Undeutlichkeit ist die Mutter aller Höflichkeit

fatalerweise auch die des Argwohns. Wer die Taktlosigkeit des physischen Befunds vermeiden und eine Frau nicht direkt als schwanger bezeichnen wollte, sprach seinerzeit von "anderen Umständen". Als Kind waren einem diese Umstände gänzlich schleierhaft

man war aber bereit, das Düsterste anzunehmen.

Ähnlich geht es selbst Erwachsenen mit der neuerdings in Amerika üblichen Bezeichnung von Behinderten als differently abled. Wozu, um Himmels willen, ist ein Blinder beispielsweise "anders begabt" als andere Menschen? Zur Ultraschallortung von Beutetieren wie eine Fledermaus? Worin besteht die Andersbegabung eines Gehbehinderten? In einer abnormen Geschicklichkeit im Umgang mit Rollstühlen? Schon sieht man statt des reizenden älteren Herrn einen jähzornigen Krüppel, wie er den gehtechnisch normalbegabten Fußgängern die Zehen plattfährt.

Die Annahme, dass einer, nur weil ihm ein Bein fehlt oder das Hörvermögen, gleich eine ominöse Andersbegabung entfaltet, gibt zu schlimmen Spekulationen Anlass. Ließe sich nicht auch ein Krimineller als differently abled definieren

also etwa zu Scheckbetrug oder Wohnungseinbrüchen? Auch beim belgischen Kindermörder Dutroux könnte ein, wenngleich schwerer Fall von Andersbegabung vorliegen: nämlich zur Andersverwendung von kleinen Mädchen.

Die Sache wird übrigens nicht besser durch eine Andersübersetzung als "abweichend befähigt". Die abweichende Befähigung eines Tauben soll sich ja wohl kaum im bloßen Nichthören erschöpfen. Wie man es dreht und wendet: In der Rede von den differently abled persons ist ein Schaudern inbegriffen.