Leider, so bemerkt Rolf Dieter Brinkmann 1974 im Vorwort zu seinem Gedichtband Westwärts 1 & 2, könne er nicht Gitarre spielen, dennoch hoffe er, dass es ihm gelungen sei, "die Gedichte einfach genug zu machen, wie Songs, wie eine Tür aufzumachen, aus der Sprache und den Festlegungen raus". Und einige Seiten später schreibt er das Gedicht: "Ein Lied zu singen / mit nichts als der Absicht / ein Lied zu singen, / ist eine schwere Arbeit."

Was dabei herauskommt, ist ganz leicht und sieht nach nichts aus. Der Schriftsteller Haruki Murakami, der zu Hause in Japan Millionenauflagen erreicht und, nach vergeblichen Versuchen erst des Insel-, dann des Berlin-Verlags, endlich auch in Deutschland Erfolg hat (jetzt bei DuMont), könnte etwas ganz Ähnliches sagen: Eine Geschichte zu erzählen mit nichts als der Absicht, eine Geschichte zu erzählen, ist schwer. Wenn es gelingt, gewinnt man leichter den Zuspruch der Leser als den der Kritik.

Naokos Lächeln, der eben erschienene Roman, nennt sich Nur eine Liebesgeschichte. Der Titel könnte auch über dem Roman Gefährliche Geliebte stehen, der vor einem Jahr herauskam und das Literarische Quartett in produktive Missverständnisse stürzte. Beide Bücher erzählen sehr einfache Geschichten sehr einfach, und das ergibt einen starken Effekt. Der Mangel an Literarizität erhöht die Authentizität. Oder, um es etwas weniger kritikerhaft zu sagen: Murakami zu lesen kann bedeuten, die U-Bahn-Haltestelle zu verpassen.

Indem Murakami die Aufmerksamkeit des Lesers von der Kunst weg auf den Inhalt lenkt, indem er die ästhetische Struktur der Geschichte unsichtbar macht und ihre reflexive Seite scheinbar ausblendet, indem er ausschließlich die traurig-schönen, nicht selten tödlichen Liebesbegegnungen schildert, wird man Zeuge einer Liebes- und Lebenserfahrung, die einen berührt.

Naokos Lächeln etwa hat die Wirkung eines der Songs, von denen Brinkmann spricht. Der Roman heißt im Original Norwegian Wood. Toru Watanabe, ehemals Student der Theaterwissenschaft und damals verstrickt in seine aussichtslose Liebe zu Naoko, befindet sich achtzehn Jahre später im Anflug auf Hamburg, und während die Maschine zum Flugsteig rollt, hört er aus den Bordlautsprechern den Beatles-Song Norwegian Wood. Jählings sieht er sich zurückversetzt in seine Jugend, schaudernd blickt er in den tiefen Brunnen der Vergangenheit, und erinnert sich, dass Naoko, als sie auf der Wiese saßen, zu ihm sagte: "Versprich mir, dass du dich immer daran erinnern wirst, dass es mich gab." Damals, unendlich verliebt, hat er es versprochen. Und nicht begreifen können, was er da Unhaltbares versprach. Erinnerung vergeht. Keiner ist Herr seiner Erinnerung. Allenfalls ihr Knecht.

Als Knecht seiner Erinnerung erzählt Toru die Geschichte mit Naoko. Und die Geschichte mit Midori. Naoko hat etwas heilig Unberührbares, sehr Verletzliches. Sie ist schön, als wäre sie nicht von dieser Welt. Midori hingegen ist lieb und sexy, dem Leben zugewandt; und am Ende, so hoffen wir, wird der von Naokos Suizid zerschmetterte Toru mit ihr glücklich werden.

Wir kennen das Ende nicht. Wir wissen nur, dass Toru, als er auf der Hamburger Rollbahn Norwegian Wood hört, seinen Kopf mit beiden Händen umfasst, bis die Stewardess ihn fragt, ob ihm nicht gut sei, ob sie ihm helfen könne. "Alles in Ordnung, sagte ich. Mit einem Lächeln verschwand sie. Ich richtete mich auf, sah aus dem Fenster auf die dunklen Wolken, die von der Nordsee herüberzogen, und dachte an all die Verluste, die ich in meinem Leben schon erlitten hatte. Verlorene Zeit, Menschen, die gestorben waren, Gefühle, die nie mehr wiederkehren würden."