I N T E R V I E W

Du willst in die Hölle? Also bitte, geh doch!

ZEIT-Gespräch mit Haruki Murakami

DIE ZEIT: Zu Beginn drei kurze Fragen. Die erste: Wo möchten Sie leben?

HARUKI MURAKAMI: Jetzt gerade möchte ich in Japan leben. Für eine Weile. Ich weiß nicht, wie lange. Es ist Zeit für mich, in meinem eigenen Land zu leben, denn ich habe viele Jahre in den USA und in Europa gelebt.

ZEIT: Welches ist zurzeit Ihr Lieblingslied?

MURAKAMI: Ich höre mir fast jede Art von Musik an.

ZEIT: Was essen Sie am liebsten?

MURAKAMI: Ich mag Gemüse. Und Fisch. Soba, Tofu. Ich esse nicht gern Fleisch.

ZEIT: Ihr Roman Gefährliche Geliebte war in Deutschland sehr umstritten. Schuld daran war offenbar die Übersetzung aus dem Amerikanischen.

MURAKAMI: Ich habe mich gefragt, warum man in Deutschland keinen Übersetzer finden konnte, der direkt vom Japanischen ins Deutsche übersetzt hätte. Deutschland ist doch ein großes Land, und es gibt dort so viele Intellektuelle. Meiner Meinung nach sollte es leicht sein, jemanden zu finden, der Japanisch und Deutsch lesen und schreiben kann. Finden Sie nicht?

ZEIT: Ich denke, ja. Haben Sie gewusst, dass Gefährliche Geliebte nicht aus dem Japanischen, sondern aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt wurde?

MURAKAMI: Auf die Idee bin ich nicht gekommen, deswegen habe ich das nicht überprüft. Wenn der Verlag mich gefragt hätte, hätte ich darauf bestanden, dass man einen Japanisch-Übersetzer findet.

ZEIT: In Deutschland wurde Ihr Roman fortan als erotischer Roman gehandelt, und Sie galten als freizügiger Autor, der Liebesszenen in einer rüden Sprache beschreibt. Doch im Original sind die Ausdrücke bei weitem nicht so hart.

MURAKAMI: Wenn ich über Sexualität schreibe, gehe ich sehr sorgfältig vor. Ich schreibe, schreibe um, schreibe neu, bis ich den besten Ausdruck, das beste Wort gefunden habe. Mein Buch ist kein erotischer Roman. Es ist die Geschichte von Menschen, die verzweifelt und ernsthaft nach etwas suchen. Nach Liebe. Also ist es eine sehr ernste Geschichte, eine sehr traurige Geschichte. Manchmal können Menschen ihrem Leben nicht entfliehen. Das wollte ich erzählen. Der Protagonist liebt zwei Frauen. Er muss sich entscheiden. Er tut es. Das ist eine traurige Geschichte. Einige Stellen sind erotisch, das war auch meine Absicht. Erotik ist ein Motor, um eine Geschichte voranzutreiben. Soweit ich weiß, haben die Leute in Deutschland immer nur über eine einzige Stelle in dem Roman geredet. Das finde ich bedauerlich. Als Norwegian Wood erschien, hat es in Japan einen ähnlichen Skandal gegeben. Das Buch wurde zwei Millionen Mal verkauft, man vermutete, es könnte gesellschaftliche Konsequenzen haben, deshalb die Kritik.

ZEIT: Ihr Roman Norwegian Wood ist in Deutschland unter dem Titel Naokos Lächeln erschienen. Was bedeutet Ihnen der Titel eines Buches?

MURAKAMI: In den meisten Fällen habe ich von einem Roman zuerst den Titel, einzige Ausnahme ist Norwegian Wood. Da habe ich erst geschrieben und dann nach einem Titel gesucht. Aber normalerweise habe ich zuerst den Titel im Kopf und verhalte mich wie ein Vogel, der ein Ei ausbrütet.

ZEIT: Sie haben mit 29 Jahren angefangen zu schreiben. Die Menschen in Ihren Büchern sind meist Ende 20, fast 30 Jahre alt. Ist das ein magisches Alter?

MURAKAMI: Als ich 30 Jahre alt wurde, dachte ich, ich muss unbedingt etwas für mich selbst tun. Deshalb fing ich an zu schreiben. In Japan gilt man mit 20 Jahren als volljährig, aber 30 ist der wichtigste Punkt im Leben: Man muss sich entscheiden, welche Art Leben man führen will.

ZEIT: Ihre Helden suchen immer nach irgendetwas, und man hat das Gefühl, dass sie nicht nur nach einer verlorenen Katze suchen, wie in Mister Aufziehvogel, oder nach einem Schaf wie in Wilde Schafsjagd. Wonach suchen diese Leute wirklich?

MURAKAMI: Die Suche ist eine Metapher. Jemand, der sich auf die Suche begeben kann, ist glücklich. Die Suche gibt dem Leben einen Sinn. Heutzutage ist es nicht so einfach, etwas zu finden, wonach man suchen könnte. Das Wichtigste ist aber ohnehin der Akt des Suchens, die Strecke, die man zurücklegt. Wohin sie führt ist nicht so wichtig. Also suchen meine Helden ständig nach etwas, vielleicht nur nach einer Katze, einem Schaf oder einer Ehefrau, aber das ist immerhin der Beginn einer Geschichte.

ZEIT:Naokos Lächeln, das 1987 in Japan erschien, ist ein Bestseller in Japan, fast jeder hat es gelesen. Der Erfolg dieses Buches ist der Grund dafür, dass Sie für einige Jahre nicht mehr in Japan leben konnten. Wovor hatten Sie Angst?

MURAKAMI: Ich bin kein geselliger Mensch. Ich lese gern, ich höre gern Musik, ich reise gern. Ich möchte in Ruhe leben und mich auf das Schreiben konzentrieren. Ich trete nicht im Fernsehen auf, ich halte keine Vorträge, und ich gebe keine Interviews, fast nie. Das Buch verkaufte sich einfach zu gut, ich wurde berühmt, und ich fühlte mich schlecht. Deshalb bin ich aus Japan geflohen. Insgesamt habe ich sieben Jahre im Ausland gelebt und dort vier Romane geschrieben.

ZEIT: Warum sind Sie immer wieder zurückgekommen?

MURAKAMI: Weil das mein Land ist. Ich kann meiner Kultur, meiner Sprache nicht ent- fliehen.

ZEIT: Also bedeuten die Begriffe Heimat und Heimatland Ihnen etwas?

MURAKAMI: Jeder fühlt Liebe und Hass seinem Land gegenüber. Manchmal liebe ich dieses Land, manchmal hasse ich es. Aber ich fühle Verantwortung für mein Land, für die Gesellschaft. Besonders nach dem Erdbeben in Kobe und dem Sarin-Gas-Anschlag in der Tokyoter U-Bahn. Beides waren Wendepunkte in der japanischen Nachkriegsgeschichte. Zurzeit befinden wir uns in Japan in einer Art Chaos, niemand weiß, wo es uns hinführen wird. Was ist das Ziel, was sind die Werte unserer Gesellschaft? Ich denke, ich sollte mithelfen, diesen Sinn, diese Werte wiederzu- finden.

ZEIT: Bekannteste Beispiele für japanische Schriftsteller, die Verantwortung für Ihr Land fühlen oder gefühlt haben, sind Yukio Mishima und Kenzaburo Oe. Gibt es irgendeine Verwandtschaft zwischen Ihnen und den beiden?

MURAKAMI: Ich weiß es nicht. Es ist sicher auch eine Frage des Charakters. Ich bin ein Individualist, mein ganzes Leben lang schon, und ich interessiere mich nur für meine persönlichen Angelegenheiten. Aber gleichzeitig habe ich das starke Bedürfnis, etwas für die Gesellschaft zu tun. Mein Studium am College fiel in die Zeit der Studentenunruhen, 1968/69. Wir waren jung und unglaublich idealistisch. Diese Tage sind vorbei, und vorbei ist auch der Idealismus. 30 Jahre später ist meiner Meinung nach wieder die Zeit gekommen, über unsere Gesellschaft nachzudenken. Allerdings tue ich das von einem strikt individualistischen Standpunkt aus.

ZEIT: Sie haben eine ganz eigene Art, amerikanische Wörter und Redewendungen in Ihre Sprache einfließen zu lassen. Was fasziniert Sie an amerikanischer Kultur?

MURAKAMI: Jeder fragt mich das.

ZEIT: Entschuldigung.

MURAKAMI: Ist schon in Ordnung. Als Kind, als Teenager, liebte ich alles, was amerikanisch war: Filme, Musik, Bücher. Es war die amerikanische Dekade, in den sechziger Jahren, jeder war fasziniert von dieser glitzernden, fantastischen, amerikanischen Welt. Es war ein Traum, ein Ausweg aus der Welt, in der ich lebte. Und ich hasste die japanische Literatur. Ich las nichts davon. Und als ich 30 wurde, wollte ich plötzlich etwas schreiben. Also borgte ich mir amerikanische Erzählstrukturen, von Raymond Chandler, Kurt Vonnegut. Nur die Strukturen übernahm ich. Sie habe ich dann mit meinen eigenen Geschichten gefüllt.

ZEIT: Eine typisch japanische Methode: sich aus einer anderen Kultur unbefangen das auszusuchen, was man für gut befindet, und es sich dann so zu Eigen machen, dass etwas Neues entsteht. Fühlen Sie sich manchmal verloren zwischen den Kulturen, zwischen Ost und West?

MURAKAMI: Nein. Ich habe nur einige Dinge aus fremden Kulturen übernommen und sie dafür benutzt, mein eigenes persönliches System zu schaffen. Das ist meine ganz persönliche Sache. Ich habe mein System zu schreiben über die Jahre hinweg immer mehr verfeinert, und meine Bücher sind immer stärker, immer besser geworden. Ich habe nicht ein Stückchen meiner japanischen Identität dabei verloren.

ZEIT: Sind Sie mit Ihrer Art zu schreiben der Einzige in Japan?

MURAKAMI: Ich denke, ja. Ich bin auch Übersetzer, ich übersetze amerikanische Literatur ins Japanische. Übersetzen ist Handwerk, aber gleichzeitig auch ein kreativer Akt. In der engen Verbindung von Übersetzen und Schreiben habe ich meinen besonderen Stil entwickelt.

ZEIT: Sie lassen mit außergewöhnlicher Leichtigkeit übernatürliche, fantastische Elemente in Ihre Geschichten einfließen. Diese Art zu schreiben hat auch etwas traditionell Japanisches, ich denke an die japanische Staatsreligion Schinto, einen pantheistischen Glauben, der in vielen Natur- und Alltagserscheinungen Götterwesen vermutet. Sind diese übernatürlichen Science-Fiction-Elemente also in Wirklichkeit etwas sehr Japanisches?

MURAKAMI: Wir sind von unglaublich vielen Göttern umgeben, hier in Japan. Meine Geschichten sind wie ein tiefer, dunkler Wald. Jedes Mal, wenn ich eine Geschichte schreibe, gehe ich in diesen tiefen, dunklen Wald und spaziere ein wenig herum, Tage, Wochen, Monate, Jahre, und dann komme ich wieder heraus. Wahrscheinlich gibt es eine Unmenge von Göttern in diesem Wald. Und all diese Götter haben die gleiche Stellung. In Amerika gibt es nur einen Herrn im Himmel. Er ist die absolute Existenz. Aber in unserem Land gibt es keinen Herrn im Himmel, unsere Götter sind direkt um uns herum. Das ist sehr demokratisch. Kennen Sie die Geschichte von Orpheus?

ZEIT: Ja.

MURAKAMI: Orpheus steigt in die Hölle hinab, um seine tote Frau zu sehen. Wir haben eine ähnliche Geschichte in Japan, eine Art Mythos. Orpheus hat ja ziemliche Schwierigkeiten, in die Hölle zu gelangen, er muss einige Proben bestehen, Lieder singen und so weiter. In Japan dagegen ist es sehr einfach, in die Hölle hinabzusteigen. Du willst in die Hölle? Also bitte, geh doch! Auch in meinen Geschichten ist es sehr einfach, in die übernatürliche Welt zu gelangen. Sie existiert zur selben Zeit und parallel zur sichtbaren Welt um uns herum.

ZEIT: In einem Ihrer Essays schreiben Sie, dass Sie nie etwas Außergewöhnliches erlebt haben.

MURAKAMI: Ja. Es ist ein langweiliges Leben.

ZEIT: Was war denn das aufregendste Erlebnis in Ihrem Leben bisher?

MURAKAMI: Das war der Zeitpunkt, als ich mit dem Schreiben angefangen habe. Ich war so glücklich, als das passierte! Aber abgesehen davon ist mein Leben ziemlich durchschnittlich, nichts Besonderes.

ZEIT: Aber Sie haben doch ein schönes Leben! Sie schreiben, Sie reisen.

MURAKAMI: Schreiben ist das Beste in meinem Leben. Ich bin so glücklich, schreiben zu können, und noch glücklicher, dass die Leute darauf warten, meine Bücher zu lesen. Das ist ein Wunder. Und ich glaube, ich sollte jemandem dafür danken. Aber ich weiß nicht, wem. Vielleicht Gott?

ZEIT: In Ihren Büchern wählen einige Menschen den Freitod, so in Naokos Lächeln und in Wilde Schafsjagd. Selbstmord hat in der japanischen Gesellschaft eine besondere Bedeutung.

MURAKAMI: Ich weiß nicht, warum, aber einige meiner Freunde haben sich umgebracht. Sie starben sehr jung. Das ist schrecklich traurig. Manchmal denke ich, wir hätten zusammen alt werden sollen, aber sie starben und bleiben für immer jung. In der japanischen Gesellschaft gilt Selbstmord nicht als Verbrechen. Viele Leute denken, wir haben das Recht, uns umzubringen, das ist unser Leben. Und die Gesellschaft hat Verständnis dafür. In Europa ist Selbstmord eine Sünde. In Japan nicht. In diesem Land denken viele Leute, dass Selbstmord ein romantischer Akt ist. Sie haben entschieden, dass dieses Leben es nicht wert ist, es zu leben, also bringen sie sich um. Ich frage mich auch immer noch, welchen Wert und welchen Sinn das Leben hat. Manchmal ist es schwer, in dieser Welt zu leben, aber ich denke, ich muss leben, so lange ich leben kann.

ZEIT: Man könnte glauben, dass Sie kein sehr glücklicher Mensch sind. Haben Sie einen Traum vom Glück?

MURAKAMI: Mein Traum vom Glück ist Freiheit. Aber dieser Traum ist nicht zu verwirklichen. Man kann sich nicht frei fühlen in dieser Welt.

ZEIT: Sie haben eben von Freundschaft gesprochen. Was macht gute Freunde aus?

MURAKAMI: Gute Freunde sind schwer zu finden und noch schwerer zu halten. Die Freunde selbst sind vielleicht schon weg, aber die Erinnerungen bleiben, und sie sind wie ein Feuer in meinem Inneren, an dem ich mich in besonders kalten Nächten wärmen kann. Das ist Freundschaft.

Lieferbare Bücher von Haruki Murakami

Naokos Lächeln. Nur eine Liebesgeschichte; aus dem Japanischen von Ursula Gräfe; DuMont, Köln 2001; 428 S., 46,- DM

Gefährliche Geliebte. Roman; aus dem Englischen v. Giovanni und Ditte Bandini; DuMont, Köln 2000; 230 S., 39,80 DM

Der Elefant verschwindet. Erzählungen; aus dem Japanischen von Nora Bierich u.a.; Rowohlt, Reinbek 2000; 192 S., 12,90 DM

Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt. Roman; aus dem Japanischen von Anneliese Ortmanns und Jürgen Stalph; Suhrkamp, Frankfurt/M. 2001; 542 S., 27,90 DM

Mister Aufziehvogel. Roman; aus dem Englischen v. Giovanni und Ditte Bandini; Goldmann, München 2000; 764 S., 25,- DM

Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah. Erzählungen; aus dem Japanischen von Nora Bierich; Rowohlt, Reinbek 2000; 224 S., 12,90 DM

Wilde Schafsjagd. Roman; aus dem Japanischen von Anneliese Ortmanns und Jürgen Stalph; Suhrkamp, Frankfurt/M. 1997; 306S., 19,80 DM

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  • Von Ulrike Haak
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