Das Licht streicht über die alte Violine an der Wand. Sie beherrschten fast alle Instrumente, diese Sinti-Musiker. Ihr Einfamilientheater war überall willkommen mit seinen Operetten und kleinen Dramen, mit dem Zigeunerbaron und der Carmen. Aus der Provinz zogen ihre schindelgedeckten Pferdewagen bis zur Stuttgarter Liederhalle, zum Berliner Wintergarten, zum Pariser Lido. Der Rundfunk holte ihre Truppe. Wie später die Valentes, die Kelly-Familie. Mit sieben Jahren wirbelte Philomena über die Bühne als kleine Csárdás-Prinzessin mit roten Stiefelchen, das pechschwarze Haar zur Krone geflochten. Bald konnte die kleine Koloratursopranistin das hohe C singen. Sie machte ihrem Namen Ehre - Philomena ist das griechische Wort für Nachtigall.

Einmal rief der Vater von seiner Frankreichtournee in Süddeutschland an und ließ sie von der Schulbank weg in Begleitung einer älteren Cousine per Bahn nach Paris kommen. Eine Sängerin der Truppe war ausgefallen. Für die umjubelte kleine Schönheit flog das Geld in Säckchen aus Taschentüchern auf die Bühne des Lokals. Dann setzte der Vater sie wieder auf die Bahn und ging extra zum Lokomotivführer: "Ich bitte Sie, passen Sie auf meine Tochter auf!"

Wenige Jahre später gab es für Sinti und Roma nur noch Züge in die Konzentrationslager. Philomena, die noch ihren Mädchennamen Köhler trug, ist in Viehwagen durch sechs Lager geschleppt worden. Auschwitz hat sie zweimal überlebt. Das erste Mal wurde sie vom "Zigeunerlager" in Auschwitz-Birkenau, wo 21 000 Sinti und Roma vegetierten und wegstarben, nach Ravensbrück verfrachtet. Dort traf sie auf ihre ältere Schwester, erkannte sie nicht mehr. Der Kopf geschoren, der Körper zum Skelett abgemagert. Und ihre Kinder? "Alle in Auschwitz gestorben", berichtete die Schwester, "in der Gaskammer."

Philomena kam in die Munitionsfabrik von Ravensbrück. Sie goss 150 Sprengbomben. Jeden Tag. Ohne Schutzmaske. Die Augen wurden gelb. Die Arme. Der ganze Körper verfärbte sich. Sie schaffte den Akkord nicht mehr. Die Aufseherin schlug sie. "Du gottverdammtes Mistvieh!" Philomena schrieb der Schwester einen Zettel: "Es ist aus, verzeih!"

Sie wagte die aussichtslose Flucht. Sie sah den Mond wieder. Nächtelang streifte die 22-Jährige durch die Wälder in Sträflingskleidern, ohne Haare auf dem Kopf. Volkssturm und Hitlerjugend fassten sie, traten das zitronengelbe Bündel aus Haut und Knochen zusammen. Im Dorfgefängnis schob ihr die Frau des Bürgermeisters jeden Morgen heimlich eine Schüssel mit frischer Milch unter den Gitterstäben durch. "Kindchen, nimm schnell, trink aus!"

"Mach dir nichts draus, ich bin ja bei dir!"

Die Lagerleitung ließ sie abholen. Niemand sprach unterwegs. Sie wurde auf den Appellhofplatz geführt. Alle Leidensgefährten mussten antreten. Einer der Lagerführer brüllte: "Häftling Nr. 10550 kommt zur Abschreckung an den Galgen!" Sie bekam die Hände auf den Rücken gebunden, den Strick um den Hals gelegt. Das Letzte, was sie wahrnahm, war der Schrei ihrer Schwester: "Mach dir nichts draus! Ich bin ja bei dir!"