R O M A N Sutters Grund

Adolf Muschg hat einen kunstvollen, schönen, hochherzigen Roman geschrieben

Schweizer Romanhelden tun auch nur, was beinahe alle tun: am Leben vorbeileben. Etwas gründlicher vielleicht, dafür müssen sie auch umso schwerer büßen, mit Schuldkomplexen, heillosen kleinen Kunstwerken von Neurosen und sogar mit dem Leben. Das verdanken sie der Strenge und hohen Aspiration ihrer Erzähler, ihrem immer unzeitgemäßen Moralismus, für den das Leben kein Spaß, sondern eine Lebensaufgabe ist. In jedem von ihnen steckt ein Jeremias Gotthelf, ein larvierter Prediger und Mystagoge, der uns zum Licht, zur Vernunft, zum wahren Leben heimleuchten will. Und das schätzen und lieben wir ja an ihnen.

"Anstiftung zu einem ganzen Leben" hat Adolf Muschg in seinem Buch über Gottfried Keller dessen poetische Summe beziffert und damit das eigene Projekt umschrieben, an dem er auch in seinem neuen Roman unbeirrbar festhält, obwohl oder gerade weil es immer absurder wird. Es geht darin um Krankheit zum Tode, um Stirb-und-Werde, um Abgründe und Untiefen, in denen zwei Menschen buchstäblich ersaufen. Eine todtraurige Geschichte also, und doch will dieses Buch, wie schon im Titel Sutters Glück annonciert, auch ein heiteres sein.

Zu diesem Titel ist es für den Leser ein weiter Weg, ebenso weit wie für den Titelhelden selbst. Wir lernen Sutter in einem Zustand tiefer Erschütterung kennen. Seine Frau hat sich umgebracht und ihn allein mit sich und seinem stummen Schatten zurückgelassen. Er starrt ins Halbdunkle, wandert ziellos durch die Räume des Reihenhauses, füllt die Leere mit seinem Schatten nicht aus. Er spült Geschirr, räumt Dinge herum. Der Epikureismus alltäglicher Verrichtungen. Er sagt: Komm, Katze, wir futtern was. Sein Leben ist jetzt für die Katz. Ruths Katze, die auch übrig geblieben ist. Jede Nacht klingelt das Telefon ein paar Mal. Er nimmt es als Zeichen, dass er noch lebt, und hebt nicht ab. Draußen stehen Freunde mit beileidigtem Gesicht, um ihn zur "Heidenweihnacht" mitzunehmen, wo man "die Finsternis wieder erleben" wolle.

Die Finsternis erlebt er schon genug. Abend für Abend sitzt er lesend im Dunklen, in Ruths "Märchensessel" gekrümmt, in dem sie in den letzten Jahren ihrer Krankheit "immer weniger geworden" war. Medizinische Prozeduren hatte sie abgelehnt. Gegen die Schmerzen musste er ihr immer Grimms Märchen vorlesen. In den Märchen, fand sie, war alles gesagt, worüber mit "Anstand" sonst nicht zu sprechen war. Über Liebe und das, was zur Liebe fehlte, über Angst, Schmerz, Tod. Das "ersparte" man sich. Dem Leser steigt der säuerliche Geruch protestantischer Ethik in die Nase. Sutter nicht. Sutter liebte an Ruth diesen "Anstand", dieses Nichtaussprechen von Wahrheiten, die, ausgesprochen, nicht mehr wahr sind. Sutter ersparte ihr so seinen "Seitensprung", weil das Berührtwerden eines traurigen Mannes durch fremde Hände eben etwas anderes ist. Und Ruth ersparte ihm ihre Tränen. Zum Weinen ging sie nachts, während er schlief, in die Küche. Und so ging sie auch eines Morgens, während er schlief in einem schweren Mantel voller Steine, aus "Anstand" und um "dem fleischfressenden Tod zuvorzukommen" ins Wasser. Sie hat ihm nicht erspart, allein von Sils Maria, wo das geschah, nach Hause zurückzufahren, mit dem, was von ihr übrig geblieben war in einem schmucklosen "Kistchen" auf dem Beifahrersitz. Hat ihm die eiskalten Steine nicht erspart, die sie aus aller Herren Länder liebevoll zusammengesammelt hatte als ihren letzten Begleitschutz und mit denen er ein Mausoleum um das Kistchen baute. Hat ihm nicht erspart, unanständig einsam und hilflos übrig zu bleiben und mit ihrer Asche konversieren zu müssen. Noch mit ihrem Tod hat ihn die geliebte Frau ein letztes Mal enttäuscht und gekränkt durch diese letzte Zurückweisung.

Das sagt Sutter um Gottes willen so nicht, aber das sagt der Autor mit dem Anstand der Ironie im mitlaufenden Subtext. Das sagen die Gedichte des "Hohen Herrn Hugo" von Hofmannsthal, das sagen die Redensarten, die Ruth liebte, und "die Lippen zu diesen Redensarten", die Sutter liebte, um die im Tod "etwas lose Gewordenes spielte". Das sagen Grimms Märchen, die Sutter alle noch einmal liest. Zum Beispiel das Märchen vom Herrn Korbes, in dem sich Hähnchen und Hühnchen, Katz, Stecknadel, Nähnadel und ein Mühlstein zusammentun, um den armen Herrn Korbes in seinem Haus in Wahnsinn und Tod zu treiben. Wobei sie nichts Böses tun, nur das ihrer Natur Gemäße. Zum Beispiel stechen, mit den Augen funkeln oder herunterfallen auf einen Kopf.

Der Autor tut Sutter in seiner Not einen Gefallen. Um ihn von dem stechenden Verlustschmerz, der ihn schon an seiner Liebe irremacht, abzulenken, ihn von den vorwurfsvollen Blicken der Katze, die nicht aufhört, an Ruths Kistchen zu schnuppern, und auch von den Steinen eine Weile zu entfernen, lässt er im Stadtpark jemanden auf ihn schießen. Sutter, der tüchtige Gerichtsreporter a. D. darf jetzt, wenn er kann, seinen eigenen Fall lösen.

Die Kugel, die ihn in die Lunge traf, bringt einen Prozess der Selbsterfahrung ins Rollen, zu dem Sutter vor seinem 66. Lebensjahr offenbar keine Veranlassung gefunden hat. Und sie ruft die Exekutive auf den Plan - also Ärzte, Psychiater, Untersuchungsrichter, Seelsorger -, um sie an Sutters Krankenbett auflaufen zu lassen. Hier kann man Muschgs Kunst bewundern, den Dialog beziehungsweise Polylog zu inszenieren, den die Gesellschaft sich als Komödie selbst vorspielt, wenn sie einen Fall verhandelt - sei es Kinderschändung oder 68er-Schuld oder am liebsten beides zusammen. In maliziösen kleinen Satiren am Krankenbett trifft sich unsere stolze "Leistungsgesellschaft" konkurrierender Selbstverwirklicher ohne Selbst, die ihre Leistung, ihren Erfolg auf den Knochen anderer, "auf den Schultern des Skandals", erwirtschaften und im Traum nicht daran denken, Probleme zu lösen oder so etwas wie "Wahrheit" wissen zu wollen. Das Falsche, der Selbstbetrug, unterhält sie im doppelten Sinne, haben sie doch mit der Lüge, mit dem Unglück anderer ihr Saugnäpfchen des guten Auskommens gefunden, um es mit Gottfried Keller zu sagen. Und nicht zuletzt weil das so ist, bleibt die Schussfrage, bleibt Sutters Fall mit vereinten Kräften auch XY ungelöst.

Dieses ganze fröhlich pfuschende, durchaus dämonische Personal konnte man schon in Adolf Muschgs Roman Albissers Grund (von 1974) kennen lernen. Da es immer noch überall das Nämliche ist, hat er es hier komplett übernommen mitsamt dem Schuss, den der zappelnde Neurotiker Albisser auf seinen Therapeuten Zerutt abgibt. Und diesen Zerutt hat er auch übernommen. Als ein Untoter, einer, der nicht sterben kann, weil er nicht leben konnte, gespensterte er schon durch mehrere Romane und kehrt in Sutter wieder, dessen Name, wenn man ihn etwas schüttelt, das unvollkommene Anagramm von Zerutt ist. Grafologe, also Entzifferer fremder Schicksale, Vampir und Erzähler, der durch sein Geschichtenerzählen den Tod einer Frau hinauszögert - das alles ist Zerutt schon gewesen, und das alles ist Sutter auch. Genauso undurchsichtig und aus tiefer Verlegenheit sarkastisch. Ein Vampir, der als Gerichtsreporter vom Blut fremder Geschichten lebte. Davon gibt er uns jetzt ein Beispiel.

Auf der Suche nach dem Täter, dem Feind, liest er seine alten Gerichtsreportagen nach Hinweisen auf potenzielle Rachemotive noch einmal durch, stößt aber irritierenderweise "immer nur auf sich selbst". Ein Mensch wie Sie ist nicht nur das Opfer einer Tat, er ist auch ihr Komplize oder nicht?, fragt ihn der Untersuchungsrichter maliziös. Es gehört zu den ironischen Standards Muschgs, "Unzuständigen" Wahrheiten in den Mund zu legen zum Zeichen, dass jeder etwas weiß, nur von sich selbst nicht. Sutter schon gar nicht. ",Sich selbst' hätte er eine ungemein naive Schöpfung gefunden, einen nicht ernst zu nehmenden Prozeßgegenstand." Damals, heute dämmert ihm, dass er immer nur "verkappte Selbstbilder" lieferte, immer zu großer Form auflief, wenn er stiller Teilhaber mutiger Taten sein konnte, die für ihn mitgetan wurden.

Wie im Fall der Kalmückin Yalukha, die ihren deutschen Ehemann mit der Axt erschlug und so eine traurige, steril gewordene Ehe beendete. Sutter erinnert sich minutiös an jene lange Nacht, und wir erleben die tolle Szene mit, als er seinen später preisgekrönten Bericht wie im Fieber in die Maschine hämmerte, sich an der wilden Bluttat berauschte, sie zu einem "finalen Liebesbeweis", einem Gnadenakt gegenüber einem vor Verlassenheit jämmerlich gewordenen Mann stilisierte. Wie er zum berichterstattenden Falschmünzer und Dichter seines eigenen Stoffes wurde. Und Ruth, spöttisch wie nie, sagte: "Speichern, Sutter, sonst stürzt dir der schöne Text ab" und: "Hast du die Axt bereit?"

Sutter, der sein Leben schrieb, nicht lebte - also als symbolischer Dichter figuriert - liest im Buch der Unruhe seines Lebens. Wird zum Hilfsbuchhalter des Versäumten. Dessen, was nie war, aber hätte gewesen sein können, sein müssen. Er wacht mit nassem Gesicht aus Träumen auf. Sagt "Ruth, Ruth" wie Werther "Lotte, Lotte". Wie in den Märchen, in denen alles gesagt ist.

Den Prozess, den er gegen sich selbst anstrengt, verliert er

Im geblümten Märchensessel aber hält es Sutter bei aller Tapferkeit nicht mehr. Er gibt die Katze ins Heim, nimmt "das Kistchen" und die Steine und fährt wie alle Jahre im September nach Sils, genau ein Jahr nach Ruths Tod. Mit Ruth, mit dem, was von Ruth übrig blieb. Mit dem Kistchen. "Ich trenne mich von ihm, Ruth", sagt er. Und Ruth: "Viel Glück, Sutter."

Auf der hindernis- und abenteuerreichen Reise, die das Buch zum Ende hin beschleunigt, begleitet ihn das Kistchen wie der Schädel des Albertus Zwiehan den Grünen Heinrich auf seiner Wanderschaft - als Talisman gegen "unstatthaftes" Glück. Sutter (und mit ihm der Leser) gerät noch einmal in Satiren, sprich unter Menschen. In einer Absteige am Wege, einem schummrigen Barlachschen Interieur, weissagt ihm ein rätselhafter Fremder das Vergangene, das nicht vergeht. Alte Bekannte aus der Zeit des Yalukha-Prozesses vertreten ihm wie Gläubiger den Weg. Linke Spießer und Aufstiegskünstler, zu Atemtherapie und Marketing bekehrte Exapostel irgendeiner Befreiungsbewegung, die ihm mit langem Atem ihre Verluste vorrechnen, die er mitverschuldet habe. Leute, die immer mehr vom Leben erwarten, als sie dem Leben bieten können, und an denen Sutter erschreckt, dass er früher nicht mal ungern mit ihnen verkehrte. Jetzt aber will er schon lange nichts mehr als "weniger werden". Er will das Zappeln hinter sich bringen.

Doch vorher sollen wir noch Yalukha, die schöne Kalmückin, die von Sutter erdichtete und erträumte, kurz kennen lernen. In Sutters Pensionszimmer erwartet sie ihn mit einem Revolver und dem Versprechen eines unstatthaften Glücks. "Wenn Sie sich auszögen", sagt Sutter. Doch der Höhepunkt seines Lebens und des Romans muss ein anderer sein. So will es das "Kistchen", das Sutter am nächsten Tag "wie einen Teebeutel" im See versenkt, bevor er selbst zu den Müttern hinabgeht.

Muschgs Roman ist so dunkel und verstörend wie ein Traum. Ist voller Märchen und selber ein Märchen, das sich im Erzählen verbirgt. Aber der Autor, von dem man weiß, wie sehr er der Psychoanalyse, speziell Jungscher Provenienz, verpflichtet ist, hat einen Faden durchs Labyrinth seiner Erzählung gelegt, an dem wir uns heraushangeln können.

Wer ist Sutter? Sutter ist der exemplarisch unbeholfene, von seinen inneren Quellen abgeschnittene Mensch. Schon sein Name - Ruths "Werk"- steht für Unbeholfenheit. Sie taufte ihn, der gut Schwyzerisch Emil Gygax heißt, eines Tages so, nach einem naiven "Strichmännchen"-Maler namens Soutter. Ruth, die im Leben sein Halt war, wird sich auch im Jenseits eifersüchtig seiner annehmen. Mit ihrem Tod im Wasser gehört sie der anderen Welt an. Von dort, aus der Tiefe seines Unbewussten, ruft sie ihn.

Die nächtlichen Anrufe wie die ganze Krimi-Mimesis des Textes stehen für nichts als die Spannung, das Abenteuer mit sich selbst, das jetzt Sutters Leben vitalisiert. Die Verlorengegangene, die ihm mit ihrem Wispern, ihren Ermahnungen, ihrem Spott, ihren sibyllinischen Redensarten im Wachen wie im Traum nahe bleibt, wird zur mythischen femme inspiratrice, die ihn zum Sprechen, zum Prozessieren mit sich selbst bringt. Mit ihrem Ruf erreicht den Trauernden der Ruf aus seiner eigenen Unterwelt, dem Grab seiner Wünsche. Es dämmert ihm, dass der "Anstand", die Diskretion, das "Sich-gut-aushalten-Können" auch ein Euphemismus für Halbherzigkeit, Lebensangst und Flucht vor sich selbst war. Dass er ein Verschwender von Verzichten war. Der Tod als "Ernstmacher" (wie Muschg ihn in seinem Keller-Buch nennt) lässt ihn erstmals tapfer werden, und die Heldentat, die er vollbringt, ist für Muschg gewiss keine kleine. Er sucht nach seiner Wahrheit und hat den Mut, sie anzunehmen. Den Prozess, den er gegen sich anstrengt, verliert er.

Und doch: Jetzt, da das Wünschen nichts mehr hilft, da sie verloren ist, erfüllt sich diese Liebe erst, weil er sie fühlt in ihrer ganzen Unerfülltheit. Weil es sein Leben ist, was er da fühlt, seine Wirklichkeit, und etwas anderes hat man nicht. Das ist Sutters Glück, dass er diese Aufgabe lösen kann. Aber auch sein Unglück. Darin liegt die radikale Ironie dieses Buches (überhaupt immer bei Muschg), dass alles Gesagte von seinem Gegenteil unterwandert, jeder Spruch in seinem Widerspruch gespiegelt wird, "als Erinnerung an das Ganze". Zum falschen Leben kann er nicht zurück. Das zeigen die Satiren im dritten und letzten Teil dieser heutigen Variante einer Unterweltfahrt. Der hiesigen Welt, in der nichts mehr stimmt, in der ein "unfaßbarer Verlust" an Wahrheit eingetreten ist; in der Gefühlsanalphabeten das menschliche Genom "entziffern" wollen - dieser Gesellschaft, in der Tod und Leben gleichermaßen verhöhnt werden in einem Kosmos der Banalität, ist er verloren. Und das ist auch Ruths Werk, die, wie Geisterwesen eben sind, nicht nur hilfreich, sondern auch grausam ist. Die ihn erlöst, um ihn dann in die Tiefe zu sich hinabzuziehen. Und das heißt wohl: Leben ist unheilbar.

Der Bootsmann, der den toten, aus dem See gefischten Sutter am Ende an Land rudert, sagt schließlich: "Es gibt nicht nur Leben und Tod. Es gibt ein Drittes ... Das Vielleicht." Vielleicht ist das ja so.

Bestimmt aber ist dies ein kunstvolles, ein hochherziges, ein schönes Buch.

Adolf Muschg:Sutters Glück Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2001; 340 S., 39,80 DM

 
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