Und dann kam doch der Tag, den sie so ersehnt hatte
Auf Anraten ihres Bruders hatte sie angefangen, sich mit dem Werk des früh berühmt gewordenen Dichters zu befassen. Doch ein Interesse an dem Menschen entstand erst kurz danach, als sie im Haus ihrer Großmutter beim Stöbern auf dem Dachboden Briefe entdeckte, von ebendiesem Dichter - Liebesbriefe an ihre Großmutter!
Diese Entdeckung löste bei ihr ein unbändiges Verlangen aus, diesen Mann persönlich kennen zu lernen. Und da sie sich nicht traute, ihn einfach zu besuchen, ihm aber auch nicht schreiben wollte, schrieb sie seiner Mutter und bekam eine Antwort, durch die sie sich legimitiert fühlte, immerhin zu seiner Mutter zu reisen, zumindest aber dieser nochmals zu schreiben, etwa so:
Ich liege schon eine Weile im Bett und da treibt mich's heraus, daß ich Ihr alles schreib von unserer Reise. - Ich hab Ihr ja geschrieben, daß wir in männlicher Kleidung die Armeen passierten. Gleich vorm Tohr ließ uns der Schwager aussteigen, er wollte sehen, wie uns die Kleidung stehe. Die Lulu sah sehr gut aus, denn sie ist prächtig gewachsen und die Kleidung war sehr passend gemacht
mir aber war alles zu weit und zu lang, als ob ichs auf dem Grempelmarkt erkauft hätte. Der Schwager lachte über mich und sagte, ich sähe wie ein Savoyardenbube aus, ich könnte gute Dienste leisten. Der Kutscher hatte uns vom Weg abgefahren, durch einen Wald, und wie ein Kreuzweg kam, da wußte er nicht, wo hinaus
obschon es nur der Anfang war von der ganzen vier Wochen langen Reise, so hatt ich doch Angst, wir könnten uns verirren und kämen dann zu spät ...
Ich kletterte auf die höchste Tanne und da sah ich bald, wo die Chaussee lag.
Die ganze Reise hab ich auf dem Bock gemacht
ich hatte eine Mütze auf von Fuchspelz, der Fuchsschwanz hing hinten herunter. Wenn wir auf die Station kamen, schirrte ich die Pferde ab und half auch wieder anspannen. Mit den Postillions sprach ich gebrochen Deutsch, als wenn ich ein Franzose wär. Im Anfang war schön Wetter, als wollt es Frühling werden, bald ward es ganz kalter Winter: wir kamen durch einen Wald von ungeheuren Fichten und Tannen, alles bereift, untadelhaft, nicht eine Menschenseele war des Wegs gefahren, der ganz weiß war
noch obendrein schien der Mond in dieses verödete Silberparadies, eine Totenstille - nur die Räder pfiffen von der Kälte. Ich saß auf dem Kutschersitz und hatte gar nicht kalt
die Winderkält schlägt Funken aus mir
- wies nah an die Mitternacht rückte, da hörten wir pfeifen im Walde
mein Schwager reichte mir ein Pistol aus dem Wagen und fragte ob ich Mut habe loszuschießen, wenn die Spitzbuben kommen, ich sagte: ja, er sagte: schießen Sie nur nicht zu früh. Die Lulu hatte große Angst im Wagen, ich aber unter freiem Himmel mit der gespannten Pistole, den Säbel umgeschnallt, unzählige funkelnde Sterne über mir, die blitzenden Bäume, die ihre Riesenschatten auf den breiten mondbeschienenen Weg warfen - das alles machte mich kühn auf meinem erhabenen Sitz.
Da dacht ich an ihn, schrieb sie weiter in dem Brief an seine Mutter und träumte: Wenn der mich in seinen Jugendjahren so begegnet hätte, ob das nicht einen poetischen Eindruck auf ihn gemacht haben würde daß er Lieder auf mich gemacht hätte und mich nimmer mehr vergessen. Jetzt mag er anders denken - er wird erhaben sein.
Aber dann kam doch der Tag, den sie so sehr ersehnt hatte
sie durfte ihn besuchen, und hernach beschrieb sie es: wie sie ins Haus gelassen wurde, durch den heiligen Hausflur ging.
Alles ist freundlich und doch feierlich. Fürchte Dich nicht, sagten mir die bescheidenen Wände, er wird kommen und wird sein und nicht mehr sein wollen wie Du, - und da ging die Tür auf, und da stand er feierlich ernst und sah mich unverwandten Blickes an
ich streckte die Hände nach ihm, glaub ich, bald wußt ich's nicht mehr. Er fing mich rasch auf an sein Herz. Armes Kind hab ich Sie erschreckt? Das waren die ersten Worte, mit denen seine Stimme mir ins Herz drang
er führte mich in sein Zimmer und setzte mich auf dem Sofa gegen sich über ... ich auf das fatale Sofa gebannt, so ängstlich - ich sagte plötzlich: Hier auf dem Sofa kann ich nicht bleiben, und sprang auf.
Nun! sagte er, machen Sie sich's bequem, nun flog ich ihm an den Hals, er zog mich auf's Knie und schloß mich ans Herz. - Still ganz still war's, alles verging. Ich hatte so lange nicht geschlafen
Jahre waren vergangen in Sehnsucht nach ihm, - ich schlief an seiner Brust ein
und da ich aufgewacht war, begann ein neues Leben. Und mehr will ich Ihr diesmal nicht schreiben.
Wer war's?
Auflösung aus Nr. 9:
Es war: der Schriftsteller und Publizist Friedrich Christian Laukhard (1758-1822). Er studierte Theologie, wurde Privatdozent in Halle/ Saale, dann preußischer Soldat, geriet in französische Gefangenschaft, ging in die Revolutionsarmee und kam 1795 nach Deutschland zurück. - Laukhards Leben und Schicksale von ihm selbst geschrieben, in fünf Bänden, 1792-1802, wurde 1969 von F. Dobmann neu herausgegeben
* Ein Rätsel gibt es auch im ZEIT-Kulturkalender: Beantworten Sie die Frage, welcher Kultur und Gesellschaft der Fürst von Sipán angehörte, und gewinnen Sie ein Kurzwochenende für zwei Personen im Hotel Domicil in Bonn - verbunden mit einem Besuch der Ausstellung Gold aus dem alten Peru. Alles Weitere sowie das Lösungswort finden Sie unter www.kulturkalender.de
- Datum 01.03.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10/2001
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