mehr verstehen. Sollten wir aber andererseits die Bilder einfach freigeben, nach dem Motto Al Capones: Wenn die Leute es haben wollen, sollen sie es bekommen? Dann würden wir wohl beginnen, die Zivilisationsgeschichte rückwärts zu schreiben. Das Unheimliche, Sigmund Freud hat es uns vor geraumer Zeit erklärt, steigt aus dem Vergessenen und Verdrängten auf, immer wieder. Es ist nur die Frage, wie wir es bearbeiten.

Bizarr: Der fundamentale Fleischesser in BSE-Zeiten

Zensur, selbst eine Form von Gewalt, ist keine Lösung. Das heißt aber nicht, dass wir die Albtraumbilder unwidersprochen hinzunehmen hätten. Auf einem freien Markt der Bilder tut sich gesellschaftliche Verständigung freilich schwer. Denn in der Konkurrenzsituation meint das Bild ja nicht mehr so sehr den Adressaten und seine (verborgenen oder offenen) Wünsche, es meint vor allem das Konkurrenzbild, das es zu übertreffen gilt. Die Bilder der Medienmaschine sprechen seit längerem schon mehr untereinander, als dass sie mit uns sprechen. Und die Produktion eines Films wie Hannibal ist nichts anderes als ein prekärer Balanceakt, nämlich einerseits die Bilder des Vorgängers und die Bilder der Konkurrenz an bizarren Attraktionen zu übertreffen, andererseits aber den Konsens im Mainstream nicht zu stören. Von der Peripherie (in der Filme wie The Texas Chainsaw Massacre einst die moralische und ästhetische Ruhe des Mainstream zu stören vermochten) ist das Gewaltbild in die Mitte gerückt. Dabei hat es sich, gewiss, gegenüber den Provokationen des bewusst »bösen Kinos« abgeschwächt. Zugleich aber ist es selbstverständlich, gewöhnlicher geworden. Bei Zombie musste die Mainstream-Kultur über etwas urteilen, das sie sich vom Halse halten will. Bei Hannibal kann sie nur über sich selbst urteilen.

Dass es noch Grenzen gibt, dafür ist der Film Hannibal selbst schon ein gutes Beispiel: Die ärgsten Volten sadistischer Gewalt aus Harris' Roman erspart uns der Film von Ridley Scott. Es gibt noch einen deutlichen Unterschied zwischen dem, was wir uns als Textfantasie und dem, was wir uns als »realistische« Bilder zumuten. Man kann an diesem Film studieren, wie man Gewalt zeigt und zugleich nicht zeigt, wie man durch die Länge von Kameraeinstellungen, Distanz und Licht das Grauen dämpft. Vor allem aber zeigt er, was wir als gleichsam eingebauten Abwehrmechanismus haben. Es gibt nicht nur eine Grenze zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen, sondern auch eine Grenze zwischen dem Grauenhaften und dem Komischen. Denn Hannibal, der Teufel, der schwarze Daddy, der böse Künstler, der fundamentale Fleischfresser in BSE-Zeiten, ist am Ende auch ein Satiriker. Ein Clown im Reich des Grauens, der noch dem Diskurs zur Bildergewalt die lüsterne Zunge hinausstreckt. Die Sache ist, wie gesagt, nicht besonders einfach.

Hannibal Lecter läuft ab 15. 2. im Kino

 
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