Ein großes Buch, ein mächtiges Buch, souverän und selbstbewusst überragt es die landläufige Produktion der Belletristen. Und das ohne allen Ehrgeiz, einen Meilenstein zu setzen in die Literaturgeschichte, also mit neuen, unerhörten Methoden die Grenzen des Erzählbaren nach vorn zu verschieben.

Denn sicher, gelassen bewegt sich der schwedische Altmeister Enquist in der Tradition des historischen Romans. Er lädt sie sogar auf mit älteren, ja archaischen Tönen und Gesten, mit Bibelzitaten, Märchenmotiven, dem feierlichen Klang der nordischen Saga, aber auch mit Opernemphase und Kinoblicken und nutzt zugleich alle Erfahrungen, die er als Grenzgänger zwischen Reportage, Essay, Autobiografie, Fiktion sich erarbeitet hat. Und vor allem: Geschichte erzählt er mit hellwachem politischen Kopf, unermüdlich fragend nach den Möglichkeiten einer Gesellschaft, die alle Grenzen der jeweils gegebenen und vorgefundenen aufsprengt ins Unabsehbare, in Richtung auf Utopie.

Wie lässt sich das alles unterbringen in einer Episode der dänischen Geschichte, drei, vier Jahre lang oder kurz, zwei Jahrzehnte vor der Französischen Revolution? Struensee, ein Deutscher aus Altona bei Hamburg wird 1768 dem labilen, ja geistesgestörten Kindkönig Christian VII.

zugeordnet als Leibarzt. Ein Leibarzt wird er dann eher für die aus England herbeigeheiratete blutjunge Königin Caroline Mathilde und regiert im Machtvakuum des Königreichs als ein einsamer Aufklärer, der mit einer Flut von 632 Verordnungen ein Programm der Vernunft durchzusetzen versucht.

Dass seine Sache wie seine Liebe schon 1782 scheitern werden, mit einem Putsch, Prozess und seiner Hinrichtung, verkündet der Erzähler in seinem ersten Satz. Erzählt wird also gegen den Strom. Es ist, wie im Mythos, alles entschieden, bevor es noch einmal zur Sprache kommt. Programmatisch setzt Enquist ein mit einem Porträt von Struensees Gegenspieler und Exekutor, dem Höfling Guldberg. Dann postiert er die anderen Protagonisten aufs Spielfeld.

Das Tableau des Konflikts ist eingerichtet, das Ende ist klar. Alle Spannung konzentriert sich nun auf das Wie und Warum des Ablaufs.

1769, in Schillers Geburtsjahr, beginnt das dänische Drama sich aufzuladen, und in Umrissen meint man in ihm wiederzuerkennen, was Schiller später als Tragödie eines Aufklärers und der Aufklärung zurückprojizieren wird an den spanischen Hof. Christian also heißt der neue Don Carlos, mehr als nur vage begeistert, nämlich geistig verwirrt, Struensee agiert als sein Marquis Posa, und wieder steigern die verbotene Liebe zu einer Königin und ein Gegenspieler in der kalten Maske der Reaktion den Konflikt in ein altes, unerschöpfliches Muster: Die Maschinerie der politischen Welt stößt zusammen mit dem rebellischen, regellosen Gegenreich eines ungebändigten Glückverlangens.

Solche Eros-contra-Thanatos-Duelle hat Verdi nach Schillerschen Vorlagen komponiert, hat Wagner im Musikdrama ins Metaphysische transzendieren wollen, und auch Enquists Roman baut immer wieder Szenen, Konfrontationen, Seelenspannungen von Opernformat. Auch weil er die Psychologie seiner Figuren nicht ins bürgerlich Filigrane treibt, sondern seine Akteure mit holzschnitzhaften Umrissen kräftig koloriert, auf die Geschichtsbühne stellt.

Sie sind Repräsentanten, die also für etwas stehen und nicht nur für sich, und auch der Erzähler macht kein Hehl daraus, für wen er selbst steht und gegen was, sosehr er sich auch bemüht, die politischen und psychischen Motive der Anti-Struensee-Kamarilla aus dem Inneren der Figuren zu verstehen. Das schafft tödlich klare Fronten. Ein kalter Schatten fällt auf alles Licht, allen Glanz, alle Wärme, die aus dem Zentrum des Romans ausstrahlen, aus dem Körper- und Seelenbündnis zwischen dem Leibarzt und seiner Königin.

Ein Roman, der sich verwandelt in Gedankenmusik

Die Mitspieler der beiden, gnadenlos scharf gezeichnet, sind entweder wölfisch, kalt, fanatisch oder schwach, labil, geborene Verräter oder scheu und klug und sehnsüchtig, aber vorsichtig. Doch diese entschiedene Zeichnung der Figuren lässt sie nicht erstarren, sondern markiert ihre Position im Drama und damit auch ihre Nähe oder Distanz zum Erzähler. Der Leser wird provoziert, diese Personen für sich zu entdecken, sie vollständiger zu imaginieren, als der Roman sie zeigt, und sich ihnen zu stellen mit seinem eigenen Urteil.

Unverkennbar also die Brechtsche Energie in Enquists Erzählverfahren, als Gegenkraft zur heftigen Emotionalisierung seiner Leibesgeschichte und Haupt- und Staatsaktion, dieses ständige Vorzeigen, Hinhalten, Kommentieren der Geschichte und Kombattanten, diese scharfe Mischung aus Moritatengesang und Geschichtslektion. Geht es doch hier um mehr als nur ein trist privates Glück und Unglück, nämlich um das "große Spiel", um das, was durch Politik die Geschichte bewegt, sie springen oder aber erstarren, aufleuchten oder verdämmern lässt. Es geht vor allem darum, was Menschen angeboten oder angetan werden kann in diesen Geschichten, aus denen Geschichte sich zusammenfügt, und zielt, wie fast immer bei Enquist, in letzter Konsequenz auf den Ort der Utopie, und das heißt ja, den Ort einer ortlosen Hoffnung.

Ein ungeheures Pensum, und um es zu inszenieren, bietet Enquist ein reiches Repertoire an Bildmotiven auf, mit denen er seinen Roman immer wieder verwandelt in Gedankenmusik, die Motive variierend, modulierend, repetierend: so den Park als Versöhnung von Wildnis und Kultur, so ein Flötenspiel als tönende Lockung, so die vermuteten Träume, das geheime Innenleben von Tieren und Pflanzen oder, wahrhaft federführend von Anfang bis zum Ende, das Motiv der schwarzen Fackel der Aufklärung, ihr auch dun kles Licht, das nicht nur blenden und reinigen, sondern auch schützen sollte.

Denn der arme kleine König Christian, gebrochen, zerstört durch eine brutale Zurichtung zum Herrscher von Gottes Gnaden, diese zerfallene Personen mit den inneren Stimmen, die erst das Machtvakuum bereitstellt, auch im Schlafzimmer seiner Königin, in dem der Leibarzt sich einrichtet - gerade er stellt immer wieder die bange Frage, ob das Reich der Vernunft auch für ihn und seinesgleichen eingerichtet würde oder nur für Menschen "aus einem Guss". Was human ist, an welcher Grenze der Mensch aufhört, wie er also sich definiert, das hat den Erzähler Enquist immer wieder bewegt. Hier stellt er nun die Foucault-Frage: Wird und muss das Reich der Vernunft nicht alles Nichtrationale und Nichtnormale ausgrenzen? Kann es den Narren, Irren mehr als nur tolerieren?

Der Königsnarr Christian jedenfalls wird von beiden Parteien nur freundlich benutzt, "stillgestellt", auch von den Reformern und Rousseauisten, die doch selbst die Einheit von Gefühl und Vernunft sehr wohl leben und genießen und in ihrem kurzen Sommer der dänischen Anarchie, kurz vor der Katastrophe, die Versöhnung der "harten" mit der "weichen" Aufklärung feiern. Frauen hat Enquist deshalb als selbstbewusst, stark und den Männern überlegen ins Zentrum gerückt, für den Leibarzt die märchenhaft von ihm wachgeküsste Königin, für den zerstörten Christian sogar eine blühend plebejische Hure mit ihrer "gliederlösenden Liebe", wie es im wahlverwandten Dantons Tod von Büchner heißt.

Tatsächlich liest sich Enquists Roman in seiner Endphase wie ein Vorspiel und Nachspiel zum Büchnerschen Revolutionsspektakel. Auch Struensee wird nun befallen von Dantonscher Lähmung, Melancholie und Todesbereitschaft. Was hat er falsch gemacht, wenn sein Scheitern nicht nur Leichtsinn oder historisches Pech war? Hätte er das kalte Spiel seiner Gegner mitspielen müssen? Kannte er überhaupt die dänische Wirklichkeit, die er von weit oben her verändern wollte, die der Unterdrückten, der anonymen Massen? Sie werden ihm, als er aufs Schafott steigt, dreißigtausendfach stumm gaffend diese Frage stellen.

Zu spät.

Nicht für Enquist, der das trostlose Ende nicht beglaubigen möchte als das Ende aller Hoffnungen darauf, dass Geschichte einmal die Geschichte von allen sein könnte und nicht nur die der wenigen auserwählten Spieler und Gegenspieler. "Der Traum von den Möglichkeiten des Menschen", so weiß der Erzähler im Epilog, er lässt sich nicht "abschlagen" wie Struensees Kopf. Und überlässt dann die Hoffnung auf eine ganz andere Zeit den Fantasien des armen irren Christian, der König spielen musste und keiner sein durfte.

Ein mächtiges Buch, ein großes Buch, von Wolfgang Butt bewundernswert übersetzt, und nicht zum ersten Mal reibt man sich nach einer Enquist-Lektüre die Augen und wundert sich über das Stockholmer Nobelpreiskomitee. Das wird bald wieder die Augen schweifen lassen von Polynesien bis Andorra, um einen zweit- oder drittklassigen Lyriker oder hoch verdienten Gaukler als Preiskandidaten zu entdecken. Und beflissen übersehen, wie nah vor Augen einer schreibt, der uns Buch um Buch davon überzeugt, dass es in Literatur nicht nur um Literatur geht - was sich auch der Preisstifter wünschte.

Per Olov Enquist: Der Besuch des Leibarztes

Roman

aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt

Carl Hanser Verlag, München 2001

376 S., 42,- DM