Bachelor: Pro und Contra Pro Bachelor
Mit den neuen Abschlüssen wird das Studieren internationaler und flexibler.
Wer derzeit als Physiker oder Ingenieur die Universität mit einem Diplom verlässt, kann sich den Arbeitsplatz aussuchen. Das Produkt "Diplomabschluss" von deutschen Hochschulen trifft also auf hohe Akzeptanz. Warum sollten wir dennoch einen unterhalb des Diploms angesiedelten Abschluss einführen, der etwa dem angelsächsischen Bachelor entspricht? Und warum darauf aufbauende Studiengänge, die zum Master-Abschluss führen?
Weil unsere traditionellen Studienabschlüsse international nicht kompatibel sind und weil wir flexibler auf die neuen Anforderungen des Arbeitsmarktes reagieren müssen.
Während in der Vergangenheit deutsche Hochschulen an der Ausbildung junger Führungseliten aus dem Ausland ganz wesentlich beteiligt waren, zeigt die Statistik, dass die Bundesrepublik in den vergangenen Jahren ihre Anziehungskraft für ausländische Studenten verloren hat: Die Zahl ausländischer Studierender in Deutschland ist in den vergangenen Jahren dramatisch auf eine Quote von nur noch etwa 4,5 Prozent zurückgegangen. Das Ausbildungswesen der aufstrebenden asiatischen Länder orientiert sich inzwischen fast ausschließlich am angelsächsischen Bildungssystem. Die Folge ist ein Ansehensverlust der deutschen Universitäten im Ausland, der nicht in der Qualität von Forschung und Lehre, sondern in den relativ starren Rahmenbedingungen des Studiums begründet ist. So haben ausländische Studierende an deutschen Universitäten nicht selten große Probleme bei der Anerkennung ihrer im Ausland erbrachten Studienleistungen. Deutsche Universitäten haben für Bewerber aus dem Ausland mit dem Bachelor of Science keine international vergleichbaren Angebote für Aufbaustudiengänge.
Umgekehrt ist die Akzeptanz deutscher Studienabschlüsse im Ausland häufig ebenfalls problematisch. Das deutsche Diplom gilt im Ausland nicht selten als "erster Abschluss" und wird ungerechtfertigterweise mit dem Bachelor gleichgesetzt. Das Vordiplom ist außerhalb Deutschlands vollkommen unbekannt.
Nachdem etwa 90 Prozent der Studienabschlüsse weltweit zum Bachelor- und zum Master-Titel führen, ist es nahe liegend, die deutschen Abschlüsse entsprechend zu orientieren. Die Einführung internationaler Studienabschlüsse ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Zahl ausländischer Studierender an deutschen Universitäten wieder ansteigt.
Neben der Internationalisierung deutscher Studiengänge spricht auch die größere Flexibilität, die den Studenten durch die Einführung eines Bachelor-Grades ermöglicht wird, für die Einführung eines solchen Abschlusses. Der durch die Globalisierung bedingte Strukturwandel in der Industrie hat auch zu einem deutlich veränderten Anforderungsprofil für die Absolventen von Universitäten geführt. Interdisziplinäre Technologieschwerpunkte wie Telekommunikation, Medizintechnik oder Biotechnologie gewinnen an Bedeutung. Damit werden technologische und wirtschaftliche Querschnittskenntnisse immer wichtiger. Zukünftig wird es daher zum Beispiel neben dem auf die chemische Forschung konzentrierten, möglichst promovierten Diplomchemiker auch zunehmend ein breit ausgebildeter Technologiegeneralist benötigt. Der zwar hervorragend, aber weitgehend forschungsorientiert ausgebildete Diplomabsolvent kann deshalb nicht mehr das ausschließliche Ausbildungsziel sein.
Inzwischen sehen Studienkarrieren in den USA häufig so aus: Ein Student studiert mit einem Bachelor-Abschluss in Biochemie Medizin, ein Physikstudent wählt eine Graduate School in Elektrotechnik oder ein Computer-Science-Bachelor erwirbt einen Master of Business Administration. Diese Möglichkeiten, die genau zu der heute benötigten Querschnittsqualifikation führen, haben deutsche Studenten in viel geringerem Maße - und nur dann, wenn sie eine sehr viel längere Studiendauer für Doppelqualifikationen in Kauf nehmen. Alles spricht also dafür, dass die Universitäten in einem gestuften Ausbildungssystem neue berufsbefähigende, international übliche Studiengänge anbieten, deren Abschlüsse überdies mit ausländischen Graduierungen kompatibel sein müssen.
Die Studiengänge zum Bachelor of Science und Master of Science dürfen allerdings nicht durch das Auswechseln von Etiketten entstehen. Ein moderner universitärer Studiengang mit internationaler Orientierung sollte folgende Forderungen erfüllen:
Erstens: Das Studium wird in einem gestuften System so organisiert, dass die international anerkannten Graduierungen zum Bachelor of Science nach einem sechs- bis achtsemestrigen Basisstudium und zum Master of Science nach einem weiterführenden Schwerpunktstudium über vier Semester, das eine 12-monatige Examensarbeit einschließt, als berufsbefähigende Abschlüsse eingeführt werden können.
Zweitens: Mit dem Bachelor,insbesondere in Kombination mit dem Master, sollen Studiengänge eingeführt werden, die den Absolventen neue Berufsbilder auf vielen Gebieten erschließen.
Drittens: Um das Studium sowohl für ausländische Studierende in Deutschland als auch für deutsche Studierende im Ausland effektiver zu gestalten, muss man den verlustfreien Transfer von Studienleistungen ermöglichen, etwa durch die Vergabe von Leistungspunkten nach dem europäischen Credit Point System.
Ein solches Studium sollte, wenn es in einem Fach bis zum Master of Science durchgeführt wird, zur selben Qualifikation führen wie das heutige Diplomstudium. So soll etwa ein zukünftiger Master of Science in Engineering dasselbe Ausbildungsniveau aufweisen, wie der heutige Diplomingenieur. Schon heute stellen viele deutsche Universitäten eine Bescheinigung aus über die Gleichwertigkeit des Master of Science mit dem deutschen Diplomzeugnis. Die Qualität der Ausbildung wird durch die Einführung dieser neuen Abschlüsse also keineswegs leiden.
Einem häufig gebrauchten Argument für die Einführung des Bachelors kann ich mich jedoch nicht anschließen: dass es dadurch in Deutschland endlich zu der von vielen Politikern heiß ersehnten Studienzeitverkürzung kommen würde. Auch an guten amerikanischen Universitäten liegt der nach vierjährigem Studium erworbene Bachelor-Grad in seinem Niveau noch ganz wesentlich unterhalb des deutschen Diploms. Der amerikanische Abschluss, der in etwa dem deutschen Diplom entspricht, ist der Master-Grad. Er wird erst nach einem Zusatzstudium vergeben. Das Studium zum amerikanischen Master-Abschluss dauert damit fünf bis sechs Jahre - also genauso lange wie ein durchschnittliches deutsches Diplomstudium. Das höhere Alter gleich ausgebildeter deutscher Absolventen rührt allein von dem höheren Eintrittsalter in die Universität her.
- Datum 05.07.2007 - 03:25 Uhr
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