Ich habe einen Traum
Maren Kroymann, 51, studierte Anglistik, Amerikanistik, Romanistik und arbeitete während ihres Studiums als Theaterschauspielerin. Ihre ARD-Hauptrollen in den Serien »Oh Gott, Herr Pfarrer«, »Vera Vesskamp« und als »Nachtschwester Kroymann« hatten ein Millionenpublikum. In diesen Tagen startet ihr Kinofilm »Escape to Live«. Maren Kroymann träumt davon, immer die richtigen Entscheidungen zu treffen
Ich träume davon, immer im richtigen Moment die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es macht mich krank, nicht zu wissen, ob ich im Falle eines Falles genau das Falsche mache. Es macht mich krank, in unnötig anstrengende Situationen zu geraten, nur weil ich mich für einen Termin entschied, der gar nicht zu mir passt. Zum Beispiel ein Referat über die Homo-Ehe zu halten. Ein wichtiges Thema, aber ich bin keine Dozentin.
Führe ich auf diese Insel, wäre ich dort gern ein Kätzchen. Mir würden die Entscheidungen abgenommen. Wenn ich Wärme will, renne ich zu einer Hand. Wenn ich fressen will, gibt es Whiskas. Und wenn mir nach Sex ist, würde das jeder hören. So ein Kätzchen hat doch ein schnurriges Leben.
Es müsste sich nicht für einen Freundeskreis entscheiden. Es ist schließlich schwerwiegend zu sagen: Du ja Freund, du nein Freund. Die einen benutzen dich als Künstlerin, die anderen als Umweltbewusste, die nächsten als politisch Interessierte und die ganz schlauen als Frau. Dabei fällt mir dieser Satz ein: Wer A sagt, muss auch B sagen. Ein unverschämter, demagogischer Satz. Denn er fordert auf zu einer Konsequenz, die gar nicht zu überblicken ist. Die fatale Folgen haben kann. Ich denke zum Beispiel an den »heiligen Bund der Ehe«. Entscheidungen treffen zu müssen heißt ja auch immer: FÜR etwas zu sein oder DAGEGEN. Entweder ganz oder gar nicht. »Dazwischen« sein ist auch schlecht. Dann schon lieber träumen.
Wenn es mir gelänge, immer die richtigen Entscheidungen zu treffen, wäre ich berühmt wie Bette Midler. Ich hatte ja Hauptrollen im Fernsehen vor 13 Millionen Zuschauern. Ich war sozusagen auf dem Weg, eine prominente Schauspielerin zu werden. Und dann? Ja, dann setzte ich neue Prioritäten und traf eine ENTSCHEIDUNG. Aus mir wurde eine Satirikerin, die menschliche Schwächen aufs Korn nimmt und die der Männer im Besonderen. Fehlentscheidung? Richtig berühmt wurde ich als Satirikerin nicht. Jetzt singe ich freche Lieder, spiele in einer Serie mit, habe gute Kritiken und gehe auf Tourneen. Aber will ich das wirklich? Oder passt zu mir etwas gänzlich anderes? »Marens Großer Preis«? Das Quiz schlechthin? Maren Kroymann wird zu Wim Thoelke, und im Abendprogramm ist die Hölle los. Zeit, mal die Männerdomäne bei den Rateshows zu durchbrechen. Als Blondine.
Chronos, Kairos, Tulpen. Die Zeit, der Zeitpunkt, die Jogurtinsel. Ich liege in der Sonne und sehe einen Mann. Er geht gebeugt, hat einen Stock dabei, mit dem er manchmal in die Luft haut, als wolle er den Sauerstoff erschlagen. Ich frage ihn: »Was tust du?« Er sagt: »Ich bin umgeben von Geistern, die ich rief und nun nicht mehr loswerde. Sie sind um mich wie mein Schatten.« Aha, denke ich. Wenn Entscheidungen Geister sind, die einen das ganze Leben verfolgen, hatte Goethe also Recht. Wir ewigen Zauberlehrlinge. Teuflischer Pakt: Wir sagen zu einer Sache ja oder nein und haben schon einen Klotz am Bein. Schuld ist die Natur. Sie trifft die allererste, schwerwiegende Entscheidung: Werde ich ein Mädchen oder ein Junge? Ab dann ist man selbst für sein Leben verantwortlich. Ich lecke mir einen Rest Whiskas von den Pfoten, springe auf einen Misthaufen voller Spatzen, packe mir einen und zerrupfe ihm langsam die Federn. Ich liege im Bett bei 35 Grad und denke: Kann ich diese verdammte Verantwortung für mein Leben nicht einfach vergessen?
Mein Gesicht verändert sich. Nehme ich Puder und decke die Falten ab? Dort: Graue Haare. Nehme ich Farbe und betrüge mich selbst? Ich nehme mir die Harley von meinem Nachbarn und fahre auf die Avus. 200 Klamotten. 100 sind erlaubt. Ich treffe eine Entscheidung. Nie mehr gut erzogen! Ich sage ab sofort das Wort Scheiße so oft und so viel, wie ich will. Ich bezeichne die Sprechstundenhilfe meines Arztes als dämliche Berliner Proll-Tusse, entreiße einem Polizisten die Waffe, zertrümmere eine Philippe-Starck-Käsereibe direkt im Laden mit einem Hammer, schleudere den Kaffee vom Bistrotisch, weil er mir zu kalt ist, bezeichne einen armen Penner als Drecksau und finde es ganz und gar komisch, zur russischen Verkäuferin im Versace-Laden zu sagen: Lernen Sie erst mal richtig Deutsch, bevor Sie mir ein T-Shirt für 600 Mark andrehen. Gute Entscheidungen?
Die Sonne wärmt mir das Katzenfell. Die Tulpen haben schon etliche Zentimeter. Die Entscheidung, nie aus der Rolle zu fallen und kein Aufsehen zu erregen, ist im Grunde genommen armselig. Sie hilft nur zuzukleistern, was Lärm machen würde. Lärm, der so schön schrill ist und die Zeiger einer Uhr zum Durchdrehen bringt.
Ich verhalte mich nicht kollektiv. Ich bastle mir ein Fake, das nichts mehr entscheidet; habe die große Freiheit, deshalb ALLES zu sein, und mich nicht mehr dabei ertappen lassen zu müssen, eine wie immer geartete Entscheidung getroffen zu haben. Ich bin ganz und gar unwahrscheinlich, werde zu einer Rolle, die mich ins Rampenlicht zerrt. Der normale Mensch ist doch uninteressant. Ich sollte diese Insel kaufen. Und alle Katzen werden Schwestern.
Aufgezeichnet von Marc Kayser
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