M U S I K Geheimere Welten
Claudio Abbado tritt sanft auf, setzt sich aber präzise durch. Die Berliner Philharmoniker leitet er seit 1989. Nie war er sich so einig mit dem Orchester wie jetzt. Abbados Berliner Ära steht musikalisch im Zenit
Im langsamen Satz von Beethovens viertem Klavierkonzert, Andante con moto, kann man den Urkünstler Orpheus hören, wie er die finsteren Mächte der Unterwelt besänftigt. So hat sich zumindest Robert Schumann, der Romantiker, die 72 Takte vorgestellt. Harsch und feindselig, in bedrohlicher Einstimmigkeit setzt das Orchester ein, und der Klaviersolist antwortet ganz leise, ruhig und bestimmt mit einer anrührenden, fein ausgesponnenen Melodie. Das Wechselspiel wiederholt sich, es entsteht ein spannungsgeladener Dialog: hier die rüde Abweisung, dort die sanfte, unbeirrbare Gegenrede. Bis der Widerstand des Orchesters schwindet. Die dreinfahrenden Gesten werden kürzer, schwächen sich ab, klingen aus in einem milden Pianissimo. Ein magisch schöner Übergang führt Orchester und Soloinstrument zusammen zu einem in Harmonie schier überfließenden Rondo.
Die Beethoven-Experten haben aus diesem langsamen Satz das Wirken von Kants kategorischem Imperativ herausgehört, die moralische Kraft des aufgeklärten Individuums, den läuternden Einspruch des Einzelnen gegen die Grobheiten der Gesellschaft. Das Besondere aber ist, dass die Überzeugungskraft ganz aus dem Leisen erwächst, aus dem behutsam Insistierenden, mit dem man in der Musik so unendlich viel bewirken kann.
Claudio Abbado und die Berliner Philharmoniker haben gerade mit rauschendem Erfolg in Rom und Wien einen Beethoven-Zyklus gegeben mit allen neun Symphonien und den fünf Klavierkonzerten. Und die Stimme, die aus dem Andante con moto des vierten Klavierkonzerts spricht, trifft sehr viel von dem, was Abbados Selbstverständnis und Erfolgsrezept als Musiker ausmacht: Er gehört zum sanft argumentierenden Typus der Dirigentenzunft. Er schöpft seine Durchsetzungskraft aus der leisen Unbeirrbarkeit und vertraut dabei auf den mündigen Musiker im Orchesterkollektiv.
Abbado ist der Antityp eines Pultdespoten, und seine behutsam überredende Art hat gesiegt: Wie Beethoven sein Stück in eine harmonische, gelöste Rondo-Atmosphäre münden lässt, so haben seit einiger Zeit auch die Berliner Philharmoniker und ihr Chefdirigent zu einer traumseligen Übereinkunft gefunden. Alle unterschwelligen Spannungen scheinen gelöst. In jedem Konzert kann man hören, wie unbedingt das gemeinsame Kunstwollen ist, wie nahe sich Dirigent und Musiker sind, wie intensiv sie aufeinander eingehen. An der Philharmonie werden jetzt die Früchte der zwölfjährigen Zusammenarbeit geerntet. Die Berliner Ära Abbado steht musikalisch in ihrem Zenit.
Obwohl sie doch bereits vor zwei Jahren ihren entscheidenden Knacks erhalten hat. Da gab der Chefdirigent aus heiterem Himmel bekannt, dass er sich vom begehrtesten Posten des klassischen Musikbetriebs wieder verabschieden und seinen im Jahr 2002 auslaufenden Vertrag nicht mehr verlängern werde - mit der Begründung, er wolle mehr Zeit für sich selbst haben, zum Lesen oder fürs Segeln. Eine Entscheidung, die verstört hat. Bis heute hat Abbado sich nicht in sein Herz blicken lassen, ob der Entschluss nicht auch Ausdruck einer Entfremdung vom Orchester war. Viele befürchteten, dass sich nach der Rückzugsankündigung die letzen vier Jahre nur noch als ein bleierner Abschied auf Raten hinziehen würden. Aber das Gegenteil ist geschehen: Die Zusammenarbeit zwischen Abbado und seinem Orchester hat kontinuierlich an Intensität und Ausdrucksdichte gewonnen, als könne man die überschaubare, verbleibende Zeit nun unbelasteter nutzen, als setze das näher rückende Ende zusätzliche Konzentration und Kräfte frei.
Seine wortkargen Proben sind Legende
Der gemeinsame Tristan vor zwei Jahren bei den Salzburger Osterfestspielen (Abbado hatte zuvor mit einer einzigen Lohengrin-Ausnahme jahrzehntelang um Wagner einen großen Bogen gemacht) geriet in seiner reifen und suggestiv-tiefgründigen Ausdeutung zu einer neuen Qualitätsebene des musikalischen Zusammenwirkens. Der neue komplette Zyklus der Beethoven-Symphonien ist ausgereift und bezwingend bis in den letzten Übergang hinein durchgearbeitet. Die Aufführung des Verdi-Requiems vor vier Wochen in der Philharmonie war ein ergreifendes Ereignis.
Gewiss mag da auch eine Rolle spielen, dass Abbado im vergangenen Jahr plötzlich krank wurde, sich einer schweren Operation unterziehen musste, nicht mehr dirigieren konnte und erst jetzt wieder ans Pult zurückgekehrt ist. Musik und Leben liegen viel zu nahe beieinander, als dass so ein Einschnitt ohne Folgen für die Kunst bliebe. Beängstigend schmal und zerbrechlich wirkt der 67-Jährige, wenn er jetzt wieder die Bühne betritt, aber sein Schritt und seine Bewegungen sind energischer geworden, Zeichen einer großen inneren Motivation. Die beste Medizin für ihn sei es, Musik zu machen, sagt er. Und seinen Interpretationen wächst unüberhörbar eine existenzielle Dringlichkeit zu.
Da geht nichts mehr - wie früher hin und wieder - nur schön und halb spannend dahin. Da ist immer eine zupackende Kraft zu spüren, die die Philharmoniker instinktiv aufgreifen und in Klang umsetzen. So hat Abbado auch das Verdi-Requiem in die Philharmonie gewuchtet: mit einer geradezu schmerzenden Konturenschärfe, mit Unerbittlichkeit im apokalyptischen "Dies-Irae"-Gewitter und ätherischer Klarheit in den innigen Hoffnungs- und Tröstungsszenarien.
Verdis Totenmessen-Theatralik lässt den Zuhörer auch in schwächeren Aufführungen immer ein wenig fröstelnd und weltverloren im Parkettsitz zurück, aber die Wirkung von Abbados Deutung war außerordentlich. Ein Großteil des Publikums wollte den Ort der Aufführung einfach nicht verlassen, applaudierte weiter, als Chor und Orchester schon lange weg waren, als gelte es, schon von Abbado Abschied zu nehmen. Am Ende erschien nur noch, verlegen dämlich winkend, das Sängerquartett Angela Gheorghiu, Roberto Alagna, Daniela Barcellona und Julian Konstantinov auf der leeren Bühne, um sich zu bedanken. Abbado fehlte.
Wer sich für die Musik eines Interpreten interessiert, will auch etwas über den Menschen erfahren, über sein künstlerisches Selbstverständnis, seine inneren Konflikte, seine Obsessionen. Bei Claudio Abbado kommt man da nicht weit. Er legt, wenn er nicht dirigiert, sein Herz nicht offen auf den Tisch. Er hält keine feurigen Reden über Musik. Die in Klang zu verwandelnde Partitur ist für ihn das eine, das Sprechen darüber etwas ganz anderes. Was ihn an einem Komponisten wirklich fesselt, worauf es ihm in einem bestimmten Stück tatsächlich ankommt, kann er mit Worten nicht kommunizieren. Oder will es nicht. Interviews mit ihm führen (fast) nie zu einem Punkt, an dem es richtig spannend wird. Seine wortkargen Proben sind Legende. Sie wirken, als klimpere er immer nur mit dem Kleingeld der Kunst: "Takt 50, die zweiten Geigen etwas deutlicher." In ganz großen Scheinen gibt er nur abends im Konzert heraus. Dann erst wird er zu einer charismatischen Figur. Organisch fließend sind seine Bewegungen beim Dirigieren. Elegant und ökonomisch ist der Schlag der rechten Hand. Die linke, zurückhaltend eingesetzt, beschreibt behutsame Wellenformen und romanische Bögen. Die imperiale Geste ist ihm fremd. Um Ausdruck bittend, allenfalls mit der offenen Hand fordernd, führt er durch die Partitur - und scheint in der Musik zu verschwinden.
Was freilich nicht heißt, dass es für ihn nur die Musik gibt. Abbado ist ein italienischer Intellektueller, hoch gebildet, literarisch vielfältig interessiert. Mit seinen Freunden Luigi Nono und Mauricio Pollini war er in den siebziger Jahren auch politisch engagiert. Seine monothematisch ausgerichteten und über die Musik hinausweisenden philharmonischen Saisonprogramme (Prometheus, Faust et cetera) sind der Versuch, dem bürgerlichen Bildungsanspruch Rechnung zu tragen. Richtig gezündet aber haben diese dramaturgisch ertüftelten Projekte in der Hauptstadt nicht. Auch das ist letztlich eine offene Frage: Ob der Mailänder Feingeist wirklich eine Beziehung zum hemdsärmeligen Berlin entwickelt hat? Ob ihm die Stadt tatsächlich ans Herz gewachsen ist? Ein bisschen bezweifeln darf man es. Abbado, die Sphinx.
In seinem berühmten Streichquartett Fragmente-Stille, An Diotima hat Luigi Nono, einstiger Weggefährte Abbados, verschwiegene Botschaften in die Partiturseiten geschrieben - Zitatfragmente aus Hölderlin-Gedichten wie "... geheimere Welt ... allein ... seliges Angesich ...", von denen der Hörer während der Aufführung nichts erfährt. Sie öffnen der Komposition einen nur gedanklichen Raum, jenseits des Erklingenden. Von ähnlich numinosen inneren Kräften (die keiner wirklich kennt) scheint auch Abbados Musizieren angetrieben. Wie Nono ist er ein Sensualist, der sich dafür verzehrt, die Wahrnehmungsfähigkeit des Hörens zu erweitern und zu verfeinern, die empfindsame menschliche Seele als Utopie vor Augen. Bestimmt kein Zufall ist es auch, dass Abbado den 1987 verstorbenen russischen Filmemacher Andrej Tarkowskij sehr verehrte, den Apologeten eines mystizistischen Grenzgängertums, für den die Kamera ein träumendes Auge war, Seelenverwandtschaft auch hier.
Ist das womöglich alles ein bisschen hoch gegriffen? Schließlich hat es unter Abbado auch Konzerte in Berlin und Salzburg gegeben, die auf hohem Niveau unverbindlich blieben. Das philharmonische Repertoire hat sich seit seinem Amtsantritt alles in allem nicht entscheidend vom Mainstream anderer Abonnementreihen wegbewegt, und seine Offenheit für die zeitgenössische Musik hat sich auf eher wenige, klar abgegrenzte Projekte beschränkt.
So konsequent wie Nono hat Abbado den klassischen Musikbetrieb mit all seinen Sachzwängen und Kompromissen nie infrage gestellt. Gleichwohl hat er sich vom eitlen Markt der Stars immer entschiedener abgewandt. Als ihn die Philharmoniker 1989 zum Nachfolger Herbert von Karajans wählten, sahen manche in ihm schon den zukünftig mächtigsten, an vielen Schaltstellen aktiven Dirigenten der Welt. Aber dafür hat Abbado ein viel zu gebrochenes Verhältnis zur Macht. In Berlin hat er sich auf das Wesentliche konzentriert - die Arbeit mit seinen Philharmonikern und gelegentliche Ausflüge zu den von ihm immer geliebten Jugendorchestern.
Das gerade vollendete Prestigeprojekt seiner bisherigen Berliner Arbeit sind die neun Beethoven-Symphonien, die vor Weihnachten als CD-Produktion auf den Markt gekommen sind. Nach einem Beethoven-Zyklus gieren nach wie vor alle Orchester von Rang wie die großen Opernhäuser nach Richard Wagners Ring des Nibelungen, als ob sich nur mit dem Allerheiligsten des klassisch-symphonischen Repertoires der Nachweis interpretatorischer Größe erbringen ließe. Dabei sind die Claims gerade bei Beethoven ästhetisch und kommerziell mehr denn je abgesteckt. Die Protagonisten der historischen Aufführungspraxis, allen voran Nikolaus Harnoncourt und John Eliot Gardiner, haben die Erfolgsprodukte der letzten Dekade geliefert. Darüber hinaus wirken die Maßstab setzenden Positionen der ehrwürdigen Beethoven-Interpreten des 20. Jahrhunderts Toscanini, Furtwängler oder Scherchen/Leibowitz ästhetisch weiter fort. Grundstürzend Neues scheint da vorerst kaum mehr über die Musikwelt hereinzubrechen.
Beethoven mit der hohen Kunst des Legato
Darum ging es Abbado, dem spektakulär Unspektakulären, sowieso nicht. Akribisch hat er sich in die Partituren vertieft und auf der Grundlage der neuen quellenkritischen Jonathan-Del-Mar-Ausgabe nach einer eigenen Lösung für seinen Beethoven mit den Berliner Philharmonikern gesucht. Die Besetzung hat er, im Vergleich zu dem alten großorchestralen Karajan-Sound, behutsam verkleinert. Seine Tempi sind insgesamt viel forscher und vorantreibender, als er sie früher wählte. Die Temporelationen innerhalb der Sätze und Symphonien sind wunderbar stimmig ausbalanciert.
Früher klang Abbados Beethoven gemäßigt, schön und ein bisschen leidenschaftsarm. Man fragte sich, ob der große Melodiker, der so einnehmend Brahms, Mahler und Verdi zu dirigieren versteht, überhaupt der richtige Interpret für Beethoven sei. Jetzt klingen die Symphonien erfüllt in jedem Ton, beeindruckend vor allem durch Abbados hohe Legato-Kunst. Nicht der weltanschauliche Diskurs interessiert ihn in erster Linie an Beethoven, sondern die konkreten Fragen des Klangs, der Farben, der dramatischen Entwicklung.
Alles Appellative, das Menschheitsversöhnungspathos der Neunten oder der emanzipatorisch geladene Ton in der Fünften, bleibt in seinen Interpretationen eher abgeblendet, obwohl die Philharmoniker jetzt viel dezidierter als in früheren Aufführungen ihre Impulsstärke, ihren berühmten Nachdruck im Streicherklang ausspielen können. Grell aufrührerisch ist Abbados Beethoven jedoch immer noch nicht. Die visionäre Kraft der lyrisch entrückten Sphären, der Beethoven der "Mir ist so wunderbar"-Atmosphäre aus dem Fidelio, liegen ihm näher als das Freiheitsrumoren. Bei der Konzertreihe in Rom geriet ihm deshalb in der Neunten auch der dritte Satz, das Adagio molto e cantabile, (und weniger der Schlusschor) zum utopisch leuchtenden Zentrum der Symphonie. Hell und warm ist der Lichteinfall. Vom dolce der Kantilenen kann Abbado nicht genug bekommen. Traumhaft schön ist auch seine Pastorale: Samten im Klang lässt er sie vorüberziehen, wundermild in den Holzbläserpassagen, ein Erblühen und Dahinströmen in berückender Empfindsamkeit.
Das Publikum reagierte tief berührt. Und die nächsten Abbado-Projekte klingen wie ein Versprechen: Bei den Salzburger Osterfestspielen wird er Falstaff dirigieren. Den Parsifal bereitet er schon für das nächste Jahr vor und weitere Konzerte, Konzerte, Konzerte. Vom Dirigentenpult, so scheint es, hängt sein Leben ab.
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