L I T E R A T U R Weinen, bluten, rasen
Ein unglaublicher Fund: 100 klassische amerikanische Poetenstimmen auf CD
Magisch raunt Ezra Pound seinen Canto, uralt und mit gebrochenem Klang. Am rettenden Zeilenende zieht er den Ton mechanisch hoch, um dann in dunkel verschlüsselten Zeilen weiterzuschwingen. Es ist die Stimme eines Mannes aus dem St. Elizabeth's Hospital für geistesgestörte Kriminelle in Washington, wo man ihn zwischen 1945 und 1958 als Sympathisanten des Faschismus verwahrt. Vom Flur, von draußen, dringen Rufe und Schreie, die die klaustrophobische Enge mit ihren raschelnd umgeblätterten Seiten noch greifbarer machen. Die Weite dieser endlosen, freien Verse im Spiegel der Gebrochenheit dieser Stimme - hört man das alles wirklich? Oder nur, weil man es weiß?
CD 2, Titel 23 bis 25 umfassen 14 Minuten Ezra Pound, ein Hundertstel Lyrik einer Anthologie mit dem Titel Spoken Arts Treasury, die 14 CDs enthält, oder anders ausgedrückt 893 Minuten mit 100 American Poets Reading Their Poems. Man muss diese Zahlen und das Gigantische des ganzen Projekts schnell hinter sich bringen, um wieder zu den Dichterinnen und Dichtern zu kommen, weg vom erdrückenden Umfang dieses Projekts zum befreienden Augenblick des Gedichts.
This is the house of Bedlam / this is the man that lies in the house of Bedlam / this is the time of the tragic man that lies in the house of Bedlam / this is the wristwatch telling the time of the talkative man that lies ... Als Elizabeth Bishop nach einem Besuch bei Ezra Pound ihr Gedicht Visits To St. Elizabeth's schreibt, öffnet sie mit jeder erweiterten Wiederholung ihres Das ist der Turm der Narren eine Tür zum poetischen Verständnis eines Mannes, der als Person - in seiner Verbindung aus politischer Verblendung und visionärer Dichtung - selbst zu einer Metapher wurde. Sachlich, als ob sie das Gedicht einer anderen spreche, liest Elizabeth Bishop ihre Version des alten englischen Kinderreims This is the house that Jack built, verspricht sich, es scheint sie nicht zu rühren.
"Zu gut, um irgendwo anzukommen", schrieb T. S. Eliot über diese kühl wirkende Dichterin (1911-1979), die ihr Leben lang von der kalten Schönheit des Meeres gefangen ist, die zwischen Neuschottland und Brasilien hin- und hergezogen ist. Wenn sie ihr berühmtes Gedicht The Fish liest, vibriert ihre Stimme in dieser Spannung aus unterschwelliger Faszination für jenen Fisch, ihr Ebenbild, und der sachlichen, imagistischen Beschreibung. Noch einmal gefragt: Ist das zu hören, oder weiß man um ihre bittere Biografie, mit einem Vater, der stirbt, als sie fünf Monate alt ist, der Mutter, die in der Nervenheilanstalt verschwindet, dem Alkoholismus, der sie zeitlebens begleitet, ihrer Wohlhabenheit und dem Bild der arroganten Intellektuellen, wie sie von Mary McCarthy in ihrem Roman The Group porträtiert wurde?
Spricht ein Schauspieler Literatur, mag man über Zwischentöne streiten, über Tempi oder Tonfälle, spricht der Autor, geraten Welten aus Papier ins Wanken. Hätte man diese braven Betonungen mit John Updike in Verbindung gebracht, mit Sylvia Plath das leicht Arrogante - Schauspielerin ihrer eigenen Gedichte -, mit Anne Sexton das fast bemüht Dramatische? Oder lässt sich die Verunsicherung des eigenen festgefahrenen Bildes vom Autor schnurstracks umdrehen? Um darin jenen Selbstschutz des Privaten (Gedichts) im Öffentlichen (Raum) herauszuhören? Klingen dafür andere - umgekehrter Triumph des Vorurteils - nicht so, wie man sie im inneren Ohr schon immer gehört hatte: T. S. Eliot mit seinem distanzierten Duktus und den singenden Hebungen, den Predigerton von Robinson Jeffers, die kehlig hauchende Stimme von Marianne Moore?
Die Magie, die den Dichter zum Sänger macht
Wenn der Dichter spricht, bricht das alte Mysterium auf, das ihn als Sprachrohr des in der Tiefe Verborgenen, wenn nicht sogar der Wahrheit, wenn nicht gar Gottes sieht. Säkularisiert bleibt zumindest jene Vorstellung von Walt Whitmans dichtendem Weltschöpfer, der sich offen hält, zu dem die Dinge kommen und aus dem die Dinge verwandelt sprechen. "Schneide diese Sätze, und sie werden bluten", schrieb Ralph Waldo Emerson Mitte des 19. Jahrhunderts, und Whitman sog die Gleichsetzung von Mensch und Werk, von Leben und Dichtung, von Körper und Seele wie Muttermilch auf. Es ist jener neue american way of poetry, der nicht nur die Form des Dichtens mit ihrer Umgangssprache, den freien Versen und seiner Alltagspragmatik bestimmt, sondern auch die Beziehung des Körpers zur Kunst. Der Atem, die Stimme, die Bewegung, der Rhythmus des Herzens bedingen den Ton des dichtenden Sprechens. Was Walt Whitman (dessen einzig überliefertes - in seiner Authentizität allerdings umstrittenes - Tonfragment von 1890 hier fehlt) in den Notebooks fordert, darf als amerikanische Maxime bis zu den Beatniks oder den Poetry Slams unserer Tage gelten: "Der vollkommene Autor würde die Worte dazu bringen, zu singen, zu tanzen, zu küssen, dazu, den männlichen und weiblichen Geschlechtsakt zu vollziehen, Kinder zu kriegen, zu weinen, zu bluten, zu rasen ..."
Die Gelegenheit, dem Sprechen beim Dichten zuzuhören, findet sich - und dies mag ein Nachteil der Anthologie sein - nur selten. Meist ist es Lesen vom Papier (in "Atelieraufnahmen", Walter Höllerer), der Schöpfungsakt als Performance bleibt die Ausnahme. Natürlich stehen dabei die Dichter der Beatgeneration im Vordergrund, natürlich Ferlinghetti mit der Musik von Telemann, natürlich Allen Ginsberg, mit lautmalerischem Klick und Summ zum Switchen der Fernsehsender, mit wimmelnden Würmern am Ohr des Dr. Einstein, mit Singsang zu den Dingen, zum Pflasterspalt, zu Monk im Five Spot, zur Blume im Bach. Und wenn er mitten im Who Be Kind To die Freundlichkeit des neuen Menschen zu sich selbst besingt und sie mit leiser Resignation - "a dream, a dream - im Ton relativiert, leuchtet etwas von jener Magie auf, die den Dichter zum Sänger macht. Kein Gedichtband kann diese neun Minuten erklären.
Frank O'Hara hätte man sich daran anschließend gewünscht oder Jack Kerouac oder William Burroughs - sie fehlen, wie all die anderen, die einem gelegentlich in Erinnerung kommen. Doch die übliche, belesene Rezensentenklage, wer hier fälschlicherweise aufgenommen wurde und wer da wen vermisst, geht hier ins Leere beziehungsweise in die Vergangenheit. Die vom Hörverlag editierte Luxuskassette ist eine Neuauflage der 1970 in New York erschienenen Schatzkiste The Spoken Arts Treasury, damals als Kassettenkoffer veröffentlicht. Von der Hörverlag-Herausgeberin Claudia Baumhöver in einem Antiquariat in Berlin entdeckt - dramaturgisch korrekt war sie vor einem Regenschauer dorthin geflüchtet - und nun als 14-CD-Fassung samt neu verfasstem Beibuch verlegt. 1956 hatte Arthur Luce Klein zusammen mit seiner französischen Frau einen Verlag für Tonaufnahmen der bedeutendsten Werke der Literatur, der Lyrik und des Theaters gegründet, diese Anthologie wurde zu ihrem ehrgeizigsten Projekt. "Wir haben in den Archiven so weit in der Zeit zurückgegriffen, wie es uns möglich war, und die Lebenden in unsere Aufnahmestudios geholt", schrieb Arthur Luce Klein, der 1997 starb, in seiner Einleitung und erklärte damit die wechselnde klangliche wie dichterische Qualität. 1868 lautet das Geburtsdatum des ersten aufgenommenen Dichters, 1968 war das Erscheinungsdatum des letzten vorgestellten Gedichts.
Ding und Mensch statt Metapher und Menschheit
Die Wahl des Hörens wird zufällig sein: vielleicht beginnt man mit dem von Gefühl bebenden Delmore Schwartz, dem poetischen Lehrer von Lou Reed und Vorbild für Saul Bellows Humboldt's Gift, hört dann Kenneth Patchen mit seinem fransigen dunklen Ton, der selbst schwierige Bilder süffig macht, danach den eleganten Langston Hughes, den schwer schnaufenden Conrad Aiken - endlos. Man wird zum Sucher nach Gedichten und ihren Geschichten, und am Ende ist nicht mehr zu trennen, was man hört und was man wusste.
"Nichts veraltet so schnell wie eine Anthologie", bemerkt Raoul Schrott in der Einführung zur Neuausgabe und bestätigt der vorliegenden - zu Recht, "dass wirklich kaum eine literarische Größe fehlt". Ob die Dichter der Südstaaten oder des Mittleren Westens mit ihrer nachträglichen poetischen Landnahme Amerikas, ob Chicago-Renaissance, Klassizisten oder die europäisch infizierten Symbolisten - die Kassette ist ein Steinbruch von Stimmen, die sich hinter Ironie verstecken, sich zu heilen oder die Natur zu retten versuchen oder bloß auf einen Tisch hinweisen, den keiner bemerkt.
Ob es so etwas wie eine spezifisch amerikanische Poesie gebe, hatte einst Hans Magnus Enzensberger gefragt und sich - wie gewohnt - gleich selbst geantwortet: "Der Landarzt William Carlos Williams ... hat diese Frage für alle Zukunft entschieden." Die Antwort berührt nicht allein das Schreiben, sie ist zu hören. In enger Nachbarschaft zu den Dingen lebt diese amerikanische Poesie, in jenen Worten, die der Umgangssprache so nahe und dem Slang und der Literatursprache so fern sind, in einem Sprachduktus, der sich der Wirklichkeit nähert, indem er sie neu benennt. "Keine Ideen außer in Dingen" lautet die literarische Westernregel von Williams, eiserner Grundsatz amerikanischer Poesiepioniere, die zu Hause blieben und nicht in Europa ihr poetisches Glück suchten: Dinge und Mensch statt Metapher und Menschheit. Die Variationen sind zahlreich - über Whitman, Stevens, Williams, cummings, Moore zu Creeley oder Ginsberg -, und doch zielen sie alle auf eine hörbare Direktheit, die viele Gedichte dieser Anthologie zu Geschichten machen. Unspektakulär - wie erwartet - spricht W. C. Williams beiseite, beinahe bürokratisch formuliert er, weniger souverän, als man vermutete, doch voll untergründiger Energie, die dann überraschend durch die Oberfläche bricht - in einem kurzen Schrei.
Für dich und für mich für meisteleute nicht
"Könnte ein Dichter seinen Gedanken in dessen nackter Pracht ausdrücken, würde er zweifellos einen wilden, fürchterlichen Laut äußern, der (natürlich) keinen möglichen Bezug zur Sprache, angemessen oder unangemessen, hätte." Edward Estlin Cummings, der sich zu e. e. cummings stilisierte, stößt jedes Wort wie einen Luftballon an, lässt ihn schweben, bis er wieder sinkt. Die singende, arrogante Stimme entspricht so sehr seiner elitären Haltung, seinem romantischen Individualismus, dass man beinahe an eine unschickliche Verdoppelung denken könnte. The poems to come / are for you and for me / and are not for / mostpeople. Er überzieht maßlos, jedes Wort ein gesetzter Klang, doch unter allem schwelt dieser fürchterliche Laut. Es ist der zu Papier sublimierte Schrei, der beim Sprechen wieder zum Vorschein kommt und mitschwingt, die Rückverwandlung der Texte in die Person des Dichters, der jede Lesung mit dieser Aura des Bedeutsamen auflädt, ihr eine Eigentlichkeit verleiht, die kein - noch so empfindsamer - Schauspieler leisten kann. "Der Rhythmus eines Menschen muss wesentlich sein, er ist daher letztlich ein Eigenrhythmus, nicht nachgeahmt, nicht nachzuahmen." Erklärt Ezra Pound, und 100 Lexikoneinträge verwandeln sich wieder in Dichter. Sie lassen sich hören und damit berühren.
Nachklang: möglich, sich zu den Kurzporträts im Beibuch der Anthologie die Aufnahmedaten zu wünschen, ein alphabetisches Register dazu oder gar die Texte der Gedichte (ein rechtlich und finanziell vermutlich kaum zu leistender Aufwand). Es wäre zu leicht für den Hörer. Das Projekt The Spoken Arts Treasury ist wie sein Inhalt: unmäßig, unklug, ungeheuer. William Carlos Williams empfiehlt: "Alle Kunst ist sinnlich. Lehnt euch zurück, entspannt euch, laßt sie euch ins Gesicht zischen."
The Spoken Arts Treasury - 100 Modern American Poets Reading Their Poems. Der HörVerlag, München; 14 CDs Laufzeit ca. 890 Min., 320,- DM (limitierte Auflage)
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