K L I M A F O R S C H U N G "Baut Dämme auf!"

Der jüngste Weltklimareport liegt vor: Es wird wärmer, die Meeresspiegel steigen. Was ist zu tun? Ein Gespräch mit dem Hamburger Klimaforscher Guy Brasseur

Am Montag dieser Woche veröffentlichte die internationale Expertengruppe IPCC den dritten Teil ihres aktuellen Klimareports. Während im ersten Teil der Klimawandel skizziert und im zweiten Teil seine Folgen beschrieben werden, befasst sich die aktuelle Publikation mit politischen und wirtschaftlichen Handlungsoptionen. Die Empfehlungen der Experten sind nicht neu: Energie sparen, alternative Energieformen fördern. Die Techniken sind da. Sie sind inzwischen nach Ansicht des IPCC oft auch ökonomisch sinnvoll. Aber noch bestehen politische Hürden, die es zu beseitigen gilt.

DIE ZEIT: Nun liegt der dritte Bericht des IPCC zum globalen Klimawandel fast vollständig vor. Verglichen mit dem ersten Bericht von 1990, hat sich wenig geändert: Der Meeresspiegel steigt in hundert Jahren maximal um einen Meter, die globale Durchschnittstemperatur um ein bis sechs Grad. Auch politisch hat sich wenig bewegt. Viel Lärm um nichts?

GUY BRASSEUR: Nein, vordergründig mag das so erscheinen. Tatsächlich hat sich enorm viel bewegt, in der Wissenschaft wie in der Politik. Früher schauten alle vorwiegend auf den weltweiten Anstieg des Treibhausgases Kohlendioxid, über das CO2 wurde auch hauptsächlich in Kyoto verhandelt. Bald merkte man aber, dass auch andere Gase wie Methan, also Erd- oder Biogas, dass Stickoxide oder die ozonzerstörenden Fluorchlorkohlenwasserstoffe FCKW wichtige Rollen im Treibhaus spielen. Sogar das Ozon, das in den unteren Luftschichten deutlich zugenommen hat, trägt spürbar zur Erwärmung bei.

ZEIT: Es wurden aber auch zunehmend kühlende Faktoren gefunden.

BRASSEUR: Exakt, etwa Aerosole, fein verteilte Nebeltröpfchen, die überwiegend aus der Verbrennung von Kohle stammen. Sie lenken Sonnenlicht zurück ins All und bewirken regional eine Abkühlung, die etwa zehnmal stärker ist als der Treibhauseffekt durch Kohlendioxid. Regional bedeutend sind auch Ruß oder Staub. Aerosole, Ruß und Staub fördern außerdem die Wolkenbildung. Die Wolken wiederum haben je nach Dicke und Höhe, in der sie entstehen, gegensätzliche Wirkung. Weiße Wolken kühlen, schwarze hingegen wärmen. Insgesamt erweist sich das Klima als viel komplexer, als angenommen. Wenn wir derzeit eine Summe aus allen wärmenden und kühlenden Klimafaktoren bilden, dann resultiert am Ende eine positive Zahl, plus/minus eine größere Zahl für den möglichen Fehlerbereich unserer Berechnungen.

ZEIT: Diese Unsicherheit steht in scharfem Kontrast zur Botschaft vieler Forscher an die Öffentlichkeit, am Treibhauseffekt und seinen verheerenden Folgen könne niemand mehr zweifeln.

BRASSEUR: Das IPCC hat die großen Unsicherheiten nie verschwiegen. Wichtig ist, dass das komplexere Klimabild mit deutlich verbesserten Klimamodellen einhergeht. Wir können heute sehr gut für die vergangenen hundert und mehr Jahre nachvollziehen, warum sich die Temperaturen so entwickelt haben.

ZEIT: Mit wachsender Erfahrung kann man fast alles im Computer simulieren.

BRASSEUR: Trotzdem wächst unser Vertrauen in die Klimamodelle. Es ist aber richtig, dass sich die Temperaturprognose des IPCC in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert hat. Schon vor rund hundert Jahren hat der Schwede Svante Arrhenius berechnet, die Erde werde sich um etwa fünf Grad erwärmen.

ZEIT: Wozu dann all die Klimawarnungen?

BRASSEUR: Weil wir inzwischen wissen, dass die Erde ähnlich kompliziert ist wie unser Körper. Beide sind nichtlineare, rückgekoppelte Systeme mit Fernwirkungen und empfindlichen Druckpunkten. Auch unsere Körpertemperatur bleibt dank aufwändiger Regelung meist stabil. Aber dann kommt eine Infektion, und hopp, schnellt das Fieber hoch.

ZEIT: Wie übersetzen Sie die Medizin in die Klimaforschung?

BRASSEUR: Wir wissen aus Eisbohrungen an den Polen oder aus Meeressedimenten, dass unser Klima in den vergangenen 400 000 Jahren recht stabil war. Aber zwischendurch kam es in den Eis- und Zwischeneiszeiten immer wieder zu heftigen Temperatursprüngen. Wahrscheinlich war eine relativ kleine Änderung der Sonneneinstrahlung der Auslöser. Weniger Sonne bedeutete mehr Kälte, die Eisflächen wuchsen. Diese spiegeln zunehmend das Sonnenlicht, es wird noch kälter. Kaltes Meerwasser entzieht der Luft Kohlendioxid, die Methanproduktion aus Biomasse schrumpft. Es wird noch kälter, die Abkühlung verstärkt sich immer mehr.

ZEIT: Manche Klimaforscher warnen, wir befänden uns am Ende einer ungewöhnlich langen Warmperiode, die nächste Eiszeit drohe. Die könnte man mit Treibhausgasen abfedern.

BRASSEUR: Ich halte solche Klimaexperimente für unverantwortlich. Wir wissen nicht genau, wie Eiszeiten entstehen. Das Risiko ist zu groß, die Katastrophe zu verstärken oder auszulösen. Plötzlich verlagert sich der Golfstrom Richtung Grönland, und Europa friert.

ZEIT: Die Verlagerung des Golfstroms wurde oft beschworen. Aber Rechnungen hier im Max-Planck-Institut zeigen, dass sich in den nächsten hundert Jahren wenig ändert.

BRASSEUR: Hoffentlich. Sicher wissen wir nur, dass wir den Strahlungshaushalt der Erde ähnlich verändern, wie sich die Sonneneinstrahlung bei den Übergängen zwischen Eiszeiten und Warmzeiten veränderte. Noch wissen wir nicht, welche Kettenreaktion wir damit auslösen.

ZEIT: Wie könnte die Reaktion aussehen?

BRASSEUR: Das IPCC warnt vor Veränderungen der Niederschläge, etwa des Monsuns. In den Tropen könnten mehr Hurrikans auftreten.

ZEIT: Die weitaus größten Temperaturänderungen werden im Norden erwartet. Stimmt es, dass die armen Länder im Süden von den negativen Folgen am stärksten betroffen sein werden?

BRASSEUR: Mit einem Grad mehr hier in Hamburg könnte ich gut leben. Aber die Temperaturveränderungen sind nicht das Wichtigste. Vieles spricht dafür, dass der Meeresspiegel steigt und die Hurrikans zunehmen. Für Bangladesch oder Indien kann das verheerend sein. Wir greifen mit unseren Emissionen ins Klima ein und riskieren damit auf Dauer, dramatische Fernwirkungen auszulösen. Zehntausend Hurrikanopfer, das ist fast wie ein Atombombenabwurf. Es ist inakzeptabel, weiterzumachen wie bisher.

ZEIT: Alle Versuche, über das Kyoto-Protokoll weltweit die Kohlendioxidemissionen zu bremsen, sind jedoch politisch gescheitert.

BRASSEUR: Besonders frustrierend ist, dass man über das Scheitern des Kyoto-Protokolls gar nicht traurig sein muss. Es hätte kaum etwas gebracht. Selbst wenn wir uns einigten, die CO2-Emissionen auf dem aktuellen Stand einzufrieren, ginge der Klimawandel weiter. Wollten wir nämlich den jetzigen CO2-Gehalt der Luft beibehalten, dann müssten wir die Emissionen um 90 Prozent radikal absenken. Das ist unmöglich.

ZEIT: Was tun?

BRASSEUR: Wir brauchen eine Mehrfachstrategie. Erstens die Emissionen senken. Zweitens müssen wir uns auf wachsende Klimaschäden einrichten, Dämme erhöhen oder sturmsicherer bauen, auch wenn wir nicht jedem Inder ein solides Steinhaus errichten können. Drittens sind kulturelle Änderungen notwendig, etwa beim wahllosen Verbrennen von Biomasse, das in Asien verbreitet ist. Viertens benötigen wir alternative Energiequellen und neue Techniken wie Brennstoff- und Solarzellen. Fünftens wäre die Forschung zu intensivieren.

ZEIT: Die neue US-Regierung wird das Kyoto-Protokoll kaum ratifizieren.

BRASSEUR: Langfristig bin ich gar nicht so pessimistisch. Der Vater von George Bush setzte auf Forschung, so brauchte er umweltpolitisch nicht zu handeln. Auch die jetzige Administration dürfte die Forschung stärken. Das Kyoto-Protokoll basierte hauptsächlich auf europäischer Wissenschaft. Es wäre gut, wenn der nächste IPCC-Bericht stark von den Amerikanern mitgeprägt wäre. Dann wird der Druck auf die US-Politik steigen. Und die hat inzwischen begriffen, dass sie in der Klimaforschung auch technisch ins Hintertreffen geraten ist.

ZEIT: Sie meinen die Entwicklung von Supercomputern zur Berechnung der Klimamodelle?

BRASSEUR: Genau. Die Amerikaner haben ihre Spitzenstellung verloren. Derzeit bauen die Japaner in Yokohama einen "Erdsimulator", eine fußballfeldgroße Anlage für eine halbe Milliarde Dollar, die etwa 100-mal leistungsfähiger ist als unsere Maschinen in Europa.

ZEIT: Hat Europa nichts Vergleichbares?

BRASSEUR: Nein, solche Maschinen bräuchten wir dringend, auch für bessere Wetterprognosen.

ZEIT: Setzen Sie also darauf, dass der wissenschaftliche Fortschritt die Amerikaner irgendwann zur Vernunft bringt?

BRASSEUR: Nicht nur die wissenschaftliche Entwicklung. In Europa und vielen anderen Ländern haben Politiker und Öffentlichkeit weitgehend akzeptiert, dass sich das Klima ändert und der Mensch daran beteiligt ist. Der Bewusstseinswandel in den vergangenen zehn Jahren ist enorm. Und wenn ich mir die Parallelen bei der Bekämpfung der Ozonzerstörung im Montrealer Protokoll ansehe, dann bin ich optimistisch, dass auch die Industrie mitziehen wird, sobald sie ein Geschäft wittert. Damals gingen die Amerikaner voran, und die Europäer bremsten, vor allem die Briten. Als die Industrie begriff, dass sich mit FCKW-Ersatzstoffen Geld verdienen lässt, ging alles ganz plötzlich voran.

ZEIT: Wo sind die Parallelen zur Klimapolitik?

BRASSEUR: Die großen Automobilfirmen sehen, dass sich mit sparsamen Modellen prächtig verdienen lässt. Fast alle großen Firmen entwickeln Brennstoffzellen. Shell hat sich den Bau von Solarzellen auf die Fahnen geschrieben, BP interpretiert den Firmennamen neuerdings mit "Beyond Petroleum", jenseits vom Öl. Wenn wissenschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Druck zusammenspielen, dann kann ganz schnell ein Umschwung kommen. Auf diesen Wandel müssen wir hinarbeiten.

 
  • Quelle
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service