Mit seltsam verschwiegenen, immer wieder in Pausen versickernden Stücken (Der Name, Das Kind, Der Sohn, Die Nacht singt ihre Lieder) ist der Norweger des Jahrgangs 1959 Jon Fosse eine der Gestalten, die das Repertoire des deutschsprachigen Theaters in dieser Spielzeit prägen - und oft die Zuschauer, die hier vor allem als Zuhörer gefordert sind, verstören. Nun können wir einen ersten Roman des in Bergen lebenden Autors kennen lernen, der auch Gedichte, Essays und Kinderbücher schreibt: Melancholie. Das Buch ist in zwei Teilen 1995/96 in Oslo erschienen.

Leser in Deutschland erhalten als erste Bekanntschaft mit einem bisher unbekannten Erzähler also gleich einen umfangreichen Band von 445 Seiten, der in Wahrheit aus wenigen, in immer neuen Kombinationen variierten Sätzen besteht. Wer durch schnellen Bild- und Informations-Fluss von Film und Fernsehen, Videos, und Computer-Spielereien verdorben ist für die geduldige Langsamkeit genauen Lesens, mag das Buch vielleicht aus der Hand legen nach einer solchen Passage, die sich schon auf der zweiten Seite findet: "Und dann stand Helene da. Stand da in ihrem weißen Kleid. Mit ihrem hellen Haar, lockig, obwohl es straff hochgesteckt war, stand Helene da, stand da mit ihrem kleinen Mund über ihrem feinen Kinn. Helene stand da mit ihren großen Augen. Stand da und hat mich aus ihren großen Augen angestrahlt. Meine liebe Helene."

Jetzt werden wie beim Hören von minimal music geringste Änderungen im scheinbar festen rhythmischen Muster bedeutsam. Wie in den Endlos-Ketten musikalischer Tonfolgen bei Philip Glass oder Steve Reich kann die kleinste Abweichung explosive Wirkung erzeugen, die neues Hören/Nachdenken erzwingt. So hier. Zum ersten Mal lernen wir die nie erreichte, aus naher Ferne verehrte Geliebte - eines Malers - kennen. Sie trägt den Namen der schönsten Frau des Altertums: Helene, die nur Unglück über Männer brachte, die um sie kämpften. Der Augenmensch von Maler, der sie uns mit seinen Augen sehen lässt, lenkt - mit keineswegs überflüssigen Wörtern oder zu vernachlässigenden Wortwiederholungen - den Blick auf das, was die Mädchenfrau auszeichnet, auf ihre "großen Augen", auf die "schönen strahlenden Augen", wie es gleich im nächsten Satz heißt.

Der Maler, der hier von der 15-jährigen Tochter seiner Zimmerwirtin in Düsseldorf schwärmt, wo er von 1852 bis 1854 an der Kunstakademie bei Hans Gude Landschaftsmalerei studierte, hat wirklich gelebt. (Das ist zum Verständnis des Romans nicht wichtig, gibt dem Werk aber eine mehr als nur historische Tiefen-Dimension.) Lars Hertervig, 1830 als Sohn armer Leute und eines als "Außenseiter" verschrienen Quäkers auf der kargen Insel Borgøy geboren, 1902 in der Hafenstadt Stavanger im Elend gestorben, gilt als einer der berühmtesten Landschaftsmaler seines Landes, Meister der "nordischen Naturromantik". Eines seiner bedeutendsten, geheimnisvoll stillen Bilder, Borgøy (1867), schmückt den Umschlag. Selbst dieser Massen-Druck ohne Kunstanspruch gibt eine Ahnung von der an William Turner erinnernden Wolken- und Wasser-Kunst zerstäubender Farben, hier nur in Perlmutt schimmernden Blau- und hellen Grautönen von Felsen und Fjorden, auf die, schwer zu orten hinter sich türmenden Wolken, Strahlen des Himmels ein unwirkliches Licht werfen.

Wir sind schon ganz bei Fosses Roman, der das Licht beschwört, auch das innere des Seelenfünkleins, auf das die Schweigeversammlung jeder Quäker-Gemeinde harrt. Licht in allen Brechungen der Farbskala ist in diesem auf das Lebens- und Todes-Kolorit Schwarz-Weiß imprägnierten Roman eines der zentralen Themen. Weil Hertervig schon als Kind "eigen" war, rasch in Tränen ausbrach oder von der Fischer-Kate weglief, wo er mit elf Geschwistern hauste, und ausgerechnet während seines von einem Mäzen ermöglichten Studien-Aufenthalts in Düsseldorf den ersten Schub einer immer wiederkehrenden Geisteskrankheit (Schizophrenie) erlitt, verdunkelt sich das Licht, das er überall sucht, dramatisch: Immer wieder ist von "schwarzem Licht" von "leuchtender Dunkelheit" die Rede.

"Ich muss ja irgendwo sein, alle brauchen doch einen Platz"

Fosse schreibt keinen Roman "über" einen in Museen und Kunstgeschichten lebendigen Maler, schon gar keine Künstler-Biografie. Er umkreist das Leben eines in die Irrenanstalt, dann ins Armenhaus abgeschobenen Außenseiters, der um sein Leben(s-Recht) kämpft: "Ich muss ja irgendwo sein, alle brauchen doch einen Platz."

Fosse schreibt gleichsam aus dem Kopf des armen, gehetzten Lars Hertervig. Und mit einem Mal werden die stilistischen Eigenarten seines Erzählens verständlich und entwickeln einen Sog, der den Leser in das Buch, in das Leben, in den Kopf dieses gepeinigten Mannes hineinzieht. In all den Wortwiederholungen, dem Repetieren von Sätzen und ganzen Passagen - mit bedeutungsvollen, kleinsten Verschiebungen, Akzent-Verlagerungen, überlegtem Tausch von Ausdruck, Rhythmus, Erzählhaltung (Wechsel der Zeiten oder Personen, von zweiter zu dritter Person und wieder zurück, mitten im Satz) spiegelt sich das Innenleben eines verwirrten, eines ver-rückten Kopfes.

Fosse legt die Hauptfigur seiner großen, vierteiligen Erzählung nicht einfach ins Krankenbett einer Nervenheilanstalt, wo Hertervig zwei Jahre lang "verwahrt" wurde, sondern zielt mit dem an Dürers großen Kupferstich erinnernden Titel Melancholie über bloße Geisteskrankheit hinaus auf eine allgemeine menschliche Grundstimmung, wie sie schon Robert Burton in seiner Anatomie der Melancholie (1621) beschrieben hat.

So erst wird der Roman, jenseits aller biografischen Einsprengsel, ein bewegendes Buch. Es stimmt auch nicht, wie der Verlag im Klappentext beteuert, dass der 22-jährige Lars in der Begegnung mit dem Fünfzehn-Jahr-Mädchen Helene, das er liebt, das ihn liebt, die aber nicht zueinander kommen können, "den Verstand verliert". Die Fremdheit in der Welt, unter der schon der junge Lars leidet, ist eine bedrohliche Weiterentwicklung der Außenseiter-Rolle, die sein Vater, als "Freidenker" und Quäker, in der engen Geistes- und Gefühls-Welt der norwegischen Christen seiner Zeit erleiden musste. So erinnert sich die ältere Schwester Oline, deren Sterbenstag im kürzeren Teil, Melancholie II, erzählt wird, an den Bruder: "Und ich habe gesehen, daß der Lars zu mir hochschaut mit einer großen Dunkelheit in den Augen, mit der Schwere von schwarzen Bergen und schwarzem Himmel in seinen Augen ... Aber hinter seinen Augen drückt etwas so schlimm, hat der Lars gesagt, als würde es ihn auseinander reißen."

Grundfarbe des Buches: Schwarz, wie es die Seelenverfinsterung Melancholie ("schwarze Galle") verlangt. Jon Fosse, ein mit wachen Augen, mit offenen Ohren dichtender Maler- und Musizier-Erzähler, setzt sofort die Komplementär-Farbe als Struktur-Element ein: Weiß, Licht, Helligkeit.

Aus dieser Spannung von Extremen lebt das Buch. Immer wieder der Blick zum Boden, nach unten, aus Scham, aus Nicht-mehr-weiter-Wissen. Dann der Blick nach oben in die Helligkeit des Himmels, ins Offene, in den Anblick der jungen Frau, in deren Namen, Helene, alles Licht sich bündelt zur Glückverheißung von paradiesischem Strahlenglanz. Sind in den drei Silben "Helene", wenn wir den Wort-Forschern glauben, nicht die Licht-Gestirne unserer Welt vermählt: Helios, der Sonnengott; Selene, die Mondgöttin - beide strahlend, dunkles Leben erleuchtend?

Melancholie, die jeden Lebens-Impuls lähmende Schwäche, hält Hertervig gefangen. Gleich der erste Satz belegt die Ohnmacht des doch rastlosen Mannes: "Ich liege auf dem Bett."

Roman im Liegen. Alle finster wütende Bewegung findet im Kopf des am Leben erkrankten Mannes statt. Der erste, beste, weil das gan- ze Panorama seines Lebens auffächernde Teil (200 Seiten), ereignet sich am Nachmittag und Abend im Spätherbst 1853 in Düsseldorf. Der junge Maler hat sich ins Bett verkrochen. Dabei müsste er in der Mal-Akademie sein, wo der verehrte Lehrer Hans Gude die Arbeiten seiner Schüler begutachten soll. Hertervig hat schon, Ehrenzeichen für einen Mal-Schüler, zwei Gemälde an Kunstvereine der norwegischen Heimat verkaufen können. Jetzt glaubt er an die eigenen Werke nicht mehr - hält sich aber für einen der Größten. Die andern sind fast alle "Maler, die nicht malen können".

Weil Hertervig, aus Angst vor dem Gutachten des Lehrers, sich in der Betten-Burg seines Miet-Zimmers verschanzt und sich dann doch, zum ersten Mal, in die Künstler-Kneipe Malkasten wagt, wo den sparsamen Quäkersohn die Kollegen zum Gespött machen, gerät der junge Künstler aus dem Gleis bürgerlichen Lebens. Der bis in Bauch und Barthaar schwarze Onkel der geliebten Halbwaise Helene, in dessen Name "Winckelmann" das Dunkel nistet, schickt den Untermieter auf die Straße.

Den Heimat-, Leben-Losen finden wir im nächsten Kapitel ("Irrenanstalt Gaustad, Weihnachten 1856) wieder im Bett. Jetzt schlägt die Lebens-Liebe zu Helene um in einen Hass auf alle Frauen, die der versehrte junge Mann nur noch als "Huren" wahrnehmen kann. Er masturbiert sich fast zu Tode.

Dann das seltsam überraschende Schluss-Kapitel des ersten Teils. Ein Schriftsteller, hinter dem Jon Fosse zu ahnen ist, macht eine vergebliche Anstrengung, seine Seinsverlorenheit zu retten in die Hülle der betonierten Staatskirche.

Der Schlussteil, Melancholie II, blickt auf Lars zurück, mit den Augen der älteren Schwester Oline. Sie stirbt an diesem Tag wie einer ihrer vielen Brüder. Jetzt wird das Kompositions-Gesetz von Wiederholung und Echo auf andere Art legitimiert: Eine alte Frau käut ihre Erinnerungen an die Jugendzeit wieder. Sie stirbt im Häuschen, dem Außen-Klo im Garten, mit dem Blick auf eine der wirren, schönen Kritzeleien des Bruders, der ein großer Maler war, sich zuletzt als Tagelöhner mit der Zubereitung von Brennholz durchgeschlagen hat.

Was in der Literatur immer noch ungewohnt ist, Darstellung von Melancholie in quälenden Wiederholungen, hat Musik längst geleistet. Wer je den zweiten Satz Largo e mesto der Sonate opus 10, Nr. 3 in D-Dur (1796/98) des jungen Beethoven gehört hat, weiß, wie Melancholie klingt. Da kommt eine wunderbare Melodie nicht los von ständigem Kreisen um den Grundton. Der Komponist hat seinem Quälgeist von Frager, Schindler, geantwortet, er habe in diesem Satz, der auch den unmusikalischen Hörer erschüttert, "den Seelenzustand eines der Melancholie Verfallenen ausdrücken" wollen.

Joachim Kaiser spricht in seinem Buch über Beethovens Klaviersonaten von dieser Sonate als einem "Drama aus Helligkeiten und Finsternissen" - als habe er, vor 20 Jahren schon, Fosses Roman gelesen, der Musik und Bildende Kunst in eine neue, einander erhellende Verbindung nötigt.

Kein Wunder, dass der hoch begabte Maler, von der Wirklichkeit des Lebens bedrängt, sich in Traumwelten rettet. Doch auch dort quälen ihn Depressions-Gewitter, die er - Maler - als Schwarz-Weiß-Verheerungen erleidet, Bilder für Depression: "Die weißen und schwarzen Tücher bewegen sich auf mich zu ... Und die Tücher versuchen, in meinen Mund zu dringen ... Die Tücher packen mich."

Ein Trauer-Roman, ein Vernichtungs-Buch? Nein. Ganz verborgen, die Geschichte einer großen, also unglücklichen Liebe. Hat man in all der Rammelei-Literatur, die zurzeit keucht, etwas so Zartes vernommen wie diese Liebes-Szene ohne Berührung? "Aber er hat ihr Haar gelöst gesehen, wie es frei über ihre Schultern fiel ... Sie hat ihm ihr frei fallendes Haar gezeigt."

Jon Fosse:Melancholie Roman; aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel; Kindler Verlag, Berlin 2001; 445 S., 49,90 DM