»Ich bin an einem Zaun aufgewachsen. Dahinter begann die Wildnis, die bis zum Nordpol reichte. Das ist keine Metapher«

Der kanadische Schriftsteller Douglas Coupland, 39, erfand Anfang der neunzigerJahre den Namen für eine Generation unpolitischer Langweiler: »Generation X«. Sein neuer Roman heißt »Miss Wyoming« und spielt im B-Hollywood der Halbprominenten. Das Buch erscheint im März auf Deutsch. In der letzten März-Woche wird Coupland eine Lesereise durch Deutschland machen. Ab 21. März sind im Westwerk in Hamburg einige seiner Collagen zu sehen - Coupland hat eigentlich Bildhauerei und Design studiert

»Ich bin an einem Zaun aufgewachsen. Dahinter begann die Wildnis, die bis zum Nordpol reichte. Das ist keine Metapher«

Als meine Nichte vor zweieinhalb Jahren geboren wurde, fehlte ihr die linke Hand. Unsere Familie lebt an der Nordküste von Vancouver, wo es eine statistische Häufung von Missbildungen bei Neugeborenen - deformierte Hände und Arme - gibt. Diese Erhöhung ist deutlich und kaum zu bestreiten. Die Behörden fanden sie trotzdem nicht erheblich genug, um eine Untersuchung einzuleiten. Der Grund für die Missbildungen ist bis heute ungeklärt.

Nach der Geburt meiner Nichte begann für meine Familie eine besondere Form der Trauer: Wir trauerten um eine Hand, von der wir neun Monate lang geglaubt hatten, dass es sie gibt. Wir konnten nicht anders, als daran zu denken, wie grausam Menschen sein können, und uns den Spott und die Spitznamen vorzustellen, die sie ihr Leben lang würde aushalten müssen. Wir überlegten uns, was sie zu ihrer Highschool-Abschlussfeier tragen würde. Ein langärmliges Kleid? Und wenn die anderen Mädchen schulterfreie Kleider tragen würden? Es klingt vielleicht oberflächlich, aber eigentlich ging es darum, sich damit abzufinden, dass das Leben für dieses kleine Wesen nie so sein würde, wie für andere Mädchen. Es ist ein Kreislauf aus Sorge und Angst. Man fängt an, eifersüchtig zu werden auf die anderen Kinder, die mit beiden Händen auf die Welt kommen - und fühlt sich schrecklich, dass man so etwas überhaupt denkt.

Das einzig Gute daran ist vielleicht, dass wir als Familie enger zusammengerückt sind. Andere Probleme haben sich relativiert. Aber wir spüren auch, dass an der Nordküste etwas passiert sein muss, das schuld daran ist. Irgendwo gibt es einen Grund. Eine Häufung ist eine Häufung. In Deutschland gab es einmal ein Medikament namens Contergan, das ähnliche Missbildungen verursacht hat. Damals war die Ursache klar. Die Ursache heutzutage ist die Welt.

Seit der Geburt meiner Nichte sehe ich die Welt mit anderen Augen. An den Straßenrändern von North Vancouver sehe ich statt Wiesen und Bäumen jetzt Männer von der Straßenbaubehörde, die Herbizide sprühen. Ich laufe herum und rieche plötzlich brennendes Styropor, und mich beschleicht eine Furcht, die erst aufhört in dem Moment, in dem ich den Brandherd lokalisieren kann. Ein Auto rollt im Leerlauf die Straße hinunter, und in meiner Fantasie schmilzt die Antarktis bereits zu Leitungswasser zusammen. Diese eigenartigen Vitamine, die jeder nimmt, Hände voller Kapseln und Pillen und Gel-Dinger, die den Körper sättigen und seine Zellen korrumpieren. Was denken sich die Leute eigentlich? Mit einer Pille nehmen sie mehr Chromium zu sich als ihre Vorfahren in ihrem ganzen Leben. Die modernen Menschen scheinen ihr alltägliches Handeln nicht mit den langfristigen Folgen in Verbindung zu bringen.

Mein Traum wäre, eine philosophische Vorstellung zu entwickeln, mit der die kurze Lebensdauer eines Menschen mit den Konsequenzen dieses Lebens für die Zukunft verknüpft wird. Mit Zeigefinger und Torten-Diagrammen geht das nicht. Die Bevölkerung an ihre soziale Verantwortung zu erinnern funktioniert auch nicht. Es scheint überhaupt nichts zu funktionieren, und das hat damit zu tun, dass unser Wertesystem auf der Idee basiert, dass man nach dem Leben in eine andere Zeit eintritt. Wenn man es erst in die »Ewigkeit« geschafft hat, spielt die Welt keine Rolle mehr. Ich träume davon, dass die Menschen sich die Zukunft und die Ewigkeit nicht mehr als zwei völlig unterschiedliche Reiche vorstellen. Man käme dann nicht mehr so leicht davon. Wer auch immer für die teratogenen, also Missbildungen erzeugenden Substanzen im Ökosystem von North Vancouver verantwortlich ist, kann dann nicht einfach sterben und ins Jenseits verschwinden. In meinem Traum würden die Taten eines Menschen auf der Erde nach dem Tod an seiner Seele kleben bleiben: der alternde Industriekapitän, dem sein Verhalten egal ist, weil er sowieso bald sterben wird und die Konsequenzen seines Handelns nicht mehr mit ansehen muss. Die Soldaten, die beim Rückzug noch Ölquellen in Brand setzen: Es ist viel zu einfach, den Tod als Flucht vor den Problemen der Welt zu benutzen.

Wenn Sie nicht an ein Leben nach dem Tod glauben, würde dieses Verschmelzen von Zeitzonen nichts verändern. Die meisten großen Religionen haben keine ökologische Dimension. Vielleicht wäre das sogar das Ende der organisierten Religionen. Es ist leichter, an eine Apokalypse zu glauben, als damit aufzuhören, Fehler zu machen.

Meine Eltern haben mich und meine Brüder undogmatisch erzogen. Ich bin sehr weltlich aufgewachsen und sehr naturnah, fast schon klischeehaft. Ich bin auf einer Militärbasis in Deutschland geboren, und nachdem mein Vater aus der Armee ausgeschieden war und wir zurück nach Kanada gingen, kaufte er sich ein Wasserflugzeug, mit dem er uns jedes Wochenende durch ganz British Columbia, Yukon und Alaska geschleppt hat. Zwischen November und April fuhren wir jeden Tag Ski. Meine Grundschule lag direkt oberhalb einer Laichstelle für Lachse. Die Jugendlichen trafen sich dort, so wie man sich in New Jersey in einer Shopping-Mall trifft. An meiner Highschool wurde über die Holzindustrie und die Reinheit des Wassers diskutiert und seine Auswirkung auf die Lachse. In dem theologischen Vakuum meiner Jugend wurden ökologische Themen extrem wichtig.

Ich bin an einem Zaun aufgewachsen. Dahinter begann die Wildnis, die bis zum Nordpol reichte. Das ist keine Metapher - ich bin tatsächlich genau an der Grenze aufgewachsen, wo die Zivilisation zu Ende ist und das Gegenteil davon anfängt. Wenn wir also über die Abholzung diskutierten, wussten wir sehr genau, was es bedeutete, einen Wald zu verlieren.

Trotzdem sind die Grünen keine starke politische Kraft hier - ich weiß nicht, warum das so ist. Vielleicht, weil es so schwer ist, den Feind überhaupt zu benennen. Das ist das Problem der Holzfäller, die nicht wissen, ob sie den Umweltschützern die Schuld an der steigenden Arbeitslosigkeit geben sollen, und so geht es umgekehrt den Umweltschützern: Der Feind ist überall und nirgends. Wenn es möglich wäre, unsere Vorstellungen vom Jenseits und von der Zukunft zu verschmelzen, dann würde es keine Umweltkriminellen mehr geben. Und ich würde das Leben meiner Nichte aus dem Jenseits oder der Zukunft beobachten können: Wenn sie so alt ist, wie ich es jetzt bin, werde ich entweder tot sein oder 77 Jahre alt. Im Moment ist sie ein charmantes kleines Mädchen, der es das größte Vergnügen bereitet, imaginäre Teetassen zu servieren und im Park neue Hunde kennen zu lernen.

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  • Von Heike Faller (Aufzeichnung)
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