Kapitalisten im Blaumann
Die Verwalter riesiger Pensionsfonds werden Milliarden in Aktien anlegen. Die Gewerkschaften wollen mitentscheiden. Ihr Dilemma: Damit die Rente der Arbeitnehmer wächst, müssen sie auf steigende Kurse spekulieren
Jürgen Peters ist kein Zocker. Der stellvertretende Vorsitzende der IG Metall besitzt keine Aktien, keine Fonds, noch nicht mal ein paar biedere Bundesschatzbriefe. So soll es auch bleiben. "Unsere Mitglieder erwarten da eine gewisse Zurückhaltung", sagt er. Trotzdem umwerben den Metaller derzeit Fondsgesellschaften, Banken und Versicherungen aus aller Welt. Ausgerechnet Peters, innerhalb der Gewerkschaften als tarifpolitischer Hardliner und Kritiker jedes Shareholder-Value-Denkens bekannt, gilt in der Finanzszene neuerdings als Schlüsselfigur für ein gigantisches Geschäft.
Schuld daran ist ausgerechnet jene Rentenreform von Arbeitsminister Walter Riester, die Peters monatelang so heftig kritisiert hatte. In letzter Minute haben sich die Berliner Reformer entschieden, nicht nur die private, sondern stärker noch die betriebliche Altersvorsorge zu fördern - die so genannte zweite Säule des Rentensystems. Gleichzeitig schuf der Gesetzgeber neue Regeln für betriebliche Pensionsfonds, die das Altersgeld von Arbeitnehmern anlegen und verwalten sollen.
Beides wollen Gewerkschafter wie Peters jetzt nutzen. Sie planen, Pensionsfonds für Arbeitnehmer zu gründen. Fast alle Gewerkschaften arbeiten - teils gemeinsam mit den Arbeitgebern - bereits an passenden Modellen. Weil die neue steuerliche Förderung von Betriebsrenten schon im kommenden Jahr einsetzt, will Dieter Schulte, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), "möglichst schnell über die betriebliche Altersversorgung verhandeln".
Nicht nur geschäftstüchtige Finanzmanager, sondern auch Politiker und Experten sind elektrisiert. Immerhin geht es um ein Billionengeschäft. Und vor allem um Macht. Amerikanische Pensionsfonds verwalten heute rund acht Billionen Dollar - das ist ein Fünftel des amerikanischen Privatvermögens, das Vierfache des US-Staatshaushalts. In Großbritannien verfügen Pensionsfonds gar über ein Viertel des gesamten Privatvermögens. Längst sind die Manager der großen angelsächsischen Fonds zu heimlichen Herrschern der Finanzwelt geworden, längst treten ihre Emissäre auf den Hauptversammlungen der Unternehmen selbstbewusst als Großaktionäre auf. Und Gewerkschafter aus den Vereinigten Staaten, aber auch aus den Niederlanden oder Großbritannien nutzen die Möglichkeit, über ihre Mitspracherechte bei großen Pensionsfonds die eigenen Ziele durchzusetzen.
Schon fürchtet CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer "Machtzuwachs" für die Gewerkschaften, weil diese in Zukunft nicht nur mittels der Betriebsräte, sondern auch als Aktionäre die Unternehmenspolitik beeinflussen könnten.
Wolfgang Gerke, Professor für Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen-Nürnberg, rechnet gar mit einer "völlig neuen Shareholder-Kultur".
Schon in zehn Jahren, schätzt er, könnten die Chefs der größten deutschen Pensionsfonds bekannter sein als der Vorstandssprecher der Deutschen Bank.
Verschiebt sich also durch neue, riesige Gewerkschaftsfonds das Machtgeflecht der Deutschland AG?
Jubel bei VW: Die Personalkosten könnten um die Hälfte sinken
Offiziell bestreiten alle Gewerkschafter strategische Ambitionen.
Stützungskäufe, etwa von Aktien für notleidende Betriebe, sollen für die neuen Fonds auf jeden Fall tabu sein. Außerdem müsse das eigentliche Anlagegeschäft von Finanzprofis, nicht von Gewerkschaftern betrieben werden.
"In erster Linie geht es um eine Serviceleistung für unsere Mitglieder", sagt Jürgen Peters. Branchenweite Pensionsfonds könnten zum Beispiel beim Wechsel des Arbeitgebers nützen, weil der Mitarbeiter die bereits erworbenen Ansprüche einfach mitnehmen kann. Ohnehin seien betriebliche Vorsorgesysteme effizienter als die private Vorsorge, pflichtet der Wirtschaftsweise und Rentenexperte Bert Rürup bei: "Die Verwaltungsausgaben pro Kopf sind bei betrieblichen oder branchenweiten Vereinbarungen fast immer niedriger als bei individuellen Lösungen."
Auch Unternehmen versprechen sich eine Menge von den neuen Fondsmodellen.
Bislang werden Pensionsrückstellungen, die ein Unternehmen für die betriebliche Altersversorgung bildet, großteils in festverzinsliche Wertpapiere gesteckt - um die Höhe der Auszahlungen garantieren zu können.
Weil aber die Rendite der Festverzinslichen niedriger ist als mögliche Gewinne am Aktienmarkt, müssen Unternehmen verhältnismäßig hohe Rückstellungen bilden.
Bei einem Konzern wie Volkswagen sind das rund 17 Milliarden Mark, "fast die Hälfte des Unternehmenswerts", wie Helmuth Schuster sagt. Schuster ist Markenvorstand der VW-Tochter Skoda - und im Konzern für den neuen Pensionsfonds "VW Pension Trust" verantwortlich. Mitte Februar preschten die Autobauer aus Wolfsburg vor: Der VW-Fonds soll künftig die Betriebsrente sichern. Dazu zahlt das Unternehmen jeweils ein Prozent des Jahresgehalts in den Rententopf ein, der das Geld zur Hälfte in Aktien und zur Hälfte in fest verzinsliche Wertpapiere investieren lässt. Die Geldanlage übernehmen fünf professionelle Fondsgesellschaften. Langfristig, jubelt Vorstand Schuster, "sinken unsere Personalkosten um mehr als die Hälfte". Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht gelten Pensionsfonds durchaus als sinnvoll.
Ökonomen sprechen von einer optimalen Allokation des Kapitals, weil das Geld der künftigen Senioren nach Renditeaspekten angelegt wird.
Ob es allein auf die Rendite ankommen soll, ist bei Gewerkschaftern jedoch umstritten. Für den IG-Metall-Vize Peters steht fest, dass bei den Investitionen der neuen Fonds ethische, ökologische und soziale Standards gelten müssten. "Es kann zum Beispiel nicht sein, dass Kinder in der Dritten Welt für unsere Renten arbeiten müssen." Viele multinationale Konzerne hätten "Dreck am Stecken", sagt er. "Damit wollen wir uns nicht infizieren."
Diese ganz andere Art der Mitbestimmung wird ausgerechnet im Mutterland des Kapitalismus vorexerziert. Der amerikanische Pensionsfonds TIAA-CREF, ein Rententopf für Wissenschaftler mit einem Gesamtvolumen von mehr als 110 Milliarden Dollar, investiert zum Beispiel nur in Aktien von Unternehmen, die Minderheiten gleiche Berufschancen einräumen. Der Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO wiederum - das amerikanische Gegenstück zum deutschen DGB - brachte im vergangenen Jahr fast den Börsengang des chinesischen Ölkonzerns Petrochina zu Fall. Der Verband hatte die Fondsgesellschaften, welche die Pensionen seiner 13 Millionen Mitglieder verwalten, mit einer massiven Infokampagne davon abgehalten, Petrochina-Aktien zu zeichnen. Die Begründung: Der Konzern verletze Menschenrechte. Die Aktion war wohl erst der Anfang. "Die Gewerkschaften müssen sich in der Arena des Kapitalismus zu Wort melden und dort ihre Position vertreten", sagt Dieter Waizenegger vom Büro des AFL-CIO in Paris. Anfang April lädt der Internationale Bund Freier Gewerkschaften zu einem Workshop nach Washington ein, der dieses Thema bearbeitet - vorsorglich schickt DGB-Chef Schulte einen Mitarbeiter dorthin.
Bislang wird die gewerkschaftliche Mitsprache vor allem da erprobt, wo die betriebliche Alterssicherung stark ist - in den Niederlanden zum Beispiel, wo die Gewerkschaften sogar ein "Triple P" (profit, people, planet) als Kriterium für Investitionen einführen wollen. Auch in Großbritannien sind soziale Kriterien beim Investment üblich. "Von den 25 größten Pensionsfonds wollen 21 sozial verantwortlich investieren", sagt Jan Klumb vom Berliner Forschungsinstitut Ecologic. "Immer häufiger klingelt bei den Unternehmen das Telefon, und Mitarbeiter der Fonds, die Großaktionäre sind, wollen Auskunft über die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards."
Einige deutsche Gewerkschafter sehen weniger Bedarf an sozialen Standards bei der Geldanlage. "Solche Klauseln brauchen wir nicht", sagt der württembergische Bezirksleiter der IG Metall, Berthold Huber. Auch Roland Issen, Chef der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG), erklärt: "Die Rendite steht im Vordergrund."
Tatsächlich gelten für Pensionsfonds im Zweifel harte Fakten: Sie suchen die lukrativste Anlageform. Wie man das Geld künftiger Senioren richtig vermehrt, demonstriert der größte amerikanische Pensionsfonds Calpers, das Anlageinstrument der kalifornischen Beamten und Angestellten. Calpers verwaltet rund 180 Milliarden Dollar - und achtet genau darauf, wohin das Kapital fließt. So veröffentlicht der Fonds jedes Jahr die Corporate Governance Focus List, die Namen der zehn schlechtesten Aktien im Portfolio.
Der Chiphersteller AMD zum Beispiel fand sich im vergangenen Februar auf der Liste wieder, weil er von zweieinhalb Geschäftsjahren "nur drei Quartale mit Gewinn abschloss". Vor Jahren war die schwarze Liste noch länger, damals nannte der Fonds die Namen von 50 Firmen.
"Wo Calpers seinen Einfluss geltend macht, fallen Späne", sagt Hans-Joachim Voth, Professor für Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Cambridge und Barcelona. Von den Chefs der Unternehmen, die auf die Liste der gescheiterten 50 gerieten, "verloren 16 Prozent im gleichen Jahr ihren Job".
Pensionsfonds bestimmen die Firmenstrategie
Die Aktionäre dagegen gewannen. Calpers fordert von profitarmen Unternehmen nämlich Taten. Hier einen Konzernteil abstoßen, dort Mitarbeiter entlassen: Die Anteilseigner aus Kalifornien wissen meistens, was sie wollen.
Befolgten Unternehmen die Ratschläge, stieg zumindest in der Vergangenheit auch der Shareholder-Value. Innerhalb von zwei Jahren gewann ihr Börsenkurs durchschnittlich 14 Prozentpunkte gegenüber dem vergleichbaren Index.
Kein Wunder, dass die Macht von Calpers weiter wächst. Monat für Monat erwirtschaftet der Fonds einen Überschuss von 300 bis 500 Millionen Dollar - Geld, das wiederum nach lukrativen Aktien sucht.
Sitzen die Arbeitnehmer also in einer strategischen Falle? Kostet die höhere Rente des einen Arbeitnehmers also den anderen den Job? Dieser Schluss liegt nahe. "Letztendlich geht es doch darum, den Leuten eine attraktive Pension zu zahlen", sagt Kapitalmarktexperte Voth. Die Gewerkschafter müssen sich marktgerecht verhalten wie einst die "Coupon-Schneider", die Karl Marx so verachtete.
Shareholder-Value heißt das auch - wie im vergangenen Jahr, als Mannesmann den Konkurrenten Vodafone übernahm. Damals riet John Sweeney, der Boss des AFL-CIO, allen Fonds, die amerikanisches Gewerkschaftsgeld verwalteten - und rund 13 Prozent der Mannesmann-Aktien hielten -, das feindliche Übernahmeangebot von Vodafone abzulehnen. Die deutschen Mannesmänner jubelten ob der Hilfe des großen Bruders, und IG-Metall-Gewerkschafter jubelten mit.
Doch Sweeney sprach eine Empfehlung aus, keinen Befehl. Tatsächlich kann er seine Treuhänder, die über die Anlagepolitik der Fonds wachen, nur beraten.
Am Ende stimmten auch die US-Pensionsfonds für die Übernahme von Mannesmann.
Das übersehen deutsche Gewerkschafter heute gern, wenn sie von den Einflussmöglichkeiten künftiger deutscher Pensionsfonds träumen.
Natürlich hat ein Pensionsfonds die Mittel, die er anlegen soll, lange zur Verfügung - 20 oder 30 Jahre, manchmal vielleicht sogar 40. Doch der langfristige Horizont schließt nicht aus, dass Pensionsfonds kurzfristig Gewinn anstreben. Schon heute klagen Vorstände über die Exzesse des Kapitalmarkts, über quälende Sitzungen, in denen aggressive Fondsmanager vermeintliche Schwachstellen im Unternehmen bloßlegen und vom Vorstand bessere Zahlen einfordern - ihn "grillen", wie es in der Finanzszene heißt.
"Wenn mein Unternehmen bei Grillpartys aber nur nach kurzfristigen Maximierungskennziffern bewertet wird, müsste ich Strategien fahren, die unternehmerisch keinen Sinn machen", sagt Nikolaus Schweickart, Vorstandsvorsitzender des Pharma- und Chemiekonzerns Altana.
Diesem kurzfristigen Denken wollen auch Berliner Parlamentarier etwas entgegensetzen. SPD-Umweltpolitiker und die Grünen setzten beispielsweise in Riesters Rentengesetz eine Passage durch, die sanften Druck auf die Fondsmanager ausüben soll.
Den Rentenreformern unterlief eine peinliche Panne
Danach muss ein Anbieter von Produkten der Altersvorsorge "schriftlich informieren, ob und wie er ethische, soziale und ökologische Belange bei der Verwendung der eingezahlten Beiträge berücksichtigt". Durch diese Berichtspflicht soll ein Anreiz zu ökologisch sinnvollen Investitionen entstehen. Ein ähnlicher Mechanismus hat sich in Großbritannien bewährt.
Den deutschen Reformern unterlief allerdings eine peinliche Panne.
Ausgerechnet im Gesetzesteil, der sich auf die betriebliche Altersvorsorge und Pensionsfonds bezieht, ist der Ökopassus nicht enthalten. Er gilt ausschließlich für die rein private Vorsorge. Bleibt es dabei, hätte das Ökosiegel seinen Zweck verfehlt, denn dem Initiator Ernst Ullrich von Weizsäcker (SPD) war es genau um diejenigen gegangen, die das Gesetz nun nicht erfasst. "Ausgerechnet die Pensionsfonds sind als Agenten der Kurzfristigkeit aufgetreten", warnt er. "Und in ihrer Shareholder-Value-Mentalität hat der Umweltschutz einen sehr geringen Stellenwert."
Mitarbeit: Winfried Rauter
- Datum 08.03.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11/2001
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