M U S I K Ein Museumsdirektor spielt auf
Der Klassizist Wynton Marsalis spaltet die Jazzwelt mit einer TV-Dokumentation
Der Mann strahlt. Wenn er mit hoher Stimme in predigenden Singsang verfällt, rhetorisch geschickt ein Argument zurückgeht, um zwei nach vorne zu ziehen und dann - leicht poetisch verschleiert - Jazz mit Demokratie identisch erklärt: "Im Jazz geht es darum, den eigenen Ton zu finden, um dann in einer Gruppe zu spielen - und ihn wieder aufzugeben. Wie in einer Demokratie."
Wynton Marsalis, hoch dekorierter Trompeter in Klassik und Jazz, Pulitzer-Preisträger und Galionsfigur der neokonservativen Jazzrenaissance, hat den letzten Schritt im musikalischen Historikerstreit erfolgreich vollzogen. Seit Jahren dauert die Auseinandersetzung darüber an, ob die Entwicklung des Jazz in den letzten 40 Jahren einen verwerflichen Irrweg darstellt und die Moderne schuld ist an seinem Niedergang. Mit einer publizistisch heiß umstrittenen, in Amerika ausgestrahlten Fernsehdokumentation ist es Marsalis jetzt gelungen, dem Jazz jenen Platz im Olymp zu sichern, der ihm zusteht - und ihn zugleich als musikalische Haltung zu erledigen. Bewundernd und gerührt betrachten wir das Jazzgenre in der Glasvitrine - ein Stockwerk höher, die Abteilung Klassik.
Das Projekt hatte vielversprechend begonnen. Vor sechs Jahren startete der amerikanische Dokumentarfilmer Ken Burns sein Vorhaben, fand Geldgeber, die 13 Millionen Dollar in die Produktion von zehn Folgen mit insgesamt 19 Stunden Sendezeit investierten. Die Voraussetzungen waren günstig, hatte er doch mit seinen zehnteiligen Dokumentarfilmserien Civil Wars (1990) und Baseball (1994) jeweils 40 Millionen Amerikaner bildmächtigen, spannenden Geschichtsunterricht erteilt, auf PBS, dem einzig ernst zu nehmenden Fernsehkanal. Jazz sollte als Abschluss seiner Trilogie über die große amerikanische Trinität fungieren: "democracy, individuality and race". Der einzige Nachteil des Projekts: Burns verstand nicht viel von Jazz, gestand dies sympathischerweise ein und suchte sich Unterstützung - Marsalis ante portas.
Er ist weder zu überhören noch zu übersehen. Zehn Folgen lang erschien im Januar und Februar der talking head des künstlerischen Beraters auf den amerikanischen Bildschirmen, von Burns als "musikalisches Rückgrat" der Sendung bezeichnet. Ist er nicht selbst im Bild, so doch omnipräsent. Die Kritiker draußen vor der Tür - von New York Times über New Yorker zu Atlantic Monthly - ließen kaum ein gutes Haar am Projekt: ästhetisch, historisch, politisch - inkorrekt.
Den Haupteinwand konnte man sich an zehn Fingern abzählen. Während neun Folgen den Jazz bis 1960 ausbreiten, erledigt Folge 10 die letzten 40 Jahre auf einen Streich. Als ende die deutsche Literaturgeschichte mit Nossack und Brecht, als würden Bachmann und Böll gerade noch gewürdigt und Grass kurz vernichtet, um dann wieder Thomas Manns und Gerhart Hauptmanns zu gedenken. Es sei ihm um die gesicherte Geschichte des Jazz gegangen, nicht um die Darstellung der umstrittenen letzten 20 Jahre, verteidigte sich Burns und schlug sich auf die Seite eines Historismus, dem gute Geschichten, tanzbarer Swing, volle Säle und bestselling records als rechte Gesinnung gelten.
Dass dabei auch zum Jazzkanon zählende Künstler wie Keith Jarrett, Gerry Mulligan, Lee Konitz, Lennie Tristano, Chet Baker, Stan Getz oder Bill Evans fehlten, lässt sich allerdings nicht mit akutem Avantgardeverdacht erklären, sie eint allein ein Handicap - sie sind weiß. Rassismus seitenverkehrt und naive schwarze Heldenverehrung - das genügt für die erste und endgültige Ferndiagnose. Bis man die Filme sieht.
Folge um Folge auf der weißen Seite: Mord, Vergewaltigung, Demütigung, Ausbeutung. Auf der anderen Seite der Straße: Prostitution, Drogen, Onkel Toms Blues und die große amerikanische Kunstform dieses Jahrhunderts. Die schwarzweißen Geschichten sind bekannt. Wer sie im Bild sieht und hört, kann sie kaum glauben, ist fassunglos. Sie sind pures Schwarz und Weiß, nur die Musik und ein paar Aufrechte sorgen für Zwischentöne.
Folge um Folge jedoch versteht man diesen - schwer erträglich selbstgefälligen - Wynton Marsalis besser, billigt der schwarzen Jazzgeschichtsschreibung ihr Recht auf ein bisschen Unausgewogenheit zu. Gefälscht und geklaut ist hier nichts, und sterben wird daran keiner. Manche Bilder sind selten zu sehen: wie 1943 in Harlem der Savoy Ballroom geschlossen wird, weil sich dort Schwarze und Weiße beim Tanzen mischten und dann gemeinsam nach Hause gingen. Ein Auslöser für Rassenunruhen mitten in New York, der Metropole der westlichen Demokratie, mit knüppelschwingenden Cops vor brennenden Autos und geplünderten Geschäften, die dafür sorgen, dass Harlem zum reinrassig schwarzen Ghetto wird, während in Übersee die schwarzen G.I.s - in segregierten Kompanien - gegen die arischen Rassisten in Europa kämpfen. Die Wirklichkeit übertrifft jede filmische Montage. Trotz Benny Goodman, trotz Dave Brubeck, trotz Artie Shaw - die Geschichte des Jazz ist schwarze Geschichte. Analyse jedoch bleibt für Ken Burns' und Wynton Marsalis' Jazz ein Fremdwort. Links liegt die Ursache, rechts die Wirkung und dazwischen das Genie. Schade, aber wir sind mitten in Television- und also Hollywood-Land: "Geschichte bedeutet Geschichten zu erzählen." Andererseits gilt: Wenn intellektueller Unmut sich meldet, überwältigt das Bild. Mitten in der Moderne, Folge 10, Louis Armstrong - knochendürr und mit falschen Zähnen sitzt er zu Hause am Tisch und singt a capella When It's Sleepy Time Downsouth. Jeder Ton erbärmlich gebrechlich und ewig jung und schön. Stilistisch ein Fall fürs Museum, als Musik das Salz des Lebens.
Der hohe Ton der Verehrung legt sich auf alle Künstler wie Goldstaub, wirkt auf Dauer ermüdend. Louis Armstrong und Duke Ellington trifft der Superlativ besonders. Wie ein Ariadnefaden ziehen sie durch alle Folgen, passend, deplatziert oder als propagandistisches Kontrastmittel: Armstrongs Thema "Good evenin' everybody" wird hart gegen Miles Davis' verpönte Fusion-Musik geschnitten. Ken Burns weiß, wie man Emotionen weckt. Auf die missliebigen atonalen Cluster des Pianisten Cecil Taylor folgen die einlullenden Bossa-nova-Klänge des hoch gelobten João Gilberto. Und ein Sprecher unterminiert Bilder und Musik des avantgardistischen Art Ensemble of Chicago mit wohlgesetzten Pausen: "In Chicago spielten sie manchmal vor drei Leuten, und ihre größten Anhänger waren Studenten in ... Frankreich."
Europa liegt hinter den drei Punkten, erscheint bestenfalls in Gestalt des Gitarristen Django Reinhardt, als willkommenes Exil für amerikanische Musiker oder als Modellfall "Drittes Reich" mit deutschen "Swing Kids", die garantieren, dass die Gleichung Jazz gleich Demokratie stimmt. Der weiße Fleck auf Burns' musikalischer Landkarte kommt nicht von ungefähr, er ist die Voraussetzung für eine Jazz-Geschichtsschreibung, die mit John Coltrane Anfang der sechziger Jahre endet und mit dem Auftauchen von Wynton Marsalis in den Achtzigern wieder ansetzt (Marsalis schreckt im Übrigen nicht davor zurück, sich selbst ein eigenes Kapitel im Film widmen zu lassen). Würde Europa existieren, müsste er nicht nur Musiker wie Albert Mangelsdorff, Jan Garbarek, Louis Sclavis oder Evan Parker erwähnen, die skandinavischen Lyriker, die französische folklore imaginaire, den Wiener Weg oder deutsche Remixer, er müsste auch eingestehen, dass die amerikanische Marsalis-Variante das Klonen des Jazz mit anderen Mitteln ist, feststellen, dass Europa gähnt, wenn der Museumsdirektor aufspielt.
Die Jazzwelt ist gespalten - wie immer. Ohnehin ständig von Balkanisierung bedroht und von Grabenkämpfen durchzogen, hat Marsalis mit der Jazz-Dokumentarfilmserie, die auch als Videokassetten zu kaufen ist, als Buch und 22-CD-Anthologie, endgültig jenes Repertoire umrissen, das in amerikanischen Schulen, Universitäten und Bildungshaushalten den Kanon festschreiben wird. Mit seiner Lincoln-Center-Big-Band geht er auf Tournee, interpretiert Armstrong, Ellington, Mingus oder Monk und gönnt sich inzwischen generöse Gesten: "Ach, wissen Sie, Musiker spielen natürlich noch an vielen Orten Jazz oder jazzverwandte Musik. Mir ist wichtig zu sagen, dass wir nicht gegen diese Leute sind. Selbst wenn ich persönlich eine Musik nicht mag, die jemand spielt, finde ich, dass sie gespielt werden soll. Jeder Musiker soll einen Ort finden, wo er seine Musik spielen kann" (NZZ). Danke.
Routiniert, belanglos und untadelig klingen die letzten Aufnahmen des 39-jährigen Marsalis. Es ist die Tragik eines Siegers, der nun als Trompeter einem Ton hinterherläuft, der 1988 bei The Majesty Of The Blues noch ein Versprechen war und dessen Persönlichkeit ihm auf seinen musikalischen Museumsführungen abhanden kam. Es ist der Pyrrhussieg einer heilig gesprochenen Jazztradition, die in subventionierten Feiern jederzeit als Konserve aufgewärmt werden kann. Gold für Amerika mit seiner Mischung aus Sendungsbewusstsein und Menschlichkeit, dieser Sehnsucht nach dem Wahren, Schönen und Guten im Jazz, der Erlösung durch Swing und der Rückkehr ins gelobte Land der Popularität, des Erfolgs und der hohen Verkaufszahlen. Was ist falsch daran? Als Kurator wird man Marsalis einst gedenken, nicht als Musiker.
Wynton Marsalis gastiert in Düsseldorf (24. 2.), Baden-Baden (25. 2.), Hamburg (27. 2.), München (1. 3.), Frankfurt a. M. (9. 3.)
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