Schach ist gesund und nützlich

Kommt ein Schachweltmeister im Alltag besser zurecht? Ein Gespräch mit Wladimir Kramnik über sein Leben am Brett

Das Schachspielen hat Ihnen Ruhm und Reichtum gebracht. Macht Weltmeistersein also Spaß?

Ruhm und Reichtum sind nicht wichtig. Aber mit dem Titel Weltmeister habe ich mein höchstes persönliches Ziel erreicht, das Maximum in meiner Branche. Das ist ein sehr befriedigendes Gefühl. Aber ich leide immer noch unter körperlichen Nachwirkungen des letzten Matches. Ich schlafe schlecht. Ich komme nicht zur Ruhe. Das Telefon klingelt zu oft. Ich habe zu viel Stress.

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Interviews, Sponsorenmeetings, Turniere.

Was machen Sie überhaupt hier in Paris?

Urlaub vom Schach. Ich bin ausgelaugt. Ich erhole mich. Ich liebe Paris.

Nächste Woche fahre ich weiter. Vielleicht nach Spanien. Ich bin ein Reisender. In meiner Wohnung in Moskau bin ich nur zwei Monate im Jahr. Mein Zuhause ist überall.

Auf dem Januar-Turnier im holländischen Wijk an Zee wurden Sie nur Dritter.

Hinter Exweltmeister Garri Kasparow und Viswanathan Anand. Kasparow attackierte Sie nach seinem Sieg: Sie würden Ihrer Aufgabe als Weltmeister nicht gerecht. Ihre Schach-Performance sei durchschnittlich. Sie täten auch sonst nichts für das Schach, beispielsweise Geldgeber und Veranstalter für Turniere aufzutreiben. Unter Ihnen würde das Schach verkümmern.

Es ist wahr, meine schachsportliche Vorstellung ist nicht sehr überzeugend.

Ich bin in schlechter Form. Ich hatte keine richtige Erholungsphase.

War das Schachspielen in Wijk eine Qual?

Nein, wenn es eine Qual ist, kann ich nicht spielen. Es war sogar noch eine gewisse Freude da. Die ist immer da beim Schach. Aber ich litt, weil ich merkte, dass ich nicht so gut war wie sonst.

Mangelte es an Kreativität?

Nein, die Ideen waren da. Aber ich konnte sie nicht so gut organisieren.

Konzentrationsprobleme. Ich konnte beispielsweise auch nicht so tief und genau rechnen.

Wie steht es mit Kasparows anderem Vorwurf: Sie kümmerten sich nicht genug um die Vermarktung des Schach?

Ich habe viele Gespräche mit möglichen Sponsoren geführt. Was hat Garri Kasparow nach dem Gewinn des Titels 1985 getan? Er hat eine Kampagne gegen ein Revanche-Match gegen Karpow gestartet. Seine Werbeaktionen für das Schach begann er erst ein paar Jahre später. Garris Angriffe gegen mich erkläre ich mir mit seinem Frust über den Titelverlust.

Apropos Rematch. Kasparow behauptet, Sie kneifen.

Er hat selbst für die Abschaffung der Rematches gekämpft. Nach seinen eigenen Wünschen von damals müsste er sich als Herausforderer in speziellen Kandidatenturnieren qualifizieren. Aber ich wäre auch zu einem Rematch bereit. In einem Jahr oder so. Nur muss ich nicht auch noch den Sponsor dafür suchen. Das muss schon der machen, der ein Sonderrecht beansprucht. Die Schachspieler sind alle gegen Rematches. Sie wollen einen Qualifikationszyklus, in dem jeder seine Chance hat. Nur die Matchverlierer wollen Gratis-Revanchen.

Fast niemand hatte Ihren Sieg gegen Kasparow erwartet. War er in dem Match außer Form? Oder haben Sie ihn psychologisch außer Form gebracht?

Ich habe mich psychologisch besser auf das Match vorbereitet als er. Ich fühle, dass im Schach eine Menge Psychologie steckt. Jeder Schachspieler hat seinen Stil, der seinen Charakter spiegelt. Um in einem mehrwöchigen Match einen Menschen vom Kaliber Kasparows zu schlagen, muss man ihn sehr genau kennen. Man muss auch seine persönlichen Schwächen kennen und ausnutzen. Ich kenne ihn gut. Er war mein Lehrer, und ich war sein Sekundant.

Was sind das zum Beispiel für Schwächen? Was haben Sie ganz konkret psychologisch unternommen?

Ich werde keine Einzelheiten erzählen.

Sie wollen vor der möglichen Revanche keine Tricks verraten?

Es geht nicht um Tricks. Ich habe nichts Unkorrektes getan. Keinen Psychoterror. Ich habe keine Angst vor Kasparow. Ich fürchte weder seine Grimassen noch seine Körpersprache. Er macht das bei mir auch gar nicht.

Haben Sie zum Beispiel damit gerechnet, dass er sich immer wieder vergeblich an Ihrer Berliner Verteidigung, der Berliner Mauer, die Zähne ausbeißt?

Ja, er weiß, dass ich ihm mit dieser Eröffnung ein etwas besseres Endspiel anbiete. Deshalb ist es eine Herausforderung für ihn, mir und sich zu beweisen, dass er dieses Endspiel gewinnt. Er sieht nicht ein, dass ich diese Stellungen besser verstehe als er. Meine psychologische Sichtweise des Schachs entspringt eigenen Gefühlen, nicht den Erfahrungen anderer. Die Berliner Verteidigung habe ich gespielt, weil ich sie für eine ideale Waffe für mich gegen Kasparow halte.

Können Sie das erklären?

Schachspieler sind wie Künstler, wie Maler, die dieselbe Sache verschieden sehen. Jeder malt seine Partien in seinem Stil, wie Karpow, wie Kasparow, wie ich es auch tue. In der Schachpartie kommt der sportliche Aspekt dazu. Jeder will dem anderen seinen Stil aufzwingen. Das ist mir im Match mit Kasparow zum Beispiel mit der Berliner Verteidigung gelungen. Manchmal vermischen sich die beiden Stile zu einer besonders interessanten oder schönen Partie.

Was ist Schönheit im Schach?

Ich kann das nicht erklären. Ich kann es eigentlich nur fühlen. Es ist Harmonie. Eine bestimmte Art von Harmonie, die ich auch in einer chaotischen Stellung erkennen kann.

Die von Ihnen gegen Kasparow immer wieder fabrizierte Stellung nach dem Damentausch in der Berliner Verteidigung finden die meisten Schachliebhaber ziemlich hässlich.

Viele Leute finden auch Picassos Bilder hässlich.

Kasparow sagt, Sie gehören als Schachspieler zur Dow-Jones-Generation, der die Schönheit nichts, der praktische Erfolg alles bedeutet.

Das ist Unsinn, der Frust des Verlierers. Ich halte eine solche Bemerkung auch für respektlos gegenüber den Kollegen. Sie haben alle wie gesagt ihren individuellen Stil, mit dem sie gewinnen wollen. In der Pressekonferenz nach der siebten Partie sagte Kasparow übrigens: Es kommt bei einem WM-Match nicht darauf an, wie schön man spielt, sondern darauf, ob man gewinnt oder verliert.

Was ist für Sie wichtiger: zu gewinnen oder eine schöne Partie zu schaffen?

Sind Sie in Ihrem Beruf eher Sportler oder Künstler?

Das kann ich nicht trennen. Das ist, als würden Sie mich fragen: Wer ist wichtiger: Eltern oder Bruder? Beides ist wichtig, aber nicht in Konkurrenz, sondern im Zusammenspiel.

Ob schön oder nicht, Sie haben jedenfalls gewonnen. Das jahrelange, oft mühevolle Schachtraining mit Menschen und Computern hat sich für das Schachtalent Kramnik ausgezahlt. Zahlt sich Schachleidenschaft auch für Normalbegabungen aus, für die Millionen Schachspieler in der Welt, die nie einen Preis gewinnen?

Natürlich. Schach ist das einzige Vergnügen, das gesund und nützlich ist. Es ist nicht nur Jogging fürs Gehirn. Wer sein Schach, das ja ein Modell des Lebens darstellt, strategisch verbessert, wird auch bessere Strategien für sein Leben entwickeln.

Zum Beispiel?

Man organisiert sich besser. Weil man alle Aktionen plant und mögliche Gegenaktionen seiner Partner berücksichtigen muss.

Also, die Frage Soll ich diese Frau heiraten? kann ich leichter entscheiden, weil ich gelernt habe, zu entscheiden: Soll ich diesen Bauern schlagen?

Also, über die Frage, ob ich eine Frau heiraten soll oder nicht, muss ich nicht nachdenken. Das entscheiden meine Gefühle. Aber im Geschäftsleben können Planung und Struktur der Gedanken und Erwägung aller Konsequenzen sehr viel Erfolg bringen. Jeder weiß, was er will, aber nicht, wie er das Ziel erreichen soll. Schachgeister wissen auch das Wie. Sie bringen Ordnung in das Chaos.

Mir erscheint es eher, als wäre das Gegenteil richtig. Es gibt Schachmeister, die geradezu unfähig sind, ihr Leben zu meistern. Sie haben Unordnung in ihren Räumen und in ihren Köpfen.

Das gibt es tatsächlich. Schach hat nicht nur den Ordnungsfaktor, sondern es ist auch Kunst. Die Spieler sind auch Künstler, denen ja oft eine bestimmte Ordnung im Leben unwichtig oder sogar unangenehm ist. Ich meine nur, wer Ordnung mag, dem wird Schach es leichter machen, seinen Alltag zu organisieren. Auch ich habe manchmal Unordnung in meinem Raum, aber wenn ich Ordnung brauche, kann ich sie leicht herstellen.

Glauben Sie, dass Schach hilft, sich auch im Leben schneller zu entscheiden, weil man etwa die Uhr im Hinterkopf ticken hört?

Natürlich. Man lernt, dass man handeln muss, auch wenn die Wahl - dieser Zug oder jener - schwer fällt. Man muss sich innerhalb der Bedenkzeit entscheiden. Und man muss die Verantwortung für seine Entscheidung übernehmen. Es hat keinen Sinn, seinen Fehler zu bedauern oder einer verpassten Gelegenheit nachzutrauern. Man muss zu dem schwachen Zug stehen und das Beste daraus machen.

DIE FRAGEN STELLTE WOLFRAM RUNKEL

* Wladimir Kramnik wurde am 25. Juni 1975 als Sohn eines Bildhauers und einer Klavierlehrerin in Tuapse am Schwarzen Meer geboren. Er lernte Schach als Fünfjähriger vom Vater. Mit 12 war er bereits Jugendmeister in der UdSSR, 1991 Jugendweltmeister. Von 1992 bis 1997 lebte er in Berlin und spielte für Empor Berlin in der Schachbundesliga. Wladimir Kramnik ist der 14.

Weltmeister der Schachgeschichte. Er holte sich den Titel im November 2000 in London von dem seit 15 Jahren herrschenden, bis dahin scheinbar unbesiegbaren Garri Kasparow, den er in einem Match über 16 Partien auch psychologisch in die Knie zwang. Außer dem Titel erhielt der 25-jährige Kramnik ein Preisgeld von rund 1,3 Millionen US-Dollar.

Zum Interview empfängt der Weltmeister den Reporter in einem Pariser Luxushotel. Kramnik - gepflegter grauer Anzug, offenes blaues Hemd - streckt zur Begrüßung die Schachhand aus: Good afternoon! Seine Suite besteht aus zwei großen Räumen, auf einem großen Tisch liegen Papiere, Portemonnaie, Schlüssel, zwei Handys. Ein Schachbrett ist nirgends zu sehen.WLADIMIR KRAMNIK

Schachspieler sind wie Künstler, wie Maler, die dieselbe Sache verschieden sehen. Jeder malt seine Partien in seinem Stil

 
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