Welche Rolle spielte die Deutsche Bank bei der planmäßigen Enteignung jüdischen Eigentums in der Zeit des "Dritten Reiches"? Die jetzt vorgelegte Studie des Princeton-Historikers Harold James bestätigt und erweitert die Feststellung, die er bereits in der 1995 veröffentlichten Festschrift Die Deutsche Bank 1870-1995 getroffen hat: dass das Bankhaus mit seiner Beteiligung an der "Arisierung" "schwere moralische Schuld" auf sich geladen habe (ZEIT Nr. 9/95).

Es ist begrüßenswert, dass die von der Deutschen Bank 1998 eingerichtete Historikerkommission, der neben James noch Avraham Barkai (Jerusalem), Gerald D. Feldman (Berkeley), Lothar Gall (Frankfurt) und Jonathan Steinberg (Philadelphia) angehören, den Beschluss gefasst hat, die seit 1995 neu aufgefundenen Archivmaterialien noch einmal genauer auf die Frage hin zu durchmustern, inwieweit die Bank in die "Arisierungmaßnahmen" des NS-Regimes verstrickt gewesen ist.

Neues Licht fällt auf die Rolle von Hermann J. Abs

James beschreibt zunächst die Beteiligung der Deutschen Bank am Prozess der Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben vor der so genannten Reichskristallnacht 1938 - sei es durch ihre Verdrängung aus einflussreichen Positionen, sei es durch den Verkauf ihrer Unternehmen.

Eindrucksvoll stellt er dar, welchen Druck die Berliner Zentrale auf die Filialen ausübte, ihr Listen der "nichtarischen Kundschaft" zu übermitteln, die für eine "Arisierung" infrage käme. Nicht alle Filialen folgten der Aufforderung. Es gab Filialleiter, die Ausflüchte machten und die Antwort zu verzögern suchten. Es gab aber auch andere, die bereitwillig die Initiative ergriffen und sich dabei auch von antisemitischen Motiven leiten ließen.

Widersprüchlich sind die Angaben über die Zahl der von der Deutschen Bank betriebenen oder begleiteten "Arisierungen". An einer Stelle spricht James von 330 Firmen, an anderer bemerkt er, dass die Zahl sehr viel höher gewesen sei. Das scheint in der Tat zutreffend gewesen zu sein, wenn man bedenkt, dass allein die Hamburger Filiale 147 "Arisierungsfälle" abwickelte.

Mit dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 und dem Beginn der territorialen Expansion des "Dritten Reiches" setzte laut James eine neue, aggressivere Phase der "Arisierungspolitik" ein. Bei der wirtschaftlichen Beherrschung und Ausplünderung Mittel- und Osteuropas hätten die deutschen Großbanken - allen voran die Deutsche Bank und die Dresdner Bank - "eine wichtige Helferrolle" gespielt. Die von James in Prag gesichteten Dokumente belegen, dass "der schlimmste und ausbeuterischste ,Arisierungsfall'" die Übernahme der Ceská Banká Union (Böhmische Union-Bank) war und die Deutsche Bank hierbei eng "mit den terroristischen Apparaten von Militärbehörden, Partei, SS und Gestapo" zusammenarbeitete. Für den Autor wirft dieser Vorgang ein Licht darauf, "wie brutal und ,gesetzlos' die Deutsche Bank sich im besetzten Europa aufführte".