Überraschend ist allein der Zeitpunkt. Vor vier Jahren eroberten die Taliban Teile der Provinz Bamian, und seither haben sie immer wieder damit gedroht, die beiden gewaltigen, 38 und 55 Meter hohen Buddha-Statuen zu zerstören. Abgesehen von gelegentlichen Schießübungen auf die Statuen blieb es bei solchen Drohungen. Bis der Oberste Führer der Taliban, Mullah Mohammed Omar, in der vorigen Woche anordnete, alle Skulpturen und Monumente aus vorislamischer Zeit zu vernichten.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Taliban als Bilderstürmer und Kulturverächter aufführen. Musik, Tanz, Kinderspielzeug, Film, Theater und Fernsehen sind in Afghanistan verboten. Die Taliban, die 90 Prozent des Landes kontrollieren, begründen ihr Zerstörungswerk vor allem mit dem Bilderverbot im Islam. Aber weder der Koran noch die überlieferten Aussagen des Propheten Mohammed, noch die in Afghanistan vorherrschende hanefitische Rechtsschule rechtfertigen die beispiellose Zerstörung von Geschichte, Kunst und Kultur durch die Taliban. Auch die Entrechtung der Frauen in ihrem Herrschaftsbereich ist religiös nicht zu legitimieren. Die Taliban reden vom Islam, aber sie meinen ihren eigenen, totalitären Machtanspruch. Es geht ihnen um Ideologie, nicht um Religion.

Die Armut der Bevölkerung nehmen sie lediglich zur Kenntnis. Ein Programm für den Wiederaufbau haben sie nicht, ihre Außenpolitik ist auf den militärischen Mentor Pakistan begrenzt. Das einzige greifbare Anliegen der Taliban scheint die rigide Anwendung der Scharia zu sein, des islamischen Gesetzes, wie sie es verstehen. Ihr Rigorismus geht einher mit der Unfähigkeit zum Dialog, zum Kompromiss und zur Versöhnung mit ihren Gegnern.

Aus westlicher Sicht gelten die Taliban als mittelalterlich, aber dieses Attribut trifft das Problem nicht. Afghanistan war schon vor dem Aufstieg der Taliban ländlich und religiös-traditionalistisch. Die sozialen Strukturen haben sich seit Jahrhunderten kaum verändert, sieht man ab von den wenigen Städten. Stammesdenken, ethnische Rivalitäten und archaische Moralvorstellungen prägen das Land. Neu ist allerdings, dass die Taliban Rückständigkeit in den Rang einer Ideologie erhoben haben.

Ihr Aufstieg war rasant. 1994 erst entstand die Bewegung, zwei Jahre später zog sie ein in die Hauptstadt Kabul. Ihren Erfolg verdanken die Taliban dem Niedergang der Mudschahidin, der ehemaligen Glaubenskämpfer gegen die sowjetische Besatzung. Nach dem Sturz des letzten kommunistischen Präsidenten Nadschibullah 1992 führten die Mudschahidin untereinander Krieg, zerstörten Kabul, überzogen Afghanistan mit Terror und Anarchie. Die Taliban versprachen Frieden und eine gerechte islamische Ordnung. Die Bevölkerung glaubte ihnen, vor allem auf dem Land. Wenig beliebt waren sie von Anfang an in den Städten und bei den ethnischen Minderheiten. Ihre soziale Basis haben die Taliban hauptsächlich unter den fast vier Millionen afghanischen Flüchtlingen in Pakistan. Schaltstellen sind die konservativen Koranschulen, die besonders aus armen Familien Zulauf erhalten, weil sie ihre Schüler - auf Paschtu "Taliban" - kostenlos mit Essen und Kleidung versorgen.

Den Buddha-Statuen wird letztlich zum Verhängnis, dass sie im "multikulturellen" Bamian stehen. In dieser Provinz, 200 Kilometer westlich von Kabul, leben mehrheitlich Volksgruppen aus Zentralasien: Usbeken, Tadschiken, Turkmenen und Hazara, schiitische Mongolen. Die Taliban haben lange gebraucht, um Bamian vollständig zu erobern. Die Bevölkerung hat erbittert Widerstand geleistet, mit Waffen und Geld vor allem aus Teheran. Auf keinen Fall wollte sie unter der Herrschaft der Taliban leben, die überwiegend Paschtunen aus anderen Landesteilen sind. Nach ihrem endgültigen Sieg in Bamian vor zwei Jahren verübten die Taliban wiederholt Massaker an der Bevölkerung. Nur mit Gewalt können sie dort ihre Herrschaft behaupten.

Weil sich die Taliban als unfähig erweisen, Afghanistan zu regieren, bekommen sie nun zunehmend Schwierigkeiten. Seit Monaten leidet das Land unter einer Hungersnot, Hunderttausende sind nach Pakistan, in den Iran und an die Grenze zu Tadschikistan geflüchtet. Zwar gibt es keine innenpolitische Opposition, die den Taliban gefährlich werden könnte. Aber die Stimmung im Land kann jederzeit umschlagen in Gewalt und Anarchie, wie schon zu Zeiten der Mudschahidin. Hungerrevolten und spontane Aufstände könnten durchaus das Machtmonopol der Taliban gefährden, die ihre Herrschaft gebetsmühlenhaft mit den Worten rechtfertigen, sie hätten Afghanistan "Frieden und Sicherheit" gebracht.