So entsteht mehr Arbeit
Jeder ist mitverantwortlich für seine Beschäftigung
1. Die Hoffnung auf ein Wirtschaftswachstum, das Vollbeschäftigung schafft, enttäuscht die Westdeutschen seit fast dreißig und die Ostdeutschen seit zehn Jahren. Seit 1973, dem Beginn der Beschäftigungskrise in Westdeutschland, stieg der Wert der pro Kopf erwirtschafteten Güter und Dienste um fast fünfzig Prozent. Gleichzeitig verminderte sich jedoch die Arbeitsmenge, gemessen in tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden, um reichlich ein Siebentel. Im Schnitt arbeitet heute jeder Erwerbstätige jährlich 56 Arbeitstage weniger als vor 27 Jahren. Der Abwärtstrend ist seit 150 Jahren bemerkenswert stabil. Der stetig steigende Einsatz von Wissen und Kapital treibt die Produktivität schneller voran als die Wirtschaft. In einer Stunde wird heute in Deutschland zwölfmal so viel erwirtschaftet wie 1900 und sechsmal so viel wie 1950.
2. Um unter diesen Bedingungen Vollbeschäftigung zu schaffen, muss sich die Bevölkerung an die sich ändernden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen anpassen. Das ist bislang kaum geschehen. Viele pflegen noch immer Sicht- und Verhaltensweisen, die eher der historisch überholten Industrie- als der neuen Wissensgesellschaft gemäß sind. Politik und Gesetzgebung spiegeln das rückwärts gewandte Denken wider. Nichts zeigt das deutlicher als das überkommene Sozialstaatskonzept. Es ist im Wesentlichen auf Arbeitnehmer ausgerichtet, die möglichst 45 Jahre lang Vollzeittätigkeiten nachgehen. Solche Arbeitnehmer sind jedoch zunehmend Geschichte. Dennoch wird so getan, als seien alle Arbeitsplätze - wie im Industriezeitalter üblich - nahe an Wissen und Kapital angesiedelt und entsprechend produktiv. Das ist ein wesentlicher Grund für die hohen Kosten der Arbeit. Gefragt wird nicht nach deren wirklicher Wertschöpfung, sondern nach der Leistungsfähigkeit des hinter ihr stehenden Wissens und Kapitals.
Arbeitsplätze, denen dieses Wissen und Kapital nicht zur Verfügung steht, werden aber millionenfach vom Arbeitsmarkt verdrängt. Sie finden sich teilweise als Schwarz- und Eigenarbeit wieder.
3. Schätzungsweise zwölf Millionen Menschen sind in der Schwarzarbeit engagiert, Vollzeit oder Teilzeit. Sie lehnen es ab, die hohen Sozialkosten zu tragen, die mit legaler Erwerbsarbeit einhergehen. Veraltete Rechts- und Sozialstrukturen behindern dadurch die Einbeziehung vieler Milliarden Arbeitsstunden in den legalen Arbeitsmarkt. Deshalb muss die enge Verbindung zwischen abhängiger Beschäftigung und Sozialbeiträgen erheblich gelockert und teilweise ganz beseitigt werden. Die Kosten des Sozialstaats sind zu mindern und stärker über den Konsum zu finanzieren.
4. Auch niedrig produktive Tätigkeiten, insbesondere personennahe Dienste, sind in den Arbeitsmarkt zurückzuführen. Das stößt auf zwei Hindernisse: Das Einkommen, das für solche Tätigkeiten erzielt werden kann, liegt derzeit dicht an der Sozialhilfe. Hier muss entschieden werden, ob die Sozialhilfe für erwerbsfähige Anspruchsberechtigte gesenkt oder die Arbeitseinkommen durch ergänzende Transfers erhöht werden sollen. Beide Strategien haben Vor- und Nachteile. Das aber darf kein Grund sein, gar nichts zu unternehmen.
Gleichzeitig ist das oft niedrige gesellschaftliche Ansehen solcher Tätigkeiten zu heben. Noch immer gilt es als unschicklich, personennahe Dienste nachzufragen, und als unzumutbar, sie anbieten zu müssen.
Insbesondere in einer stark alternden Bevölkerung ist solches Denken wirtschaftlich und sozial unvertretbar.
5. Arbeitnehmer müssen sich daran gewöhnen, unternehmerischer zu handeln. Von den Bedingungen des Industriezeitalters geprägt, erwarten viele, dass irgendwelche Dritten und notfalls der Staat für sie die Arbeitsplätze schaffen. Arbeitnehmer müssen lernen, zu Unternehmern ihrer eigenen Arbeitskraft zu werden. Das bedeutet nicht unbedingt, dass künftig viel mehr Menschen als Selbstständige tätig sein werden, obwohl auch das wünschenswert und förderungswürdig ist. Aber es bedeutet, dass die Bürger für ihre Beschäftigung mitverantwortlich sind. Sie sind verantwortlich für ihre Verwendbarkeit, für die sie durch Aus- und Fortbildung zu sorgen haben. Sie tragen Mitverantwortung für die Erhaltung ihrer Arbeitsplätze. Und sie müssen daran mitwirken, für sich einen Arbeitsplatz aufzutun. Sie können nicht länger erwarten, dass sie da abgeholt werden, wo sie sich gerade räumlich oder mit ihren Qualifikationen befinden.
- Datum 08.03.2001 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11/2001
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