Warum sollten wir nicht das tun, "was Mutter Natur auch tut", fragte der amerikanische Reproduktionsmediziner Panayiotis Zavos die Journalisten an der römischen Universität La Sapienza am vergangen Wochenende. Zavos ist ein Mitarbeiter des italienischen Fortpflanzungsmediziners Severino Antinori, der fest entschlossen ist, in den nächsten Monaten in einem "noch geheimen" Mittelmeerstaat den ersten "lebensfähigen Embryo" zu klonen. Die Zeit sei reif, das menschliche Leben zu verlängern und der unzulänglichen Schöpfung auf die Sprünge zu helfen. In der Wissenschaft, erklärte Antinori, gebe es keine Grenze. "Genauso wie im Leben."

Noch vor wenigen Monaten galt Antinoris Eingreiftruppe als Club von Spinnern, denen die aufgeklärte Welt der Wissenschaft nüchtern gegenübersteht. Doch diese Selbstberuhigung könnte sich als Irrtum erweisen; die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen "hartem" medizinischen Wissen und "weichen" kulturellen Visionen verschwimmt in Unschärfe. Längst hat die Revolution der Genforschung wilde Fantasien entfesselt, denen gegenüber sich Science-Fiction-Romane wie Tastversuche in der Dunkelkammer ausnehmen.

Vor allem in den kulturellen Zirkeln ist kein Halten mehr; hier kehrt das utopische Denken, auf das Intellektuelle so lange verzichten mussten, in Gestalt von Genvisionen und fantastischen Zukunftsentwürfen zurück. So unterschiedlich diese Träume auch sein mögen, so kreisen sie vor allem um eine einzige Vorstellung: um das künftige Zeitalter, mit dem ein zählebiges Provisorium, die lange Epoche Alteuropas, definitiv zu Ende geht und aus unserem Gesichtskreis verschwinden wird. Das Alte liegt hinter uns. Das Neue hat noch nicht begonnen. Dazwischen liegen Angst und Pessimismus, die Hysterie der Verzagten.

Glaubt man den neuen Utopikern, dann stehen wir an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter. Wir sind Zeuge einer dramatischen Epochenzäsur; rapide verlieren die alten Weltbilder an Gültigkeit, während am Horizont die Umrisse einer Hypermoderne sichtbar werden, in der vertraute, scheinbar naturwüchsige Grenzen verschwinden - die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, Technik und Natur, Geist und Materie. Hinter uns türmen sich der europäische Traumabfall, die Illusionen der Aufklärung, das Ammenmärchen vom mündigen Subjekt und das humanistische Selbstverständnis des Menschen. Zu Ende, sagen die neuen Utopiker, sei das Weltzeitalter der Spaltungen, die Entzweiung von Individuum und Gesellschaft, Subjekt und Objekt.

Und vor uns? Vor uns liegt die Epoche der Hypermoderne. Denn zum ersten Mal in ihrer Geschichte sei es der Gattung vergönnt, die Evolution selbst in die Hand zu nehmen und die dazugehörigen Menschen in ihrem Wesenskern zu verändern. Nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms stehen wir, so klingt es triumphierend herüber, an der Zeitmauer. Nach Jahrtausenden erzwungener Demut könne der Mensch sein biologisches Schicksal in die Hand nehmen und sich nach seinem eigenen Bild erschaffen. Alle abendländische Schwermut habe nun ein Ende; die Gattung darf die innersten Seiten im Buch der Natur nicht nur lesen, sie kann diese Seiten redigieren und umschreiben: neu und besser. Nicht länger müsse sich die Gattung dem Willen des blinden Uhrmachers beugen, sondern darf ihm, sein Werk verbessernd, die Hand führen.

Kulturpessimismus verhindert den Sieg einer besseren Zukunft

In ihren Weissagungen berufen sich die Denker der Hypermoderne nicht auf Hochrechnungen oder kurzlebige Mutmaßungen. Vielmehr, so sagen sie, beziehen sie ihre Erkenntnisse direkt aus dem Herzen der Naturwissenschaften und deren Einsicht in die unfehlbare Logik der "Evolution". Die Wahrheit über die anbrechende Hypermoderne, sagt man, ist nicht ausgedacht; sie ist keine Spekulation, sondern eine Einsicht in das Unvermeidbare. Denn schließlich war es die Evolution selbst, die uns Altmenschen das biotechnische Wissen zu seiner Weiterentwicklung an die Hand gegeben hat. Dieses Geschenk dürfe man nicht ausschlagen; es dient dem Fortleben des Menschengeschlechts, teuflische Rückschläge wie jetzt in den USA bei der Therapie mit embryonalen Stammzellentherapie eingeschlossen. Auch Eingriffe in den Genpool sind kein Skandal. Moralische Hemmungen? Nichts mehr als rückständige Empfindungen einer sterbenden Epoche.