M A Z E D O N I E N Stimmen aus der Vorhölle

Tetovo in Mazedonien, eine belagerte Stadt. Noch wurde kein Mensch vertrieben, aber in den Köpfen beginnt schon die ethnische Säuberung. Ein Frontbericht

Tetovo

Bevor wir vom Krieg sprechen, sollten wir von Arben Suleimanis* Welt reden. Seine Eltern leben in Deutschland, ein Onkel wohnt in der Schweiz, Arben hat Verwandte in Prishtina, nach Sofia fährt er gern, und nach Tirana nur aus Neugier. Er lebt in Tetovo, im Viertel Beltepe in der Karaormanstraße. Das ist Arbens Landkarte.

Und jetzt sprechen wir vom Krieg, der noch keiner ist. Es ist zehn Uhr vormittags. Ein mazedonischer Artillerist macht sich zum sechsten Mal an diesem Tag an die Arbeit. Ein Donnerschlag zerreißt die Stille. Vögel fliegen aufgeschreckt in die Luft. Schau, die Vögel, sagt Arben. Was soll er auch sonst sagen, wenn die Krise schon sechs Tage dauert, der Artillerist zuverlässig sein Werk verrichtet, ebenso wie die Maschinengewehrschützen und die Männer mit den Zielfernrohren auf dem Gewehr, die Sniperisten, wie man sie in Albenglisch nennt.

Arbens Blick fällt wieder auf die Karaormanstraße, wo er jetzt nach Art seines Volkes auf den Fersen hockt, umgeben von seinen Freunden und gepeinigt von der Langeweile. Hier, vor Arbens Haus, ist die Karaormanstraße eng und verwinkelt. Die alten Mauern neigen sich ihrem Ende zu, die Holztore hängen schief in den Angeln, und dazwischen recken sich unverputzte Häuser drei- und vierstöckig in die Höhe, Früchte langer Gastarbeiterleben und mehr oder minder sauberer Geschäfte.

Es ist wieder still. Die Artillerie hat eine Pause eingelegt. Normalerweise, sagt Arben, hallt die Straße vom Kindergeschrei wider. Er selbst hat hier Fußballspielen gelernt. Xhevit war in der Mannschaft und Ephraim, der Mazedonier Ljupco, ein Türke und auch einer aus dem kleinen Volk der Aromunen. Es war eine gemischte Mannschaft, in Talent und Ethnie. Ja, so war das, schön war das. Komm, gehen wir spazieren!, sagt Arben.

Es geht die Straße runter, rund hundert Meter bis zur ersten Biegung und noch ein Stück weiter. Hier ist Schluss, denn im Haus dahinter hat die mazedonische Spezialpolizei Stellung bezogen und schießt jetzt wieder aus allen Rohren auf den Berg, der seinen mächtigen Körper aufwirft. An der Spitze liegt die alte türkische Burg Kale. Dort haben sich die Rebellen der UÇK vor einigen Tagen verschanzt, auf die Stadt geschossen oder einfach nur in die Luft, so genau weiß das keiner, und damit die schwerste Krise ausgelöst, die der kleine Staat Mazedonien seit seinem Bestehen 1991 erlebt hat.

Arben drückt sich gegen eine Hauswand, während sich die Geschosse krachend in den Berg bohren, vielleicht auch in das Fleisch eines Rebellen, der sich da oben verschanzt hat, zwischen Mauern, in Ferienhäusern und unter den Kirschbäumen, die in voller Blüte stehen. Ich kenne jeden Millimeter auf dem Berg, sagt Arben, da bin ich am Wochenende immer spazieren gegangen. Aber jetzt, nix mehr mit Spazieren. So geht es zurück, immer an den schützenden Hauswänden entlang.

Hinter einer Biegung stößt die Karaormanstraße an den Fluss, den sie Shkumbin nennen, Pena auf Mazedonisch. Das Café S¾r ist gut gefüllt, wie jeden Morgen. Hinter verschmierten Glasscheiben sitzen die Männer auf Hockern, trinken Tee und schauen den Berg hinauf, der gespalten ist und aussieht, als wollte er sich auf die Stadt zuwälzen. Ein paar Schüsse, wieder Vögel über den Häusern, aber keiner sagt, schau, die Vögel, weil das schon so oft gesagt worden ist. Stattdessen sagt Arben: UÇK! Ich kenne die UÇK. Er erzählt von einer Wohnung in Prishtina, die er besessen hat. Als er nach der Intervention der Nato nach Prishtina fuhr, damals, als sich der balkanische Teufelskreis in die andere Richtung zu drehen begann, Serben und Roma zu Zehntausenden vertrieben wurden, Häuser brannten und orthodoxe Kirchen niedergerissen wurden, fand er ein Schild an der Tür seiner Wohnung: EINTRETEN VERBOTEN! UÇK!

Und was hast du dann gemacht, Arben?

Ich hab schnell verkauft!

Um gutes Geld?

Er lacht nur und sagt: Ich kenne die UÇK.

Oben am Berg, von dem Rauchsäulen aufsteigen, sitzen jetzt die Rebellen und nennen sich UÇK und sagen, wir kämpfen für die Rechte der Albaner in Mazedonien, für Arben also und seine Kinder, damit sie ein gleiches Recht auf Schule, Ausbildung, Arbeit haben, damit sie endlich nicht mehr Bürger zweiter Klasse sind. Ich kenne die UÇK, sagt Arben noch einmal, lacht wieder und will den Rest der Geschichte nicht erzählen, weil es doch Albaner sind, die unter dem Banner UÇK sich versammelt haben, Brüder. Gleich um die Ecke, dort wo die Karaormanstraße im Pflaster eines kleinen Platzes endet, steht wieder Polizei und feuert eine Garbe auf ein Ferienhaus ab. Es ist die Exekutive des Staates, dessen Bürger Arben ist. Die Regierung schickt Panzer, Soldaten, Munition, jeden Tag etwas mehr, um mit den "Terroristen" fertig zu werden. Im Café erzittern die Scheiben vom Grollen eines gepanzerten Mannschaftswagens. Arben steht auf, die anderen tun es ihm gleich, und schon rollt das Ungetüm vor das Café, steht sekundenlang da wie eine ratlose Schildkröte und schwenkt sein Rohr drohend hin und her. Komm, gehen wir spazieren, sagt Arben. Aus dem Spaziergang wird ein schneller Trott, ein Weglaufen vor der Macht des Staates, der sagt, er sei gekommen, um seine Bürger vor den Terroristen zu schützen. Arben vertraut denen da oben nicht und auch nicht denen da unten.

Ist es denn so schlimm in Mazedonien? War es denn früher, im Jugoslawien Titos, besser?

Der kleine Xhevit, der neben Arben herläuft, hat mitgehört und zieht seinen Personalausweis aus der Tasche.

Hier, schau mal, das ist alles in Mazedonisch geschrieben. In Jugoslawien war es Mazedonisch, Serbisch und Albanisch!

Arben nimmt seinen Pass.

Hier, schau mal, Passport in Kyrillisch, auf Deutsch, Englisch und Französisch. Und Albanisch? Das existiert nicht. Wir existieren nicht.

Ist das schon Unterdrückung?

Aber wir sind doch gut die Hälfte der Bevölkerung! In Tetovo sind wir 95 Prozent.

Da ist sie wieder, die Zahl der Köpfe, die immer alles bestimmen soll auf dem Balkan und deshalb immer umstritten ist. 23Prozent, behaupten die Behörden, beträgt der Anteil der Albaner an den rund zwei Millionen Mazedoniern. Mindestens 45 Prozent, behaupten die Betroffenen. Darum fordern die Rebellen auf den Bergen die Anerkennung der Albaner als konstituierendes Staatsvolk per Verfassung, weil sie eben viele sind und weil gegen sie kein Staat zu machen ist. Selbst eine Zahl ist keine einfache Wahrheit. Sie ist Sprengstoff. Aber das ist doch nicht Unterdrückung wie im Kosovo zu Zeiten von Milocevic? Komm, wir gehen spazieren, sagt Arben. Diesmal geht es in den Keller seines Hauses, weil der Waffenlärm zunimmt und das letzte Menschenleben aus der Karaormanstraße fegt. Hier sitzen all die Freunde zusammen, allesamt Albaner, weil die Gewalt die Nachbarschaft innerhalb weniger Tage nach Ethnien aussortiert hat. Es gibt dicke Käsescheiben und vom Laib gebrochenes Brot, alles von ungeschickten Männerhänden zurechtgemacht, denn die Frauen sind längst aus der Stadt geschickt worden, in Sicherheit nach Prishtina, nach Tirana und nach Istanbul. Die Kinder sind auch nicht mehr da, und es ist still wie sonst nie.

Warum schießt die Polizei nur auf albanische Häuser?

Nach dem Essen steigen alle in den letzten Stock von Arbens halbfertigem Haus. Manche haben ein Fernglas um den Hals gehängt, damit sie das Buschwerk des Berges genauer untersuchen können, die Mauern und winzigen Häuser, auf die jetzt die Polizei nach Kräften schießt. Man hat einen guten Blick von hier. Alle drängen sich um das Fenster wie Spanner oder Jäger auf der Pirsch, und keine Salve bleibt ohne Kommentar.

Ein Feuerblitz an einer Hauswand.

Sie sagen, sie schießen auf die Rebellen. Aber ich habe keine gesehen in all den Tagen. Das ist alles Lüge.

Ein Granate explodiert irgendwo im Grün.

Sie sagen, die Terroristen greifen die Stadt an, aber vom Berg schießen keine. Die schießen doch nicht auf die eigenen Leute.

Ein schweres Maschinengewehr nimmt ein unverputztes großes Haus unter Feuer. Mauerwerk spritzt aus seinem Körper, und über dem Dach wirbelt Ziegelstaub wie roter Wüstensand.

Das ist ein albanisches Haus. Der Besitzer arbeitet in Italien. Da ist keiner drinnen. Warum schießen sie darauf? Weil es ein albanisches Haus ist! Sie schießen nicht auf ein mazedonisches Haus!

Eine weitere Garbe gräbt sich in die Ziegel.

Dreißig Jahre hat er im Ausland für dieses Haus geschuftet. Und jetzt? Alles kaputt, in wenigen Sekunden! Warum schießen sie nicht auf ein mazedonisches Haus, da drüben wohnen alles Mazedonier.

Da drüben, das ist Koltuk, ein Haufen ineinander verschachelter Häuser am Fuß des Berges. Koltuk ist ein Teil von Beltepe, dem Heimatquartier von Arben. Es wird fast ausschließlich von Mazedoniern bewohnt. Der Blick von Arben und seinen Freunden richtet sich auf das mazedonische Koltuk, und ein vielstimmiger Chor erhebt sich.

Die haben alle Waffen dort. Die Polizei hat sie an sie verteilt. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie drei Zivilisten in ein Haus gingen und wenig später uniformiert rauskamen.

Auf den Dächern sind Sniperisten postiert.

Den Lehrer Ramadani haben sie am ersten Tag mit einem Kopfschuss getötet!

Ja, die schießen auf uns!

Ramadani war ein wunderbarer Mensch!

Und dann sagen sie, es war die UÇK!

Alles Lüge!

Sie hassen uns, nur weil wir Albaner sind!

So fällt Koltuk aus Arbens Welt. Und nach und nach wird alles, was früher bunt war, einfarbig, bis es schließlich nur mehr Schwarz und Weiß gibt, wir und die. Im Schatten der Gewalt findet eine ethnische Säuberung in den Köpfen statt, noch lange bevor ein einziger Mensch vertrieben wird.

Es wird eng, und es wird Nacht. Die Polizeistunde ist angebrochen. Komm, gehen wir zu Hashim nach Hause, sagt Arben. Die Küche ist der sicherste Ort, weil sie nach hinten hinausschaut. Nur hier darf das Licht brennen, während zur Straße alles dunkel bleibt und der Fensterladen einen Spalt weit geöffnet ist, damit man auf den Berg lugen kann, der jetzt pechschwarz ist. Der Fernseher läuft, Nachrichten über Nachrichten. Ministerpräsident Ljupco Georgievski erscheint auf dem Bildschirm, ein junger, blasser Mann mit einem schwarzen Bart und vollen Lippen. Er hält eine lange Rede an die Nation.

Die Terroristen kommen aus dem Kosovo und wollen unser Land destabilisieren.

Alles Lüge, sagt Arben.

Wir werden keinen Zentimeter unseres Heimatbodens aufgeben.

Keinen Zentimeter! Sie haben ja schon die Berge über Tetovo verloren, sagt Hashim.

Wir rufen die Nato auf, uns zu helfen.

Erinnerst du dich, sagt Arben, an die Intervention der Nato gegen Jugoslawien? Die Mazedonier haben in Massen gegen die Nato demonstriert. Sie haben die US-Botschaft fast gestürmt. Und jetzt rufen sie nach Hilfe. Die Nato weiß genau, dass die Slawen die Feinde des Westens sind, nicht die Albaner.

Wir haben die Flüchtlinge aus dem Kosovo vor zwei Jahren aufgenommen und ihnen Brot gegeben. Jetzt bekommen wir als Dank dafür Kugeln!

Lüge, Lüge, ruft Hashim. Keine einzige mazedonische Familie hat Flüchtlinge aus dem Kosovo aufgenommen. Nur wir Albaner haben es getan. Wir haben hier in Tetovo Brot gesammelt und sind nach Blace gefahren. Du erinnerst dich? Blace an der Grenze? Tagelang haben die Mazedonier die Kosovo-Albaner dort unter offenem Himmel vor sich hin vegetieren lassen, in Hunger, Krankheit und Dreck. Als wir mit unserem Brot angekommen sind, schlug uns die Polizei mit Knüppeln! Das war ihre Hilfe!

Ohrenbetäubender Krach übertönt Georgievskis Rede. Arben und Hashim laufen in das Zimmer, das zur Straße schaut. Durch den Spalt sehen sie ein Haus auf den Hügel lichterloh brennen. Leuchtspurgeschosse zerschneiden das Dunkel und fliegen rot glühend in Feindesland. In den kurzen Pausen zwischen den Maschinengewehrsalven ist der Muezzin zu hören, der zum Abendgebet in die Moschee ruft. Aus der Küche kommt die Stimme Georgievskis. Wir werden die Souveränität unseres Landes mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen.

22 Uhr, es ist die Zeit, in der Telefonieren billiger ist. Und so klingelt das Mobiltelefon von Arben: Die Eltern aus Deutschland, der Onkel aus Zürich, die Verwandten aus Prishtina und auch Hashims Angehörige aus Schweden. Wie sieht die Lage aus? Gibt es Tote? Steht mein Haus noch? Fragen aus einer Welt, die jetzt in die Ferne gerückt ist, so weit weg, dass sie unwirklich geworden ist, wie die Erinnerung an das pralle Leben der Karaormanstraße. Arben gibt beruhigende Antworten, Nachrichten aus seiner Welt, die in wenigen Tagen geschrumpft ist, zuerst auf Tetovo, dann auf Beltepe, auf die Karaormanstraße, und jetzt ist von all dem nur mehr die Küche übrig, in der Arben hockt.

Bis tief in die Nacht läutet das Telefon, aber Arben liegt bald halbtot im Bett und hört nichts mehr. Erst gegen sechs Uhr morgens erwacht er mit einem Schlag. Der Artillerist hat heute früher mit seiner Arbeit begonnen.

* Alle Namen wurden auf Wunsch der Interviewten geändert

 
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