Der Mann hieß Schmutz und hatte beste Referenzen. Bill Gates und Bill Clinton tauchten in seinen Unterlagen auf. Unter anderem hieß es da: "Die Firma World Econo Consulting hat das allein Recht auf der ganzen Welt, was mit Internet zu tun hat." Mag der Passus auch holprig formuliert gewesen sein - er verschaffte J. R. Schmutz aus Austin, Texas, der sich "Erfinder des Internet" nannte, vor vier Jahren Audienzen in mehreren Schweizer Führungsetagen.

In Bern traf er den Vorstand der Telecom, in Zürich den Milliardär Karl Schweri. 450 000 Dollar Lizenzgebühr, schlug Schmutz vor, und Schweri sei dabei. Der Firmenpatriarch, Inhaber der Handelskette Denner, stand, wie die Sonntagszeitung erfuhr, kurz vor der Unterschrift, als gerade noch herauskam, dass es sich bei Hans-Rudolf Schmutz aus Basel um einen Hochstapler handelte. Alleinrecht auf der ganzen Welt! Für das Internet! Das hätte wohl mancher gern und wird es nicht bekommen.

Als Gesamtkunstwerk gehört das Internet niemandem. Obwohl es sich um einen der größten Wissensspeicher handelt, den die Menschheit je errichtet hat. 32 Millionen Domains sind zurzeit registriert. Grob geschätzt, zwei Milliarden Websites, im Schnitt zehn Seiten stark. Alles lässt sich da finden - spätromantische Gedichte, Nachrichten vom Ticker, Rezepte für Sachertorte, Gensequenzen. Und fast alles umsonst. Was schon sehr eigenartig ist. Schließlich handelt es sich nicht um Schleuderware, sondern um geistiges Eigentum.

Jüngstes Beispiel: Napster. Die Musiktauschbörse, Anfang 1999 von einem kalifornischen Teenager namens Shawn Fanning gegründet, hat sich innerhalb kurzer Zeit zur größten Gemeinde im Internet entwickelt. Mehr als 60 Millionen Mitglieder können bei Napster unter 150 Millionen Musiktiteln wählen und sich ihre Hits auf den eigenen Computer laden - kostenlos. Ob das rechtens war und ist, darüber wird vor amerikanischen Gerichten gestritten, die Musikkonzerne Universal, Sony, EMI und Warner haben Klage erhoben. Vergangene Woche entschied die US-Bezirksrichterin Marilyn Hall Patel: Napster muss ab sofort innerhalb von 72 Stunden jeden Titel blockieren, der von den Klägern genannt wird. Das könnte eine lange Liste werden. Denn die Musik wird von Napster gar nicht ins Netz gestellt. Das besorgen die Fans. So steht etwa Norwegian Wood von den Beatles nicht ein- mal, sondern hundertfach zur Auswahl, als 02Beatles-Norwegian Wood.mp3 oder The Beatles - Red Album - 1962. Suchmaschinen laufen da schnell ins Leere.

Im Hauptverfahren steht die gerichtliche Entscheidung noch aus. Die Konzerne fordern nicht einfach nur das Ende von Napster. Sie fordern rückwirkend Entschädigung. Stolze Summen werden gehandelt; der Branchendienst Webnoize behauptet, allein im Februar seien über Napster fast drei Milliarden Tauschvorgänge abgewickelt worden. 150 000 Dollar pro Musiktitel reklamiert die Musikindustrie für sich. Den Nachweis allerdings, ohne Napster wäre der Umsatz an den Ladenkassen um den gleichen Betrag höher ausgefallen, bleibt sie schuldig. Wahr ist wohl eher, dass die Tauschbörse den Markt erst geschaffen hat, den sie jetzt bedient.

Um Patente wird gestritten wie früher um Schürfrechte

Deshalb hat Bertelsmann statt einer Klage den umgekehrten Weg eingeschlagen. Über die Tochtergesellschaft BMG ist der Konzern aus Gütersloh bei Napster mit 60 Millionen Mark eingestiegen. Vorstandsvorsitzender Thomas Middelhoff ("Das wird ein zweites AOL") verbreitet branchenüblichen Optimismus. Bis zum Sommer will man ein Gebührensystem einführen. Pauschal hat der Konzern seinen Konkurrenten im Voraus eine Milliarde Dollar Lizenzgebühren angeboten - die aber lehnten ab und setzen weiter auf Verbote. Müsste Napster tatsächlich vom Netz, wäre das nach Ansicht von Bertelsmann der "GAU für die Musikindustrie". Denn es gibt längst Alternativen. Tauschbörsen wie Gnutella, Bearshare oder Scoure sind dezentral organisiert und weder technisch noch juristisch zu kontrollieren. "Dann läuft das Ganze eben im Untergrund ab", sagt Phillip Wittgenstein von Besonic.com, einem kommerziellen Musikportal. Oder offiziell auf anderen Kanälen. Der weltweit größte Internet-Anbieter AOL stellt mit Aimster inzwischen seinen eigenen Tauschdienst bereit.