Und dann kam doch der Tag, den sie so ersehnt hatte
Auf Anraten ihres Bruders hatte sie angefangen, sich mit dem Werk des früh berühmt gewordenen Dichters zu befassen. Doch ein Interesse an dem Menschen entstand erst kurz danach, als sie im Haus ihrer Großmutter beim Stöbern auf dem Dachboden Briefe entdeckte, von ebendiesem Dichter - Liebesbriefe an ihre Großmutter!
Diese Entdeckung löste bei ihr ein unbändiges Verlangen aus, diesen Mann persönlich kennen zu lernen. Und da sie sich nicht traute, ihn einfach zu besuchen, ihm aber auch nicht schreiben wollte, schrieb sie seiner Mutter und bekam eine Antwort, durch die sie sich legimitiert fühlte, immerhin zu seiner Mutter zu reisen, zumindest aber dieser nochmals zu schreiben, etwa so:
Ich liege schon eine Weile im Bett und da treibt mich's heraus, daß ich Ihr alles schreib von unserer Reise. - Ich hab Ihr ja geschrieben, daß wir in männlicher Kleidung die Armeen passierten. Gleich vorm Tohr ließ uns der Schwager aussteigen, er wollte sehen, wie uns die Kleidung stehe. Die Lulu sah sehr gut aus, denn sie ist prächtig gewachsen und die Kleidung war sehr passend gemacht
mir aber war alles zu weit und zu lang, als ob ichs auf dem Grempelmarkt erkauft hätte. Der Schwager lachte über mich und sagte, ich sähe wie ein Savoyardenbube aus, ich könnte gute Dienste leisten. Der Kutscher hatte uns vom Weg abgefahren, durch einen Wald, und wie ein Kreuzweg kam, da wußte er nicht, wo hinaus
obschon es nur der Anfang war von der ganzen vier Wochen langen Reise, so hatt ich doch Angst, wir könnten uns verirren und kämen dann zu spät ...
Ich kletterte auf die höchste Tanne und da sah ich bald, wo die Chaussee lag.
Die ganze Reise hab ich auf dem Bock gemacht
- Datum 01.03.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10/2001
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