Der Name war, wie in jenen mickrigen Jahren üblich - von Sinn und Form über Welt und Wort bis Texte und Zeichen -, einigermaßen läppisch. Das Programm war es nie. Volk und Welt, der zweitgrößte belletristische Verlag der DDR nach Aufbau, sollte das Tor zur Welt aufstoßen: ein kühnes bis gewagtes Unterfangen im spießig-muffigen Staat des preußischen Sozialismus, in dem "Auseinandertanzen" verboten, ein Kuss in der Straßenbahn ungehörig und die Lektüre von Kafka strafbar waren. Doch von Beginn an - der Verlag wurde 1947 gegründet - war es einer frechen, gelegentlich waghalsigen Equipe gelungen, dieses Tor zur Welt weit aufzustoßen; wenn das auch manchmal arg klemmte. Die ersten Majakowskij-Ausgaben (Selbstmord des Autors verschwiegen) in fast futuristischer Aufmachung sind heute Inkunabeln des Antiquariatsmarkts so gut wie etwa Pablo Nerudas Großer Gesang mit den Holzschnitten von Venturelli. Louis Aragon und Paul Eluard und Jorge Amado, gar der erste García Márquez, der erste Cees Nooteboom in Deutschland überhaupt, aber auch die erste umfassende Tucholsky-Ausgabe, von Werner Klemke in bester Heartfield-Tradition ausgestattet, oder Hans Mayers Büchner-Buch (beide Autoren dem für deutsche Literatur zuständigen Aufbau-Verlag zum Ärger von dessen Chef Walter Janka "wegstibitzt"): Frivol wäre, wer Elan und Fantasie diesem Haus ableugnen würde, an dessen Autoren-Hunger - von Mohammed Dib bis Tibor Déry - sich später so mancher westdeutsche Verlag sättigte; bis heute gilt die mustergültige Bulgakow-Gesamtausgabe als Pioniertat.

Die wird man von nun an als Angebot der Backlist beziehen können. Der Verlag - wenn man denn unter "Verlag" eine Institution versteht, die Bücher produziert - wird geschlossen, die vorhandenen Titel werden ausverkauft, Autoren, falls beide Seiten das wollen, ins Luchterhand-Programm übernommen, neue Bücher nicht verlegt. Der Eigentümer, Herr von Boetticher, ist es leid, weiter die großen Summen zuzuschießen, die der Verlag trotz einiger Erfolge wie Thomas Brussigs Helden wie wir verschlang. Verlagsleiter Dietrich Simon - vom vergrätzt-wehmütigen Berichterstatter befragt - sagt, er könne es einem Inhaber nicht verargen, irgendwann das Geldsäckel zuzuschnüren. Warum allerdings jemand einen Verlag kauft, von dem ja bekannt war, dass nicht Harry Potter noch Stephen King in seinen Katalogen zu finden waren, bleibt ein wenig unverständlich. Der Segelyachtbesitzer, der nicht segeln kann und die Wellen fürchtet: kein so richtig schönes Bild. Dem reichlich albernen Statement von Verlagsleitung und Pressesprecherin, dass schließlich auch der Berlin Verlag oder Heyne, weil unrentabel, verkauft worden seien, ließe sich unschwer mit dem Hinweis auf Klaus Wagenbachs bravouröse Verlegerleistung oder den Wagemut von Gerd Haffmans begegnen. Vielleicht hätte man ja bei ein bisschen mehr liebevoller Energie doch die feine kleine Weinabteilung im Bierrestaurant offen halten können?

Mit dieser Energie hatte 1989 eine Gruppe prominenter Autoren - Günter Grass, Rolf Hochhuth, Günter Gaus, Adolf Muschg und andere - versucht, den Verlag aus den Abwicklungsgefährdungen der Treuhand-Wirrnisse zu retten, hatten gleichsam als "Attest" einer erhaltenswerten noblen Tradition den Bundespräsidenten Weizsäcker zu dem Besuch im Verlagsgebäude eingeladen, hatten den trüben Übernahmeversuch durch eine Kalenderdruckerei abgewehrt: alles vergebens. Der Verlag Volk und Welt ist - nun also: war - ein Stück Kulturgeschichte der DDR; übrigens auch deren Konstruktionsfehler aufweisend. Denn vieles, was Wind in dieses luftlose Land und zu den atemknappen Lesern brachte, was das Publikum mit geradezu "grenzenloser" Gier auflas: war ja "geliehen". Die schönen weißen Bändchen mit Geschichten von Benn und Celan und René Char - vornehm ausgestattet von Horst Hussel -, die Hemingway- und Böll- und Sartre-Bücher, mal Updike, mal Grass, mal Beckett, die dreibändige Sigmund-Freud-Ausgabe: Lizenzen, die nach der Wende an die westdeutschen Lizenzgeber zurückfielen. Was blieb - Aitmatow, Granin, Ehrenburg -, war immer noch bemerkenswert genug. Profitabel war es offenbar nicht. Von den zuletzt fünfzehn bis zwanzig Originalpublikationen pro Jahr erreichten nicht mehr als drei bis vier Titel die Ziellinie. Dem Satz von Dietrich von Boetticher: "Man kauft keinen Verlag, um sich auf Dauer finanziell zu schädigen", lässt sich wenig entgegenhalten. Die etwas zage Frage, ob es vielleicht doch das ungeliebte Ziehkind war, dem das Magermilchsüppchen hingestellt wurde, daran es verhungerte, bleibt gleichwohl.