J A P A N Vergnügt in der Krise
Ein Jahrzehnt Rezession - und den Japanern geht es besser denn je
Von wegen Land der aufgehenden Sonne: Japan gilt als größter anzunehmender Krisenherd der Weltwirtschaft. Schuld sind die japanischen Banken, die ihre Bücher nicht bereinigen, schuld ist die japanische Regierung, die ihren Haushalt überspannt, statt zu deregulieren, schuld sind die japanischen Verbraucher, die nicht genug einkaufen, um die Volkswirtschaft anzukurbeln.
So denkt der Westen. Für die allermeisten Japaner ist das eine völlig unbegreifliche Sicht der Dinge.
Da zerbricht sich der neue Finanzminister in Washington Paul O'Neill darüber den Kopf, wie er "dem japanischen Volk helfen könne, einen höheren Lebensstandard zu erreichen". Der Mann war anscheinend lange nicht in Japan. Ein Einkaufsbummel durch Tokyo oder jede beliebige japanische Provinzstadt würde ihn vom Reichtum des 128-Millionen-Volkes überzeugen. Man begegnet Massen von elegant gekleideten Menschen, die mit ihren neuen Autos vor exquisiten Restaurants halten. In der japanischen Gesellschaft hat sich ein exhibitionistischer Materialismus breit gemacht. Flüge und Fünf-Sterne-Hotels sind zu jeder Jahreszeit ausgebucht. Eine Taxifahrt beginnt beim Zählerstand von umgerechnet zwölf Mark. Dennoch gibt es in den Abendstunden an fast jedem japanischen Großstadtbahnhof lange Menschenschlangen vor den Taxiständen.
Zehn Jahre ökonomische Krise haben in Japan eine Rekordarbeitslosenquote hinterlassen - von 4,8 Prozent. Auch unter Berücksichtigung unterschiedlicher Berechnungsarten ist das geringer als die Quote im derzeit prosperierenden Westeuropa.
Wachstumsschwund hin, Schuldenberg her - mehr denn je vermittelt Japan den Eindruck, eine Art asiatische Schweiz zu sein. Von Krise keine Spur: Je genauer man den Alltag betrachtet, desto mehr gleicht die japanische Rezession einem Phantom. Behäbig- und Bequemlichkeit sind den Japanern heute eher anzusehen als Hetze und Erschöpfung, die das fernsehübertragene Bild der Japaner im Ausland dominieren.
Das fürchterliche Gedränge im Vorstadtzug war einst das abschreckende Sinnbild der Wirtschaftssupermacht Nippon. Dem Westen graute vor einem japanischen Arbeitsstil. Arbeiter in Westeuropa und Amerika galten in den achtziger Jahren als faul und verwöhnt, japanische als anspruchslos und aufopferungsbereit. Doch was damals schon falsch war, ist es heute erst recht. Die Amerikaner arbeiten nach Angaben der Internationalen Arbeiterorganisation in Genf (ILO) pro Jahr durchschnittlich zwei Wochen mehr als ihre japanischen Kollegen. Darüber hinaus belegen Statistiken, dass Japaner heute durchschnittlich über höhere Einkommen, ein höheres Sparguthaben, ein längeres Leben und bessere Gesundheit als US-Bürger verfügen.
Die neunziger Jahre waren für das Land keine "verlorene Dekade", wie alle Welt, inklusive des japanischen Premierministers Yoshiro Mori, behauptet. Erst in den neunziger Jahren haben die Japaner neben dem Arbeiten auch das Leben gelernt. Sie reisen und urlauben mehr denn je. Erst heute sind die guten Dinge des Lebens für den Normalbürger erschwinglich gemacht.
Beispiel Essengehen: Bereits auf dem Höhepunkt der japanischen Wirtschaftexpansion Ende der achtziger Jahre konnte man in Tokyo französische oder italienische Küche genießen - auf der Ginza, Tokyos alter Geschäftsmeile, wo jedes Essen einige hundert Mark kostete. Für eine Tasse Kaffee zahlte man in Tokyo weit über zehn Mark. Erst die Rezession hat die Exzesse beseitigt. Heute gehört die billige Tasse Kaffee im amerikanischen Starbucks-Café zum japanischen Großstadtalltag. Europäische Küche ist zur Selbstverständlichkeit geworden.
Beispiel Einkaufen: Japans große Kaufhausketten, die überteuerte Waren anboten, befinden sich im Niedergang. Bei Mitsukoshi, Takashiyama und Sogo kauften die unerfahrenen Neureichen. Im vergangenen Jahr musste die Sogo-Kette zur Schadenfreude der Nation Bankrott anmelden. Denn mit der Zeit erkannten die Verbraucher den Betrug. In den achtziger Jahren schnell zu Geld gekommen, hatten viele Japaner anfangs nur auf den großen Markennamen geschielt. Der Preis war ihnen gleichgültig. Dann änderten sich mit der Rezession die Moden. Das Extravagante schien überflüssig. Heute kaufen die japanischen Verbraucher Qualität zu gesunkenen Preisen.
Uniqlo nennt sich eine neue Boutiquenkette, die in den vergangenen zwei Jahren 480 Läden im ganzen Land eröffnete und die neue Lebensqualität inmitten der Krise symbolisiert. Sie bietet billige japanische Designermode an - made in China. "Uniqlo wendet sich an Menschen, die in Freiheit ihren eigenen Lebensstil bestimmen möchten", sagt Firmenchef Tadashi Yanai. Bei ihm kosten die Jeans nur 30 Mark, die Schickeria trägt sie trotzdem.
Früher hielt Japan seine Märkte geschlossen, und der japanische Verbraucher zahlte dafür einen hohen Preis. Heute sind die Märkte offen, die Wirtschaft leidet erwartungsgemäß, doch vielen Verbrauchern geht es besser. Konjunkturexperten klagen zwar, das Konsumverhalten der Japaner sei über die Jahre zurückhaltend geblieben und stimuliere die Wirtschaft nicht. Aber inzwischen bekommen die Japaner schlicht mehr für ihr Geld.
Beispiel Eigentumswohnung: Für umgerechnet eine Million Mark gibt es heute immerhin eine anständige Dreizimmerwohnung in einem zentralen Tokyoter Wohnbezirk. Noch vor ein paar Jahren blieben die eigenen vier Wände in der Großstadt aufgrund der in den Himmel gestiegenen Immobilienpreise selbst für Hochverdiener ein unerfüllbarer Traum.
Noch unsichtbarer als in der Stadt ist die japanische Krise auf dem Land. Obwohl die Entfernung nur 300 Kilometer beträgt, besteht zwischen der japanischen Pazifikküste und der Küste des Japanischen Meeres ein Klimaunterschied wie zwischen Mittelmeer und Ostsee. Bis März bleibt die Landschaft in der Präfektur Niigata weiß. Hier liegt das Dorf Nishiyama zwischen verschneiten Reisfeldern.
"Wir mussten immer gegen die harte Natur kämpfen", sagt ein ergrauter Bauer, der, in dicke Kimonos gehüllt, auf der Dorfstraße Schnee schippt. Früher lag Nishiyama in einer der ärmsten Gegenden Japans. Nun gibt es im neu errichteten Holzhaus des Alten mehrere Elektroöfen und eine Einbauküche. Wie neun von zehn Haushalten in Japan verfügt die Bauernfamilie über einen Mikrowellenherd. Wie bei 85 Prozent aller Haushalte steht ein Auto vor der Tür.
"Bei der Zahl der staatlichen Straßen ist unsere Präfektur Nummer eins im ganzen Land", erzählen die Dorfbewohner stolz. Nicht einmal über die Politiker wollen die Bauern klagen. Ihnen verdanken sie die Straßen und einen großen Teil ihres Wohlstands. Nishiyama ist die Heimat von Kakuei Tanaka, dem in den siebziger und achtziger Jahren mächtigsten Politiker Japans. Als Premier verwandelte er erst sein Dorf und schließlich die ganze Provinz in eine mit öffentlichen Geldern unterhaltene Baustelle. Noch bevor er wegen Bestechlichkeit verhaftet wurde, ließ Tanaka in den siebziger Jahren den Schnellzug Shinkansen nach Niigata bauen. Der amtierende Premier Mori holt das jetzt für seine Küstenprovinz Ishikawa nach. So funktioniert das Tanaka-System bis heute - kein Wunder, dass die Bauern nicht den Eindruck haben, ihr Land stecke in der Krise.
Natürlich lässt sich die Geschichte auch anders erzählen. Die Krise ist schließlich nicht erfunden. Doch man muss schon an den Rändern der Gesellschaft danach suchen, etwa im abgelegenen Hafenbezirk Ota an der Bucht von Tokyo. In Ota schuftet Metallmeister Akihiro Takao mit seiner Frau in einer dunklen Fabrikkammer. Noch immer hat der Familienbetrieb Aufträge vom benachbarten Großkonzern Toshiba. Doch ringsherum herrscht Totenstimmung. "Wissen Sie, warum es in dieser Gegend so viele Park- und Spielplätze gibt?", fragt Meister Takao. "Früher standen dort Fabriken. Ohne sie wären Unternehmen wie Toshiba oder NEC nie groß geworden. Damals sagte man, dass es kein Problem gebe, das man in Ota nicht lösen könne. Dann hat uns die Spekulationswirtschaft kaputt gemacht. Viele investierten eine Menge, bis die Aufträge abnahmen. Ich kenne ein halbes Dutzend Fabrikbesitzer, die sich hier tot gearbeitet haben. Man fand sie eines Tages unter der Werkbank, ihre Unternehmen gingen pleite."
Durch Ota weht wie an nur wenigen Orten im Inselreich der raue Wind der Globalisierung. Die Ursache: Konzerne lösen ihre Verträge mit den traditionellen Zulieferern in Japan und wechseln zu billigeren Anbietern im asiatischen Ausland. Viele Kleinbetriebe haben es deshalb schwer.
Die weltbekannten Unternehmen der japanischen Industrie selbst - von Mitsubishi bis Matsushita - haben bisher auf Massenentlassungen verzichtet. Ihre Chefetagen, in denen nach wie vor alte Herren regieren, halten zu den Belegschaften. Topmanager verdienen in Japan weiterhin einen Bruchteil der Gehälter ihrer westlichen Kollegen. Dafür müssen sie nicht ständig neue Ideen entwickeln und auch nicht bei jedem Börsenknick um ihren Job bangen.
"Ist Japan noch konkurrenzfähig?", fragt ein neu erschienenes Buch, das ein Gemeinschaftswerk von zwei japanischen und einem amerikanischen Ökonomen ist. Doch die bange Frage erreicht nur wenige. "Die Japaner genießen heute das Leben, weil sie keine Perspektive von morgen haben. Dabei fühlen sie sich im Alltag nicht bedroht", beobachtet der 82-jährige Philosoph Shuichi Kato, einer der großen Nachkriegsintellektuellen seines Landes. "Man denkt, durch Boom und Rezession habe sich das Land geändert. Aber das ist ein Irrtum", analysiert Kato. "In Wirklichkeit leidet Japan heute an Schwächen, die es immer besaß und die gerade deshalb schwer wahrzunehmen sind."
Kato erinnert daran, dass es schon auf der Höhe des japanischen Aktienbooms Ende der achtziger Jahre üblich war, die Wirtschaft des Landes als erstklassig, die Politik aber als drittklassig zu bezeichnen. "Korrupte Bürokraten und zu enge Beziehungen zwischen Politik und Wirtschaft hat es in Japan immer gegeben", klagt der Philosoph über den Mangel an Gewaltenteilung und an kritischem Bürgerbewusstsein. Das Gleiche gelte für die Abschottung der Gesellschaft. Selbst die wenigen Elitestudenten, die er, Kato, heute noch betreut, sprächen so gut wie kein Englisch. "Japan öffnet sich weiterhin nur für den Handel. In den Köpfen des Volkes und seiner Elite findet die Internationalisierung nicht statt."
Die Organisation der Industrieländer OECD gibt Kato Recht. Sie stellt fest, dass das reiche Japan das einzige Auswanderungsland unter ihren Mitgliedern ist. Zwar fehlt es nicht an Chinesen, Filipinos oder Indern, die sich im Inselreich niederlassen wollen. Doch der Eintritt bleibt ihnen verwehrt, während die besten japanischen Studenten in die Vereinigten Staaten auswandern. "Japan braucht dringend Ausländer", warnt der Weltökonom Eisuke Sakakibara und bleibt damit ein unverstandener Außenseiter.
Einst wurde Sakakibara, ehemals Topbürokrat des Finanzministeriums, von der Börsenwelt liebevoll "Mister Yen" genannt. Er steuerte 1996 den bisher einzigen ernsthaften Wirtschaftsreformversuch der Liberaldemokratischen Partei (LDP), die seit 46 Jahren fast ununterbrochen regiert. Ein neues Börsengesetz aus seiner Feder erlaub- te feindliche Übernahmen und passte die Bilanzvorschriften den internationalen Normen an. Dann sollten eine Steuer- und ei- ne Rentenreform folgen. Doch Sakakibara scheiterte. Heute leitet er einen Tokyoter Think Tank im Schatten immergrüner Lebensbäume.
"Die japanische Ausprägung des Kapitalismus hat bis in die achtziger Jahre gut funktioniert. Ihr Erfolg ist der wichtigste Grund für unser bevorstehendes Scheitern", sagt der Ökonom. In diesem Sinn schrieb Sakakibara Ende der achtziger Jahre das aufsehenerregende Buch Jenseits des Kapitalismus, in dem er von einem Wirtschaftssystem schwärmte, das durch die stärkere Einbeziehung der Lohnabhängigen das subjekte Gefühl der Ausbeutung beseitige.
Heute ist Sakakibara desillusioniert. "Konkurrenzfähige Unternehmen wie Sony und Toyota erwirtschaften nur zehn Prozent des Sozialprodukts. Der zweite, entscheidende Bereich ist nicht wettbewerbsfähig: Kleinunternehmen, Dienstleister und landwirtschaftliche Betriebe. Sie werden durch sozialdemokratische Elemente im System - Subventionen und Regelungen zum Schutz der Kleinunternehmen - künstlich am Leben gehalten und stehen immer noch für 90 Prozent des Sozialprodukts."
Japan - eine verwöhnte Sozialdemokratie? So sehen das Land wohl die wenigsten. Doch der öffentliche Schuldenberg wird sich im März 2002 auf hochgerechnet 5660 Milliarden Dollar belaufen. Das Bankwesen leidet unter nicht rückzahlungsfähigen Krediten im geschätzten Volumen von 1000 Milliarden Dollar. Manche halten dagegen, dass die japanischen Privathaushalte über Sparguthaben in Höhe von 6500 Milliarden Dollar verfügen. Doch das lässt sich eben nicht so leicht aufrechnen.
Allein die von Subventionen und zurückgestellten Krediten besonders abhängige Bauindustrie beschäftigt ein Zehntel der arbeitenden Bevölkerung. Die Folge: Japan steckt in der Schuldenfalle, und jeder Versuch, ihr zu entkommen, würde über Nacht in die bisher vermiedene Massenarbeitslosigkeit führen. Nicht nur für die vom staatlichen Subventionssystem abhängigen LDP-Politiker, auch für die meisten Bürger steckt hier das Problem.
Japans großer Nachkriegstraum "Wohlstand für alle" hat sich erfüllt. Noch herrscht im Inselreich soziale Harmonie. Die Einkommensverteilung ist egalitärer als in jedem anderen großen Industrieland der Welt. Wer mag diesen Traum zerstören, wo es sich selbst in der Krise noch so gut leben lässt? Das können nur die Besserwisser im Westen fordern.
Wie kein anderer prägte der Schriftsteller Ryu Murakami den Begriff von der "verlorenen Dekade". Kürzlich jedoch fragte er seine Leser per Internet, wann sie, falls die Wahl bestände, am liebsten noch einmal geboren werden würden.
Die große Mehrheit antwortete: "Heute" - mitten in der unsichtbaren Krise.
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